Auch wenn ein Blick in Kinderwagen und Buggys auf Straßen und Spielplätzen anderes vermuten lässt: Längst nicht jedes Baby braucht einen Schnuller, sagt Ulrich Fegeler, Kinderarzt in Berlin und Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Deutschland.
Klar, die Kleinen haben einen angeborenen Saugreflex. „Aber jedes Kind ist anders, und am besten wartet man ab, wie es sich entwickelt.“ Die meisten Babys holen sich ihre Portion Geborgenheit am liebsten über Körperkontakt, einen vertrauten Geruch, ein Kuscheltuch, Wärme und die Stimme von Mama und Papa.
Sie gewöhnen sich zwar auch an den Schnuller, erklärt der Psychologe Andreas Engel, Erziehungsberater und stellvertretender Vorsitzender der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung. „Aber so ein Schnuller ist immer nur der Plan B für das Kleine. Eigentlich möchte es körperliche Nähe und die Brust, die aber natürlich nicht jederzeit vorhanden sind.“
Wichtig ist deshalb, zuerst darüber nachzudenken, was das Kind eigentlich braucht, wenn es nach dem Sauger verlangt: „Denn er ist kein Dauerberuhiger und sollte immer nur kurzzeitig zum Einsatz kommen, wenn es eben gerade nicht anders geht“, so Engel.
Als schneller Seelentröster kann er aber durchaus einspringen – ebenso wie die Spieluhr mit der vertrauten Melodie, der Beißring, das Kuscheltier oder auch der Daumen. Landet der ab und zu im Mund, ist das in den ersten Lebensmonaten in Ordnung. Nuckelt das Kind allerdings dauerhaft oder auch sehr stark, ist das nicht so gut.
„Daumen oder auch andere Finger verformen den Kiefer des Kindes stärker als der Schnuller, weil sie heftiger und gezielter drücken“, erklärt Gundi Mindermann, Kieferorthopädin und Vorsitzende des Berufsverbandes der Deutschen Kieferorthopäden. Außerdem hat der Schnuller gegenüber dem Daumen einen anderen entscheidenden Vorteil: „Er kann verschwinden, wenn die Zeit dafür kommt.“
Wenn die ersten Zähnchen da sind und das Kleine festere Nahrung zu sich nimmt, also um den ersten Geburtstag herum, sollte das Ende der Schnullerzeit eingeläutet werden, sagt Mindermann. Jetzt mögen die Kinder gerne Dinge, auf denen sie herumkauen können – zum Beispiel einen Beißring. Den Saugreflex sollte man nicht künstlich verlängern.
„Das Fläschchen kann nun dem Trinkbecher weichen, die Breikost der festen Nahrung“, erklärt die Expertin. So fördert der neue Kaureflex ganz natürlich die Schnullerentwöhnung. Gut so, denn auch ein perfekt geformter Schnuller stört die Gebissentwicklung, sagt Mindermann: „Die Zähne, die durchbrechen wollen, werden durch ihn in eine andere Lage gedrückt, als dies von der natürlich wirkenden Zunge und den Lippen geschehen würde.“
Der Schnuller nimmt mehr Raum ein, und die Zähne wandern nach vorne. So kann – wenn der Schnuller zu oft und zu lange im Mund ist – ein Überbiss entstehen, weil die Zähne sich über den Schnuller legen.
Es gibt Rituale, die helfen können, den Schnuller abzugewöhnen. So sitzt in Mindermanns Praxis ein großer, freundlicher Bär, der von Schnullern lebt. „Den füttern unsere kleinen Patienten regelmäßig, sonst wird er dünn!“ Auch Abschiedsfeiern haben sich bewährt, gerade wenn das Kind schon etwas älter ist und demnächst in den Kindergarten kommt. Oder die Schnullerfee kann den Sauger nachts holen und dafür ein kleines Geschenk zurücklassen.
„Wichtig ist, dass der Schnuller nicht ohne die innere Bereitschaft des Kindes verschwindet“, sagt Fegeler. „Gerade wenn ein Kind seelische Anspannung oder Unruhe über den Mund ableitet, sollte man zunächst versuchen, der eigentlichen Ursache auf den Grund zu gehen.“
Damit es aber gar nicht erst so weit kommt, rät Engel: „Geben Sie den Schnuller von Anfang an möglichst nur tagsüber und für kurze Zeit. Wenn er doch beim Einschlafen helfen muss, sollten Mama oder Papa ihn, sobald das Kind schläft, wieder sanft aus dem Mund ziehen.“ Spätestens nach dem zweiten Lebensjahr sollten sich die Kleinen aber von ihm verabschieden, da sind sich die Experten einig.
Unsere Experten:
Dr. Ulrich Fegeler ist Kinder- und Jugendarzt mit eigener Praxis in Berlin.
Andreas Engel ist Psychologe und Erziehungsberater in Hof
Dr. Gundi Mindermann ist Kieferorthopädin in Bremervörde.
Barbara Erbe / Baby und Familie;
10.02.2011
Bildnachweis: W&B/Privat, W&B/Privat, Fotostudio Marina Raith
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