Nikolaus und Christkind: Lügen erlaubt?

Heimlich schwebt das Christkind durchs Fenster und bringt die Geschenke. Stimmt natürlich nicht. Aber ist diese Lüge in Ordnung?

von Sandra Schmid, aktualisiert am 01.12.2015

Überall Nikoläuse? Oder gibt es ihn etwa gar nicht?

Thinkstock/Hemera

Ein weißbärtiger Mann, der in seinem Sack Tausende von Geschenken transportiert? Ein engelsgleiches Kind, das am Weihnachtsabend die Gaben unter dem Christbaum platziert? Alles dreiste Lügen. Aber als Kind haben wir sie geglaubt. Und heute lügen wir unsere eigenen Kinder damit an. Ist das nicht total gemein? Alles eine große Weihnachtsverschwörung, der so schnell wie möglich ein Ende bereitet werden sollte? Nein, sind sich viele Erziehungswissenschaftler und Pädagogen einig.


Geschichten regen Fantasie an

Es ist nämlich völlig in Ordnung, seine Kinder im Bezug auf den Nikolaus und das Christkind oder den Weihnachtsmann anzuflunkern. Aber was heißt schon flunkern. Den Kleinen Geschichten über mythische Figuren zu erzählen, sollte nicht als "lügen" verstanden werden. Vielmehr begleiten Erwachsene ihren Nachwuchs dabei auf einer Fantasiereise und folgen ihnen in eine zauberhafte Welt von fliegenden Engeln und weisen Bischöfen.

"Kinder sind im Alter zwischen drei und acht Jahren in der so genannten magischen Phase", sagt Dr. Jan-Uwe Rogge, Erziehungsberater und Buchautor. "In diesem Alter glauben sie an Übersinnliches, haben unsichtbare Freunde, reden mit Bäumen und haben ein ganz spezielles Verhältnis zu Tieren." Die Weihnachts-Protagonisten gehören auch zu diesem mystischen Kosmos. Der Nikolaus und das Christkind sind Geschöpfe, die die Kreativität der Kinder inspirieren können. Natürlich nur dann, wenn diese Symbolfiguren nicht "als verdeckte Ermittler", wie Rogge sie nennt, benutzt werden. Sie wissen schon: Das Christkind sieht alles und hört alles. Also schön brav sein, liebe Kinder. "Wenn Eltern diese Magie missbrauchen, ist das nicht Ordnung", fügt er hinzu.

Magische Phase nicht vorzeitig beenden

Werden das Christkind und der Weihnachtsmann nicht zweckentfremdet, um scheinbar pädagogische Ziele durchzusetzen, kann und darf sich das Kind problemlos diesem Zauber hingeben. Der Experte plädiert dafür, dieser Phase so lange Zeit zu geben, wie sie eben dauert. "Eltern sollten Kindern diese magische Perspektive zutrauen. Ein ganz großes Problem ist doch, dass Kinder viel zu früh in das realistische Konzept der Erwachsenenwelt einbezogen werden. Damit machen wir ihnen ihre Fantasie kaputt."

Irgendwann werden die Kinder sowieso beginnen, genervt mit den Augen zu rollen, wenn Eltern ihnen erzählen, dass das Christkind erst klingeln muss, bevor alle ins Weihnachtszimmer dürfen. "Wenn sie ihren Zwölfjährigen damit kommen, denken die natürlich, jetzt spinnen die Alten komplett", scherzt Rogge und fügt hinzu: "Die Faszination des Christkinds und vom Nikolaus nimmt im achten, neunten Lebensjahr allerdings noch nicht ab. Nur der Glaube daran." Das heißt: Im Grundschulalter sind die Kinder zwar schon so weit, zu verstehen, dass es diese Figuren nicht gibt. Sie wissen beispielsweise, dass der Opa als Nikolaus verkleidet vor ihnen steht. Und dass die Eltern in Wirklichkeit die Geschenke kaufen. "Gleichwohl wollen sie immer noch gerne an das Geheimnisvolle glauben."

Nikoläuse überall? Kommerz beschädigt die Illusion

In unserer Zeit hält die Realität immer schneller Einzug in die übersinnliche und rätselhafte Welt der Kinder. Die Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes spielt dabei eine große Rolle. Der Nikolaus, der gleichzeitig im Supermarkt, im Möbelhaus und auf dem Weihnachtsmarkt in jeweils unterschiedlichen Outfits seine "Ho, ho, ho"-Show abzieht, trägt nicht gerade zum Erhalt eines mystischen Advents-Faszinosums bei. Und wenn die eigenen großen Geschwister zu Illusionsräubern werden? "Dann nehmen Sie den großen Bruder oder die Schwester einfach mal auf die Seite und sagen ihnen, sie sollen sich zurückhalten", so Rogge.

Von Eltern, deren pädagogisches Prinzip es ist, ihren Kindern immer die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sagen, hält Rogge nicht viel. "Kindern von derart realitätsbezogenen Eltern wird eine ganze Menge genommen." Tipp: Nutzen Sie die geheimnisvolle Zeit zu Weihnachten für dieses zauberhafte Spiel der Magie. So können Sie mitunter sogar selbst noch einmal in die Kindheit eintauchen.



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