Spielzeugwaffen: Brauchen Jungs das?

Schwerter, Pistolen, Säbel – kleine Jungs lieben oft Spiele mit Waffen, Eltern sind darüber häufig entsetzt. Warum Verbote falsch sind

von Barbara Weichs, aktualisiert am 17.10.2016

Spielzeugwaffen faszinieren viele Kinder – ist das ein Problem?

F1online digitale Bildagentur GmbH/--

Die Entrüstung beim Elternabend im Kindergarten war groß. Eine aufgebrachte Mutter erzählte, dass ihr Dreijähriger sie kürzlich mit einem Stock bedroht habe und so tat, als würde er auf sie schießen. Das könne sich ihr Sohn nur von den gro­ßen Jungs abgeguckt haben. Die Erzieherinnen, so ihre Forderung, sollten Spiele mit Waffen künftig doch bitte unterbinden.

Spielzeugwaffen verbieten – ist das sinnvoll?

Ich, die ­Mutter eines der großen Jungs, ­merkte, wie ich mich innerlich sofort in Verteidungsstellung ­brachte. Denn mir leuchtet es ein, dass sich mein Sohn (5) mit Schild und Holzschwert bewaffnet, wenn er mit seinen Freunden als Ritter verkleidet eine Burg einnehmen will. Oder sich seinen selbst gebastelten Säbel in den Gürtel steckt, um das Piratenkostüm neben abgeschnittenen Jeans, Augenklappe und Kopftuch perfekt zu machen.

Ich gebe jedoch zu: Anfangs hat mich seine Begeisterung für Spiele, bei denen er Waffen braucht, irri­tiert. Seine große Schwester (9) hatte sich dafür nie die Bohne interessiert. Aber meinem Sohn die Waffen verbieten? Das kam für mich bislang nicht infrage. Ein bisschen kam ich nach dem Elternabend allerdings ins Grübeln: Bin ich nur so tolerant, weil es hier um meinen Sohn geht? Ist diese Toleranz vielleicht sogar falsch und nicht angebracht?


Andreas Engel ist Diplom-Psychologe und Erziehungsberater in Hof

W&B/Privat

Spiel mit Waffen schult Umgang mit Stärke

"Im Gegenteil. Sie tun Ihrem Sohn damit einen Gefallen", ermutigt mich Andreas Engel von der Erziehungsberatungsstelle Hof. Denn das, worum es bei der kindlichen Faszination für Waffen geht, ist nicht das, was wir Erwachsenen damit verbinden – Krieg, Töten und Leid. Vielmehr geht es um einen "fantasierten Umgang mit Stärke", so der Diplom-Psychologe.

Egal, ob die Waffe aus Holz oder Plastik gearbeitet ist, eine Banane umfunktioniert wurde oder ein ausgestreckter Finger als Pis­tole herhalten muss – für die Kleinen ist er wie ein Zauberstab. Er verleiht ihnen Macht, mit der sie sich, zumindest im Spiel, die Welt gefügig machen können. "Ängste und Unsicherheit lassen sich damit bewältigen, Stärke und Überlegenheit erlangen", erklärt Engel. Ein tolles Gefühl, wenn man ansons­ten immer der Kleine ist, der sich den Regeln der Erwachsenen fügen und erst noch Selbstbewusstsein erlangen muss!

Themen von Jungen und Mädchen unterscheiden sich stark

Entwicklungspsychologen sehen in der Faszination für Waffen, die vor allem Jungen im Alter von vier bis sechs Jahren zeigen, daher auch eine ganz nor­­male Phase. "Das ist das klassische Rollen­spielalter, in dem Kinder das aufgreifen, was ihnen an Themen begegnet und was sie interessiert", erklärt Andreas Engel. Mädchen und Jungen unterscheiden sich dabei deutlich. Vater-Mutter-­Kind, Schule oder Kinder­garten sind typisch weibliche Themen.


Günther Gugel ist Pädagoge. Er war mehr als 30 Jahre lang Geschäftsführer des Instituts für Friedenspädagogik/ Berghof Foundation in Tübingen

fotografie-jill-carstens.de

Jungen hingegen spielen gerne laut, sind konkurrenzorientiert, messen ­ihre Kräfte und sind fasziniert vom Kampf zwischen Gut und Böse. Gerade deshalb finden sie die klassischen männlichen Rollen wie Ritter, Cowboy oder ­Pirat so anziehend. "Sie schlüpfen in die ­Rolle, identifizieren sich damit, setzen sich mit ihr auseinander und legen sie dann auch wieder ab", sagt der Psychologe.

Kinder unterscheiden Spiel und Realität

Und das ist ein wichtiger Punkt, der oft übersehen wird: Die Kleinen können sehr wohl unterscheiden zwischen ihrer Rolle im Spiel und der Wirklichkeit. Eltern selbst hingegen sorgen sich, dass genau dies dem Nachwuchs nicht gelingt. "Erwachsene neigen dazu, Kindern zu unterstellen, dass sie Fantasie mit Realitität vermischen und Gewalt als Konfliktlösungs­stra­te­gie einüben", sagt der Päda­goge ­Günther Gugel, der mehr als 30 Jahre lang Geschäftsführer des Instituts für Friedensforschung in Tübingen gewesen ist.

Es gibt jedoch keinen Beleg dafür, dass ein Junge zum gewalttätigen und aggressiven Mann wird, wenn er als Fünfjähriger mit Waffen gespielt hat. "Gewalt und Aggressivität erlernt ein Kind nicht im Rollenspiel, sondern durch real erlebte Gewalt", sagt Gugel. Auch die Angst, dass in der Familie ein Waffennarr heranwächst, ist unbegründet. "Es gibt in der kindlichen Entwicklung einfach Themen, die vorübergehend wichtig sind und dann auf einmal keine Rolle mehr spielen", erklärt Andreas Engel.

Waffenspiele nicht grundsätzlich verbieten

Verspüren Eltern trotzdem Unbehagen, wenn ihr Sohn bis an die Zähne bewaffnet durch den Garten robbt, gibt es in den Augen der beiden Experten nur eines: es aushalten. "Verbote bringen nichts, im Gegenteil, sie machen die Sache nur interessanter. Außerdem wären sie falsch", sagt Günther Gugel. Denn das Spiel des Kindes ist wie ein Fenster in sein Innerstes: Im Spiel zeigt es, was es beschäftigt, was es verarbeitet und wobei es vielleicht auch die Hilfe von ­Mama und Papa braucht.

Das müssen keine schwerwiegenden Probleme sein, das kann zum Beispiel ein Foto einer Kriegsszene in der Zeitung gewesen sein, das es gesehen hat und es nun ängstigt. "Mit einem Verbot schließt man dieses Fenster einfach", sagt der Pädagoge. Ein Verbot macht aber noch etwas anderes. Es vermittelt dem Kind die Botschaft: Das, was dich interessiert, ist nicht erlaubt. Und das frustriert die Kleinen.

Deshalb raten beide Experten, sich klar hinter den eigenen Nachwuchs zu stellen, wenn Außenstehende mit Unverständnis auf den bewaffneten Sohn reagieren. "Sagen Sie dem Gegenüber, dass das Spiel mit Waffen für ihn ­eine kons­truktive Auseinandersetzung mit einem Thema ist, das ihn im Moment stark beschäftigt", rät Andreas Engel. Und vielleicht lässt sich mit den Gegenfragen "Welche Befürchtungen ­hast du denn?" und "Was interessiert dein Kind denn gerade?" die Forderung nach ­einer Friedensmission einvernehmlich lösen.

Wichtig: Regeln aufstellen

Dennoch gibt es natürlich Grenzen der Toleranz. "Ich ­würde einem Kind nie Gewalt- und Kriegsspielzeug schenken", erklärt Günther Gugel. Spielzeug also, das realen Vorbildern originalgetreu nachgebildet ist und teilweise sogar täuschend echte Geräusche macht. "Sie lassen keinen Platz für die ­eigene Fantasie und sind für Rollenspiele ungeeignet", erklärt der Pädagoge. Außerdem darf mit den Waffen niemand verletzt, unterdrückt oder gar diskriminiert werden.

Und natürlich müssen Eltern klarmachen, wenn sie etwas absolut nicht möchten, zum Beispiel, dass der Sohn mit einer Waffe auf sie zielt. Auch für Kämpfe braucht es Regeln: dass das Gesicht tabu ist etwa, dass nur so getan wird, als ob man die Schwerter kreuzt, und dass ein "Stopp!" bedeutet, dass man die Rangelei unterbricht. "Erklären Sie Ihrem Kind, dass auch die Ritter früher mit Regeln gekämpft haben, dann fällt es ihm ­sicher leicht, diese zu akzeptieren", sagt Andreas Engel.

Das Waffenarsenal in unserem Haushalt hatte seinen letzten Neuzugang an Fastnacht. "Ein Cowboy ohne Pistole ist doch kein richtiger Cowboy", hat mir mein Sohn erklärt. Da musste ich ihm recht geben und habe mein Portemonnaie gezückt.



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