So entwickeln Kinder Medienkompetenz

Schon im Kindergarten sollen Kinder den Umgang mit Smartphones und Tablets lernen. Warum Medienexperten dafür plädieren

von Marian Schäfer, aktualisiert am 08.08.2016

Heutzutage kommen Kinder schon sehr früh mit Smartphones oder Tablets in Kontakt

Getty Images / Creative

Nach drei, vier Bildern blitzt Karottis Kopfansatz hervor. Vorsichtig greift Arthur die Figur an ihrer Glatze und zieht sie weiter durch das schmale Loch im Papier. Immer wieder setzt er ab und nimmt seine Hand aus dem Bild, damit sein Kindergarten-Kumpel Michael Fotos machen kann.

Mit dem Zeigefinger drückt er auf den Bildschirm eines Tablet-Computers, der auf einem Stativ steht und Geräusche macht wie ein Foto­apparat. Klack, klack, klack – ein Bild für jede Bewegung. Hintereinander abgespielt, ergeben sie ein digi­tales Daumenkino. Der Held Karotti schält sich darin erst aus einer schwarzen Statue und kämpft zwei Szenen weiter gegen eine Horde gefräßiger Schlangen.


Prof. Dr. Stefan Aufenanger lehrt Erziehungswissenschaft und Medienpädagogik an der Universität Mainz

W&B / Privat

Projekt: Einfache Trickfilme mit Tablets

Michael und Arthur sind fünf Jahre alt. Sie gehören zur Vorschulgruppe einer evangelischen Kita­ und basteln im Medienzentrum des JFF-Institut für Medienpädagogik in München an einem Trickfilm. Heute sind die Jungen dran, gestern waren die Mädchen hier. Sie ließen ihren Filmhelden ­Pedro in ­­einer Szene über einen Stein stolpern und in einer anderen von einem Hai anknabbern. Notärztinnen retteten ihn, einen Kampf gab es nicht.

"Die Kinder denken sich die Geschichten selbst aus. Jungen haben dabei andere Vorstellungen als Mädchen", sagt Günther Anfang, der das Projekt zusammen mit seiner Kollegin Kati Struckmeyer leitet. Der Medienpäda­goge macht schon mit Zweieinhalbjährigen einfache Trickfilme – und muss ihnen die Funktionsweise der Tablets genauso wenig erklären wie den Fünfjährigen. "Die kennen das oft von zu Hause", sagt er.

Viele Kinder nutzen Tablets der Eltern mit

Der Medienpädagoge Professor Stefan Aufenanger kann das bestätigen. Er spricht von einem Umbruch. "Die Kinder kommen immer früher mit den Medien in Kontakt, und immer mehr Familien verschaffen ihnen Zugang", erklärt er. Dr. Ulrike Wagner, die Direktorin des JFF-Institut für Medienpädagogik, sagt: "Kinder werden von Geburt an mit den Medien konfrontiert, vor allem, weil Eltern sie gerne nutzen." Für Säuglinge und Kleinkinder seien die Geräte erst einfache Reizquellen und interessant, weil sich die Eltern damit beschäftigen. "Schnell werden die Geräte aber zu Geschichten­erzählern, Spielangeboten und Wissensquellen", so Wagner.

Stefan Aufenanger hat das vor kurzem repräsentativ untersucht. Er befragte ­744 Mütter mit Kindern im Alter von null bis fünf Jahren. Ein Drittel der Zwei- bis Dreijährigen nutzt demnach digitale Medien regelmäßig, vor allem Tablets und Smartphones. Bei den Vier- bis Fünfjährigen sind es fast 60 Prozent.


Prof. Dr. Gudrun Marci-Boehncke lehrt an der TU Dortmund mit Schwerpunkt Kinder- und Jugendliteratur und -medien

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Kitas sollen Medienkompetenz begleiten

Pädagogen sprechen von Medien­erfahrungen, die die Kinder zu Hause machen – und fordern mittlerweile vermehrt, dass schon Kitas dies aufgreifen sollten. "Wir können die Entwicklung nicht mehr ignorieren, und es bringt auch nichts, die Medien zu verteufeln", sagt Aufenanger. Medien­­experten sprechen sich zunehmend dafür aus, die Kleinen gezielt an die Medien heranzuführen.

Ihnen geht es darum, die digitale Kluft zwischen Elternhaus und Kita zu schließen – und die Technik sinnvoll in den Alltag zu integrieren. Als Beispiele dienen ihnen Schweden und Norwegen. Dort kommen Tablets spätestens in den Kindergärten fast flächendeckend zum Einsatz. Sie werden vor allem im Bereich der Sprachentwicklung genutzt, um Kinder gezielt zu fördern.

Betreuungseinrichtungen sehen digitalen Wandel zwiespältig

Einrichtungen hierzulande sind hingegen oft stolz auf einen CD-Player. Es liegt aber nicht nur an der schlechten technischen und personellen Ausstattung. Die Kitas bremst ein Paradox: Zwar sprach sich in der Aufen­­anger-Studie ­eine Mehrheit der Eltern für ­einen frühen Zugang zu Medien aus. Gleichzeitig beurteilten dies ­ebenso viele als schädlich.

Ähnlich widersprüchlich sind die Einstellungen bei vielen jungen Erziehern. Selbst oft medienaffin, lassen sie die Technik ungern an die Kleinen heran. "Viele haben ein sehr romantisiertes Kinderbild", sagt die Dortmunder Professorin Dr. Gudrun ­Marci-­Boehncke. Sie fand heraus, dass die Bereitschaft zu Medienprojekten bei 40- bis 50-jährigen Erziehern am größten ist. "Sie haben oft selbst Kinder und ein realistisches Bild", so die Expertin.


Evelin Steinke-Leitz bildet in Baden-Württemberg Erzieher an einer Fachschule aus

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Veraltete Lehrpläne für Erzieher

Es hat aber auch mit der Ausbildungssituation zu tun. Die entsprechenden Lehrpläne für Erzieher, genauso übrigens wie die Bildungspläne für Kinder, sind in den Bundesländern sehr unterschiedlich. Viele eint aller­dings, dass sie in Sachen Medien wenig aktuell und wenig konkret sind. "Wenn man sich an den Plan hielte, kämen die Me­dien sehr wenig vor, und vieles wäre auf die Reflexion der eigenen Medien­nutzung beschränkt", sagt Evelin Steinke-Leitz. Sie bildet in Baden-Württemberg Erzieher aus.

"Es fehlt der nächste Schritt, die Frage, wie ich die Technik pädagogisch sinnvoll einsetze", sagt sie. Bisher sind es hauptsächlich ­Externe wie Günther Anfang, die Projekte in die Einrichtungen tragen. Mit Aufnahmegeräten ­schicken sie Kinder dann etwa auf "Safari". Die Kleinen fangen Alltags­geräusche ein, produzieren ­eigene Hörspiele oder gestalten mit Digital­kamera und Smartphone Bilderrätsel.

Umgang mit Medien spielerisch lernen

Oder sie drehen Trickfilme wie Arthur und Michael. Die beiden bereiten die nächste Szene vor. Ihr Filmheld hat gerade zwei Schlangen weggeboxt. Jetzt zieht ­eine ganze Schlangen-Armee ein und der nächste Kampf auf. Günther Anfang nutzt die Gelegenheit und hakt ein: "Geht es denn nur mit Gewalt?", fragt er. Die beiden wirken nachdenklich. Dann sagen sie: "Karotti könnte die Schlangen auch nur erschrecken."

Es ist eine sehr frühe und spielerische Schulung von Medienkompetenz. Die Kleinen hinterfragen ihre eigenen Inhalte und damit auch das, was sie im Fernsehen sehen. Das Drehbuch der Jungengruppe lehnt sich nämlich stark an eine Kinderserie an. Medienexperten kritisieren sie wegen ihrer Gewalttätigkeit. "Die Kinder sind heutzutage stark von Medien beeinflusst. So ein Projekt gibt Anlässe, über die Erfahrungen zu reden", sagt Günther Anfang.


Dr. Ulrike Wagner ist Direktorin des JFF-Instituts für Medienpädagogik in München

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Experten: "Kitas in der Pflicht"

Gudrun Marci-Boehncke sieht hier die Kitas in der Pflicht. "Natürlich wäre es wünschenswert, wenn eine geeignete Mediensozia­lisation in den Familien stattfinden würde. Gerade in bildungs- und sozialschwachen Familien klappt das aber nicht. Wenn die Kitas das nicht auffangen, haben wir schon zu Schulanfang ­eine große Bildungsschere", sagt sie.

Die Einrichtungen sollten deshalb selbstbewusst medienpädagogische Bildung betreiben und auch Trends setzen, meint die Expertin für Kindermedien. "Vom reinen Konsum, den wir mehrheitlich als Daddeln erleben, müssen wir zu einer kreativen Gestaltung kommen", meint die Professorin.

Die Medien als Werkzeug einsetzen

Das Trickfilm-Projekt im Münchner Medienzentrum zeigt, wie so etwas aussehen kann. Analog und digital sind hier verknüpft. Die Kinder denken sich mit ihren Erziehern Geschichten aus, basteln Figuren aus Papier, malen Hintergründe für Szenen und kneten Abspänne. Am Ende, wenn der Film abgedreht ist, vertonen sie ihn sogar. "Wir wollen nicht nur die Medien-, sondern auch die Sprach- und Erzählkompetenz und die Kreativität fördern", sagt Günther Anfang.

Er findet, dass Me­dien Werkzeuge sind, die in vielen Bildungsbereichen – egal ob Religion oder Sprache – eingesetzt werden können. Gudrun Marci-­Boehncke sieht das ähnlich, sagt aber auch: "Wenn man hier etwas anstoßen will, funktioniert das nicht von unten nach oben. Es muss einen klaren politischen Willen geben, der von den Trägern übernommen wird. Sie müssen dann auch für Ausstattung und Weiterbildung sorgen."



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