So gewöhnen sich Kinder den Schnuller ab

Der Schnuller kann Trost spenden und die Eltern entlasten. Spätestens im Kindergarten sollten ihn die Kleinen aber loswerden. Experten erklären, wie der Abschied gelingt

von Julia Jung, 25.05.2016

Viele Kleinkinder lieben ihren Schnuller: Wann ist es Zeit für den Abschied?

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Stille. Nur unterbrochen von einem zarten Schmatzen. Das ist der Klang des Schnullerns. Wenn ein winziger Schreihals sich plötzlich beruhigt und alle wieder aufatmen – danke Schnuller, denkt man dann. Kein Problem, sagen Experten, das Saugbedürfnis von Babys soll befriedigt werden, gegen einen Schnuller spricht nichts.


Schnuller sollte immer nur zweite Wahl sein

Aber schon jetzt sollten Eltern­ den Schnuller nicht unüberlegt geben. "Zunächst sollte das Kind durch körperliche Nähe getröstet werden und der Schnuller zweite Wahl sein", sagt Dr. Hermann Scheuerer-Englisch, Diplom-Psychologe und Leiter der Erziehungsberatungsstelle Regensburg. Denn Situa­tionen, die das Baby ohne Schnuller, aber mit viel Eltern-Nähe bewältigt, stärken sein Selbstberuhigungssystem im Gehirn. Und das macht die Entwöhnung des Nuckels ein, zwei Jahre später leichter.

Ständiges Nuckeln fördert Fehlstellungen

Viele Kleinkinder lieben ihren Schnuller heiß und innig, obwohl sie kein körperliches Saugbedürfnis mehr spüren – das Nuckeln ist pure Gewohnheit geworden. Sie kann allerdings bald böse Nebenwirkungen haben­. "Wenn im dritten Lebensjahr immer noch ständig genuckelt wird, egal ob am Schnuller, an der Flasche oder am Daumen, kann das die Kieferentwicklung stören", sagt die Kinderzahnärztin Dr. Jacqueline Esch aus München. "Die Folge sind Fehlstellungen, Lispeln oder auch Schluckprobleme."

Schnuller spätestens im dritten Lebensjahr entwöhnen

Und dann sieht es ja auch einfach etwas merkwürdig aus, wenn ein Dreijähriger mit Schnuller die Sandkiste kapert – bestenfalls begleitet von einem "Jetscht komm isch!".  Also: "Spätestens mit zweieinhalb Jahren sollten Eltern das Schnullern zumindest genauer in den Blick nehmen", sagt Scheuerer-Englisch. Und sich beim Kind vortasten: Welche Gefühle verbindet es mit dem Nuckeln? In welchen Situationen ist der Schnuller anscheinend unverzichtbar?


Kind ernst nehmen und auf Abschied vorbereiten

Im nächsten Schritt kommen die ers­ten Argumente: Wie groß das Kind schon ist und wie toll es ­eine Situation in der Vergangenheit gemeistert hat, weil es eben schon so groß ist: "Als du klein warst, konntest du das noch nicht und hast­ noch einen Schnuller gebraucht. Und jetzt? Brauchst du ihn noch?" Auch die Gefahr schiefer Zähne­ oder einer undeutlichen Aussprache darf man ansprechen. "So wird das Kind mit seinen Gefühlen ernst genommen. Es muss sich auf den für ihn schmerzhaften Abschied vorbereiten können", sagt Scheuerer-Englisch. Gut, wenn man gemeinsam einen kleinen Zeitplan erarbeitet oder stufenweise vorgeht: Erst bleibt der Schnuller auf dem Spielplatz in der Tasche, dann den ganzen Tag und dann auch in der Nacht.

Die wahrscheinlich schwierigste  – und meistens letzte – Hürde wird das Einschlafen sein. ­Eine Chance: Das Kind schläft zum Beispiel zufällig im Auto ohne Schnuller ein. Darauf aufmerksam gemacht, hat es schon eine erste Vorstellung davon, dass es tatsächlich möglich ist. ­"Ansonsten hilft auch hier viel reden", sagt Scheuerer-­Englisch. "Verständnis für die ungewohnte Situation zeigen, Mut machen oder dem Kind vorschlagen, dass es sich einfach mal nur vorstellt, ­einen Schnuller im Mund zu haben." Je einfühlsamer ­Eltern vorgehen, des­to eher sollte es ­klappen.

Schnuller adé: Der richtige Zeitpunkt

Heikel kann es mit dem richtigen Zeitpunkt für den endgültigen Abschied werden. Einerseits sollte das Kind bestenfalls von sich aus sagen, dass es nun bereit ist. Andererseits können weitere aufregende Ereignisse wie ein Umzug, der Kindergarten-Start oder die Geburt eines Geschwisterchens die Sache erschweren. "Schön, wenn es im Urlaub klappt, wenn gleich ­mehrere ­­Erwachsene Zeit für das Kind haben", sagt Scheuerer-Englisch. Denn Zeit ist nun wichtig. "Eltern müssen in der ers­ten Phase ­ohne Schnuller für ihr Kind da sein und auffangen, was dieser geleis­tet hat", rät der Psychologe. Das heißt: Kuscheln, reden, mehr Verständnis für Wutanfälle haben, und wenn es gar nicht anders geht, darf auch mal ein Gummibärchen unterstützen.

Ob der Schnuller für die Schnullerfee auf dem Fensterbrett wartet, an einem Baum aufgehängt wird, der Schere zum Opfer fällt oder im Müll landet, ist eigentlich egal. Hauptsache, das Kind wird am Abschied beteiligt. Das Magische an der Schnullerfee lieben viele. Andere denken sich vielleicht selbst aus, wie sie von ihrem alten Freund für immer Abschied nehmen wollen.


Besser ohne Schnuller: Drei Gründe

Auch, wenn der Abschied vom Schnuller schwerfällt, gibt es gute Gründe für Eltern, hartnäckig dranzubleiben.

  • Auch ein gut geformter Schnuller stört die Gebissentwicklung. Er drückt die Zähne, die durchbrechen wollen, in eine unnatürliche Lage, sodass ein Überbiss entstehen kann.
  • Kindern, die viel und lange am Schnuller genuckelt haben, bereitet es später oft Schwierigkeiten, den Mund richtig zu schließen, weil die Zunge gewohnheitsmäßig tief im Unterkiefer liegt. Das beeinträchtigt auch ihre Aussprache.
  • Ein Schnuller stört nicht zuletzt beim Sprechen­lernen, denn: Wer nuckelt, macht den Mund nicht auf.

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