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Richtungen lernen: Wo ist links?

Links oder rechts? Richtungen zu unterscheiden ist für Kinder (und viele Erwachsene) kompliziert. Aber nicht unmöglich! So lernen sie es


Manchmal ist es gar nicht so leicht, die Richtungen auseinanderzuhalten

Links! Mein Mann soll nach links abbiegen auf unserer Fahrradtour am vergangenen Wochenende. Was tut er? Er fährt nach rechts, radelt damit beinahe in mich hinein und weist jegliche Schuld von sich. Was wie eine lustige Anekdote klingt, ist für uns Alltag.

Denn, zugegeben, ich verwechsle die Richtungen auch manchmal. Ich ziehe meiner Tochter oft den linken Schuh an den linken Fuß, aber erzähle ihr vom rechten. Wie soll unser Kind je lernen, wo links und rechts ist?


„Der Orientierungssinn ist grundsätzlich von Geburt an vorhanden, aber die Zuordnungen müssen gelernt werden“, erklärt Dr. Susann Richter, Verkehrspsychologin an der Technischen Universität Dresden. Kinder lernen die Richtungen zunächst durch Bewegung. Wenn sie nach vorne krabbeln oder laufen, begreifen sie mit ihrem Körper, wie sich ihre Lage im Raum ändert.

Als Erstes verstehen die Kleinen die Bedeutung von „in“. Bis zum dritten Geburtstag lernen sie weitere räumliche Verhältniswörter, wie „auf “, „unter“, „hinter“ und „vor“. „Kinder lernen die verschiedenen Richtungen zunächst immer von sich aus gesehen“, erklärt Richter. Denn sie haben ein egozentrisches Selbstbild.

Komplizierter ist es, links und rechts zu unterscheiden. „Anders als oben und unten, sind links und rechts nichts Absolutes“, erklärt Psychologin Richter. Oben und unten werden durch die Schwerkraft definiert. Aber was für den einen links ist, kann für den anderen rechts sein.

Dazu kommt: Die Links-rechts-Strategie scheint unserer evolutionär angelegten Prägung zu widersprechen. Es ist eher die Orientierung nach den Himmelsrichtungen und der Umgebung, die in den Menschen angelegt ist, sagen Anthropologen.

Der Kognitionspsychologe Dr. Daniel Haun vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig etwa verglich verschiedene Völker und fand heraus: Diejenigen, die sich an die Himmelsrichtungen halten – und eine Art inneren Kompass im Kopf haben –, orientieren sich oft exakter als Gesellschaften mit Links-rechts-Konventionen.

Amerikanische Psychologen bestätigten diese Annahmen in Studien mit vierjährigen Kindern. Die Kleinen lernten die Orientierung nach Himmelsrichtungen schneller als nach dem System mit links und rechts. Und: Sie fanden sich damit besser im Raum zurecht.

Ohne links und rechts geht es hierzulande allerdings nicht. Richtungen einordnen und sich mit ihnen zurechtfinden ist wichtig für das Rechnen, Lesen und Schreiben und auch für komplexe Zusammenhänge wie beispielsweise im Straßenverkehr.

Die ersten Links-rechts-Unterscheidungen nehmen Kinder anhand ihres Körpers vor. „Mit vier bis fünf Jahren können sie sagen, welche Hand die linke und welche die rechte ist“, sagt Dr. Johanna Barbara Sattler, Psychologin und Leiterin der ersten Beratungs- und Informationsstelle für Linkshänder in München. Das auf gegen überstehende Personen oder räumliche Zusammenhänge zu übertragen, gelingt ihnen jedoch noch nicht.

Susann Richter erklärt: „Die Kinder gehen noch von sich als Zentrum aus. Erst im Grundschulalter gelingt ihnen der Perspektivwechsel.“ Dann können sie zum Beispiel auch an gegenüberstehenden Personen die linke und rechte Körperseite benennen.

Damit die Kleinen die Richtungen gut unterscheiden lernen, helfen anfangs Eselsbrücken. Zudem sollte das Kind seine starke Hand kennen und auch benutzen. Das heißt: Linkshänder nicht umgewöhnen. „Denn umgeschulte Linkshänder haben häufiger Schwierigkeiten mit den Richtungen“, so Sattler. „Durch die Umschulung sind Eingriffe in Gehirnablaufprozesse gemacht worden, die sich auch in einer Links-rechts-Unsicherheit auswirken können.“

Wichtig ist auch, dass Eltern und Erzieherinnen nach dem gleichen Prinzip handeln. „Wird im Kindergarten beispielsweise als Zeichen für links ein roter Punkt in den linken Schuh geklebt, sollten die Eltern das für zu Hause übernehmen. Ganz verwirrend wäre es, mit dem Kind daheim rechts den roten Punkt zu üben“, sagt Sattler.

Fast alle Grundschüler kennen die Regel „links, rechts, links schauen“, die man vor Betreten einer Straße anwenden soll. Aber nur 60 Prozent der Erstklässler und 85 Prozent der Drittklässer sind in der Lage, bei Aufforderung nach links oder rechts zu schauen. „Erst zum Ende der Grundschulzeit können sie es sicher unterscheiden“, sagt Richter.

Aber warum bloß verwechseln auch Erwachsene noch links und rechts? Psychologen erklären das mit dem sogenannten Ranschburg Phänomen. „Es besagt, dass sich Dinge schwer unterscheiden lassen, die sich ähnlich sind“, so Sattler. Deshalb überfordert der gängige Merksatz „Links ist, wo der Daumen rechts ist“ mehr, als er hilft. Die Expertinnen raten, Kindern erst eine Richtung beizubringen, die zweite ergibt sich später.

Das Links-rechts-Dilemma tritt in Stresssituationen eher auf. „Gerade, wenn es schnell gehen muss, wie im Straßenverkehr, kommt es zu Verwechslungen“, sagt Richter. Ihr Tipp: Erst am eigenen Körper überlegen, wo rechts und links sind, dann reagieren. Und: Die Richtung zeigen, nicht nur benennen.

Das werde ich meinem Mann sagen. Und ihm von den Empfehlungen des Instituts für Patientensicherheit erzählen. Demnach sollen Chirurgen vor dem ersten Schnitt eine Denkpause machen. Um zu prüfen, ob der richtige Körperteil unter dem Messer liegt.


Das hilft Kindern, den Orientierungssinn zu üben:

Bewegung: Wer als Baby viel krabbelt und als Kind viel klettert und rennt, bekommt ein Gefühl für seinen Körper im Raum – und die Richtungen.

Raum-Lage-Spiele: Für Kinder ab zwei Jahren eignen sich Puzzles, Legespiele und Bausteine, anhand derer sie üben können, was oben, unten, links usw. liegt. Größere Kinder haben Spaß daran, Zahlen- oder Buchstabenfolgen zu legen.

Eselsbrücken: Ein Ring am Finger, ein roter Punkt auf der Hand oder ein Aufkleber im Schuh helfen, sich die Seiten zu merken. Wichtig: erst eine Seite, die stärkere, markieren und die trainieren. Später kann die zweite dazukommen.

Verkehrserziehung: Im Straßenverkehr müssen Kinder nach links, dann rechts und wieder links schauen. Lassen Sie Ihr Kind sagen, was es links und rechts sieht. Dabei bekommen die Richtungen ein konkrete Bedeutung.

Unsere Experten:


Dr. Susann Richter ist Psychologin an der Fakultät für Verkehrswissenschaften der Technischen Universität Dresden.


Dr. Johanna Barbara Sattler ist Psychologin und leitet die erste Beratungs- und Informationsstelle für Linkshänder in München.



Peggy Elfmann / BABY und Familie; 17.02.2011, aktualisiert am 17.02.2011
Bildnachweis: W&B/Privat, Getty Images/George Doyle & Ciaran Griffin

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