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Richtiger Umgang mit bockigen Kindern

Gemüse: bäh, Seife: igitt, Zähneputzen: pfui? Wenn der Nachwuchs nicht gehorcht, greifen Eltern oft zu harten Mehoden: Drohen, Bestechen, Erpressen. Dürfen Sie das?


Wie begegnet man einem dreijährigen Dickkopf souverän?

Das Erdbeerfeldsystem hat Moritz schnell begriffen: Ein paar Früchte kommen in Mamas Plastikschüssel, ganz viele in den eigenen Mund, der Rest zwischen die Finger, unter die Nägel und auf möglichst alle Kleidungsstücke, die er trägt.

Nur eines will der Dreijährige so gar nicht begreifen: dass zu Hause auf die schönen roten Flecken Wasser und Seife warten. Als Moritz sich also schreiend und heulend auf dem Fußboden wälzt, laut seinen Hass auf das sonst so heiß begehrte Superman-Duschgel kundtut und klar wird, dass er auch in seinen Hosentaschen Erdbeeren deponiert hat, da passiert es: Moritz’ Mutter erfindet die gefräßigen Erdbeerwürmer.


Fantasievolle Drohungen

Nicht dass Moritz’ Mutter irgendeine Vorstellung davon gehabt hätte, wie diese spontane Erweiterung der Fauna genau aussehen soll, geschweige denn, wie sich diese Kriechtiere ernähren und fortpflanzen. Sie droht einfach nur: „Dann kommen eben die Erdbeerwürmer.“ „Was sind Erdbeerwürmer, Mama?“ Aha, es hat funktioniert. Jetzt nur nicht lächeln! „Also ...“ Ein längerer wissenschaftlicher Diskurs über die gefährliche Spezies beginnt.

Und während Moritz’ Mutter sich still über die eigene Fantasie wundert, steigt Moritz ganz schnell in die Badewanne. Sein Vater kann einen nach Superman duftenden Jungen ins Bett bringen – und danach seine Frau fragen: „Sag mal, wer hat Moritz denn diesen Mist von den Würmern erzählt?“ „Keine Ahnung. Willst du Erdbeeren mit Sahne?“

Erpressungen beim Essen

Andere – sprich brave – Kinder waschen sich bestimmt, weil sie das Wort Hygiene schon verstehen, ist Moritz’ Mutter überzeugt. Ihr Sohn braucht mindestens Superman. Andere puhlen bestimmt keine Karotten aus jedem Essen, weil sie begreifen, dass Vitamin A ihren Augen guttut. Moritz würgt das Gemüse herunter, weil er weiß: Für jede Möhre gibt es hinterher ein Stückchen Schokolade! Und sicherlich braucht auch nur er zum Aufräumen den Ansporn, dass das Chaos im Kinderzimmer unweigerlich dazu führen wird, dass abends der Müllfresser kommt und alles wegfuttert.

Moritz wird bedroht, erpresst und bestochen – mit Schokolade, dem Nikolaus und dem Superman-Duschgel. Von seiner eigenen Mutter. Und sie ist nicht allein mit diesen erzieherischen Mafia-Methoden. Zwar würde das beim Elternabend im Kindergarten oder bei der Weihnachtsfeier der Turngruppe keiner zugeben. Aber in der Anonymität des Internets tun sie es dann doch: Bis zu 60 Prozent der Mütter und Väter bekennen sich in Online-Umfragen dazu, ihr Kind mindestens einmal täglich auf diese Weise zum Gehorsam zu bewegen.

Mary-Poppins-Prinzip: die Lösung?

Weil das mit der organisierten Erziehungskriminalität nicht mehr so weitergehen kann, besorgt sich Moritz’ Mutter schließlich ein Buch. Die Lösung all ihrer Probleme heißt Mary-Poppins-Prinzip. Es besagt: Erkläre alles einfach zu einem lustigen Spiel. Das Kind will partout nicht ins Bett? Dann schwebt es mit einem imaginären fliegenden Teppich in die Kissen. Es hat keine Lust auf Zähneputzen? Dann beginnt eben die Zahnbürste mit ihm zu sprechen.

Nach eingehendem Studium der Mary-Poppins-Lektüre ist Moritz’ Mutter endgültig von ihrer Unfähigkeit zum Kindererziehen überzeugt. Es muss sich etwas ändern! Auch wenn sie in den Weiten des Internets keinen Menschen findet, der das Mary-Poppins-Prinzip ganztägig und ganzjährig praktiziert – Moritz’ Mutter will daran glauben. Sie will einen erdbeerfreien Sohn ohne Würmer-Lüge.

Nach dem nächsten Erdbeerfeld-Besuch motzt Moritz den sprechenden Waschlappen an, das fliegende Handtuch platscht ohne Kind in die Badewanne. Moritz’ Mutter kriechen die Erdbeerwürmer im Kopf herum, mit jedem Mary-Poppins-Versuch werden es mehr. Sie sind klein und rot, haben einen grünen Kopf und ernähren sich von schmutzigen Kindern. Und dann, als Moritz theatralisch verkündet „Ich haaaaasssssee Waaaassseeer!“, passiert es. Seine Mutter fragt: „Sag mal, Moritz, wollen wir uns nachher ein Erdbeereis machen?“


Experten-Interview „Kindern keine Angst machen“

Konsequent sein, ohne zu drohen – Psychologin und Elterntrainerin Barbara Ehrlich aus Hannover erklärt in unserem Interview, wie das funktioniert.

Frau Ehrlich, was würden Sie Eltern sagen, die Ihnen die Geschichte mit den furchtbaren Erdbeerwürmern erzählen?
Dass sie das tun, was viele Eltern tun: Sie erziehen mit Angst und mit der Macht des Stärkeren.

Aber „Wenn du nicht, dann ...“-Sätze verwenden doch alle Eltern mal. Dürfen sie denn gar keine Konsequenzen androhen?
Natürlich dürfen Eltern Bedingungen stellen. Kinder müssen schließlich lernen, dass ihre Handlungen Folgen haben. Und die können auch mal unangenehm sein. Aber Eltern sollten ihrem Kind dabei immer mit Respekt begegnen.

Wie können Eltern denn konkret reagieren, wenn ein Kind beispielsweise sein Zimmer partout nicht aufräumen möchte?
Mutter oder Vater können sagen: „Du weigerst dich also, Ordnung zu machen. Dann räume ich die Sachen für dich weg. Aber das Spielzeug kannst du dann morgen nicht benutzen.“

Aber wird nicht auch hier gedroht?
Die Eltern reagieren nur konsequent, sie zeigen dem Kind eine angemessene und realistische Folge seines Handelns auf. Sie machen dem Kind jedoch nicht unnötig Angst, wie beispielsweise bei der Geschichte mit den Erdbeerwürmern. Das Wesentliche ist außerdem, dass die Eltern ruhig bleiben und nicht schreien. Sie bleiben respektvoll, drohen also nicht: „Dann wandert das Zeug in den Müll!“

Manchmal passiert es aber trotzdem: Der Geduldsfaden reißt, man wird laut und droht dem Zahnputz-Verweigerer mit einem Jahr Schokoladen-Entzug …
Eltern müssen nicht perfekt sein, so etwas kommt schon mal vor. Schließlich provozieren Kinder ja manchmal auch und testen ihre Grenzen. Doch dann können sich Eltern bei ihrem Kind entschuldigen und ihm damit vor allem eins klarmachen: Nur weil du ungehorsam warst, verlierst du niemals die Liebe von Mama und Papa. Genau so interpretieren Kinder zu harte Drohungen oder Strafen häufig: Meine Eltern haben mich nicht mehr lieb.

Und wie sieht es aus, wenn Zähneputzen oder Aufräumen stets üppig belohnt werden?
Selbstverständlich dürfen Eltern ihre Kinder für besondere Leistungen belohnen. Aber wenn das im Alltag ständig geschieht, sollten sich Vater und Mutter vor Augen führen, was sie ihrem Nachwuchs damit beibringen. Nämlich nur etwas zu tun, wenn man auch etwas dafür bekommt.




Bildnachweis: Fotolia/pressmaster/2010

Julia Wölkart / Baby und Familie; aktualisiert am 14.01.2014, erstellt am 19.01.2010
Bildnachweis: Fotolia/pressmaster/2010

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