Ständig fremdbetreut: Gut fürs Kind?

Krippe, Kindergarten, Hort: Unsere Kinder verbringen schon früh viel Zeit in Betreuungseinrichtungen. Was bedeutet das für sie?

von Barbara Weichs, aktualisiert am 14.12.2015

Ständig im Blick: Kinder sind heute die meiste Zeit von Pädagogen umgeben

Banana Stock/RYF

Neulich beim Elternabend im Kindergarten: In Rollenspielen sollten wir Eltern erleben, wie sich der Kita-Alltag für unsere Kleinen anfühlt. Bei einem mussten sich alle außer mir um einen Tisch setzen, auf dem ein Blatt Papier lag. Sie waren die Kinder. Für mich gab es einen Stuhl etwas abseits sowie einen Block und einen Stift. Ich war die Erzieherin. Nun hatten die Kinder zehn Minuten Zeit, sich mit dem Papier zu beschäftigen. Ich sollte aufschreiben, was passiert.


Kinder: Von Pädagogen umgeben

Während ich Notizen machte, fragte ich mich, wie das wohl für die Kinder sein muss, wenn sie ständig von einer Person beobachtet werden. Und ich erinnerte mich, was ich kürzlich im 14. Kinder- und Jugendbericht (KJB) der Bundesregierung gelesen hatte. In ihm hat eine unabhängige Expertenkommission die Lebens­situation von Heranwachsenden in Deutschland analysiert. Kinder sind heute, hieß es da, "von einer Vielzahl von Personen umgeben, die sich von Berufs wegen um sie kümmern, sie betreuen, beaufsichtigen, erziehen, beraten, unterrichten, trainieren". Und das viele Stunden des Tages, von klein auf.

Mit einem Jahr in die Krippe, mit drei in den Kindergarten, mit sechs in Schule und Hort. Wir berufstätigen Eltern sind heilfroh, dass es ­diese Betreuungseinrichtungen gibt und sich das Personal liebevoll um unsere Kleinen kümmert, während wir in der Arbeit sind. Aber: "In ­diesem Ausmaß ist das für Kinder und Jugend­liche ­eine neue Erfahrung", heißt es dazu im KJB. Von einem Wandel der Kindheit sprechen die Experten gar.

Andauernde Beobachtung und Bewertung

Der Gedanke, der mich nicht mehr ­loslässt: Muten wir unseren Kindern mit dieser oft ­nahe­zu lückenlosen Fremdbetreuung in ihren jungen Jahren am Ende zu viel zu? Was macht das eigentlich mit unseren Kleinen, wenn sie den ganzen Tag von pädagogischen Profis umgeben sind – und ihr Spielen und Tun ständig beobachtet und bewertet wird?

Susanne Jänicke ist Fachwirtin für Erziehungswesen und betreut seit 26 Jahren Kinder, seit elf Jahren leitet sie eine Kinder­tagesstätte in München. "Das Beobachten ist nicht das Problem", sagt sie. "Sondern vielmehr, dass es für Kinder schwerer wird, einen Rückzugsort zu finden, wo sie auch einfach mal ihre Ruhe haben oder Freiräume erleben, die sie selbst gestalten können." Denn so ein Tag in der Kita ist für die Kleinen ähnlich fordernd wie ein Acht-Stunden-Arbeitstag für uns. In der Kita herrscht ein hoher Lärmpegel, die Kinder bewegen sich den ganzen Tag in einer größeren sozialen Gruppe, müssen sich mit anderen auseinandersetzen. Und nicht zu vergessen die vielen Regeln, an die sie sich von klein auf halten müssen. "Das ist richtig anstrengend, wenn es keinen Rückzugsort gibt, an dem man sich selbstbestimmt bewegen kann", erklärt die Erzieherin.

Wichtig: In der Kita auch mal allein sein können

Eine gute Kita tut daher alles, um dieses Grundbedürfnis der Kinder zu erfüllen: einfach mal sein Ding machen können, sich ausruhen, alleine oder nur mit dem besten Freund spielen, ohne dass einem dabei ständig die Betreuer über die Schulter gucken. Am leichtesten geht das, wenn es in der Einrichtung mehrere kleinere Räume oder einen Garten gibt. "Dann können die Kinder die Tür hinter sich zumachen oder nach draußen gehen", sagt Susanne Jänicke. Beruhigend zu wissen: Um ihre Aufsichtspflicht nicht zu verletzen, sehen die Erzieherinnen unauffällig, aber immer wieder kurz nach den Kindern.

Beruhigend ist aber noch etwas anderes, was Susanne Jänicke erzählt. "Eltern müssen keine Angst haben, dass sie ihrem Kind etwas nehmen, wenn es den ganzen Tag in einer pädagogischen Institution verbringt." Studien zeigen, dass die Familie für Kinder trotzdem der wichtigste Sozialisationsort bleibt. Offiziell gelten Kitas ja auch als familien­ergänzende Einrichtungen. Wenn es gut läuft, tauschen sich Betreuerinnen und Eltern beständig aus. "Eltern sind heute sehr verunsichert in Erziehungsfragen. Von uns bekommen sie fachliches Wissen und kompetente Tipps genau für ihr Kind", sagt die Erzieherin.

Zu Hause: Entspannte Zeit mit den Eltern

Und zu Hause? Geht dort nicht das Fördern weiter? Sind Eltern da nicht auch versucht, die Kleinen ständig zu beobachten und zu erziehen? Schließlich kümmern sich dort ein beziehungsweise zwei "Betreuer" intensiv um den Nachwuchs. Ein Denkfehler, wie ­Susanne Jänicke versichert. "Zu ­Hause hat ein Kind seine Mama oder seinen ­Papa ganz für sich. Das gibt ihm Sicherheit und ist damit eine komplett andere ­Situation als in der Kita", erklärt die Expertin. Etwas anderes ist für die Zeit mit uns Eltern viel wichtiger: Die Kleinen sollten ganz normalen Alltag und eine entspannte Zeit erleben. Nichts anderes brauchen sie, der Input aus der Kita reicht aus.

Damals, am Elternabend hatten die Eltern, die die Kinder spielten, übrigens schnell vergessen, dass ich sie beobachte. So haben sie es mir danach erzählt. Sie hatten einfach nur Spaß mit dem schlichten Blatt Papier auf dem Tisch.



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