Perfekte Eltern sein? Vorsicht, Fallen!

Es gibt Situationen, da lassen sich Eltern oft von überzogenen Ansprüchen leiten. Und tappen in die Erziehungs-Falle. Was davor schützt

von Marian Schäfer, aktualisiert am 29.03.2016

Bindung entsteht langfristig: Kinder brauchen keine perfekten Eltern

Getty Images/Westend61

Fördern: Hilfe, wir verpassen ein ­Entwicklungsfenster!

Es sind verlockende Angebote: ers­tes Experimentieren, spielend Englisch oder Klavier lernen. Das ­Kleine ist noch nicht ganz aus den Windeln raus, da geht’s schon mit den Kursen los. Kaum ein Kind, das keinen besucht. Dann muss ja was dran sein – und man will kein Entwicklungsfenster verpassen.

Dabei besteht kein Grund zur Sorge: "Ich weiß bis ­heute nicht, woher die Sache mit den Entwicklungsfenstern genau kommt", sagt Professor Gerhard Roth, Entwicklungsneurobiologe­ am Ins­titut für Hirnforschung der Universität Bremen. Stephen Camarata, der amerikanische Experte­ für Kindesentwicklung, gibt einem 1996 erschienenen Newsweek-Artikel die Schuld für die Diskussion­ über Entwicklungsfenster und frühkindliche Förderung. "Eine­ gewaltige Überinterpretation", meint er.


Beispiel Fremdsprache: Zwar lernen Kinder eine zweite ­Sprache erwiesenermaßen umso besser­, je früher sie damit beginnen. Dieses Zeitfenster scheint sich aber erst mit etwa zwölf Jahren langsam zu schließen – und bezieht sich vor allem auf die korrekte Aussprache. "Wer also spät eine Sprache lernt", meint Camarata, "wird eher einen Akzent haben."

Auch Gerhard Roth sieht die Diskussionen über Zeitfenster kritisch. "Die Meinung, man könne nicht früh genug mit Förderung beginnen, ist extrem verbreitet", sagt der Hirnforscher. "Dabei wird oft völlig außer Acht gelassen, dass eine Überforderung die Psyche und die natürliche Intelligenz­­entwicklung zerstören kann." In den ersten drei Jahren müsse man Kinder sich in Ruhe entwickeln lassen. "Natürlich sollten Eltern ihnen verschiedene Angebote machen", sagt Roth, "aber sie dürfen keinerlei Druck auf sie ausüben."

Vergleiche: Mein Kind kann aber schon …

Geht es um die Erziehung und Entwicklung von Kindern, findet der Kölner Soziologe Marc Schulz es nicht nur spannend, wie Ideale­ entstehen, sondern auch, wer die Ideale einfordert. Häufig seien das nämlich Eltern selbst: "Das passiert im alltäglichen Austausch", sagt Schulz. "Man muss dafür nur auf den Spielplatz gehen und den Gesprächen lauschen, in denen ­Eltern ihre Kinder oft vergleichen."

Zwar seien Vergleiche an sich nichts Neues. "Wohl aber das medizinische und psychologische Vergleichswissen, das ­zwi­schen Eltern heutzutage zirkuliert", meint der Soziologe. Dabei herrsche bei vielen Müttern und Vätern eine starre Vorstellung von Entwicklungsschritten, also davon, wann ein Kind etwa zu krabbeln oder zu laufen habe. "Das ist ein deutsches Phänomen", sagt Schulz und weist darauf hin, dass große Unterschiede in der Entwicklung völlig normal sind.

Statt sich verrückt machen zu lassen, sollten Eltern gelassen bleiben und auf ihr Kind vertrauen­. "Alles andere", meint Mathias­ Voel­chert von der Münchener Erziehungsberatungsstelle family lab, "ist Wettbewerbsdenken und macht ­einen krank. Kein Kind ist wie das andere." Mütter und Väter sollten sich von dem Ziel lösen, die perfekten Eltern sein zu wollen. Dabei laufe man nur Gefahr, seine Kleinen wie Gegenstände zu behandeln.

Bindung: Ich kann meinem Kind doch nicht böse sein!

Eltern sollen liebevoll, aufmerksam, feinfühlig sein. Aber was, wenn der Zug gleich fährt, der kleine Trotzkopf aber darauf besteht, sich seine Schuhe selbst anzuziehen? Wenn er vor dem Kühlregal liegt und nicht aufstehen will, bevor er ­seinen Lieblingsjoghurt bekommt? "Es wird immer Situationen geben, in denen Eltern emotional und nicht hunderprozentig feinfühlig­ reagieren­", sagt die Münchner Heilpraktikerin für Psychotherapie­ Nicole Schwaiger. "Solange das große Ganze stimmt, ist das auch kein Problem." Auch hier geht es um Bindung: Je stärker das emotionale Band zwischen Eltern und Kindern ist, desto mehr hält es aus.

Aber wie ist es in der Zeit, in der dieses feste Band entstehen soll? "Es muss nicht alles exzellent sein", sagt der Hamburger Entwicklungspsychologe Gerhard J. Suess. "Die Qualität der Bindung setzt sich aus Erfahrungen über einen langen Zeitraum zusammen und reagiert träge." Machen Kinder überwiegend positive Bindungs­erfahrungen, würden sich einzelne schlechte ­­Tage nicht auswirken.

Perfektionismus: Was ist gut fürs Kind?

Eltern vergleichen nicht nur ihre­ Kinder, sondern gerne auch sich selbst. Wer bleibt fürs Kind zu Hause­, wer geht arbeiten? Wer erzieht besser? Wer engagiert sich mehr? ­Familiencoach ­Voe­lchert rät, sich von den Gedankenspielen frei zu machen: "Wie man es macht, macht man es falsch", sagt er. Wichtig sei allein, dass man selbst hinter der Lösung stehe. "Wenn ich anderen die Definitionsmacht über mein Leben gebe, darüber, was gut ist und was schlecht, wird es ganz furchtbar."



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