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Kolumne: Verkehrte Welt? Wenn Eltern Großeltern werden

Die energische Mutter wird plötzlich zur dauerlächelnd-geduldigen Oma? Der einst strenge Vater zum stets verständnisvollen Opa? Baby-und-Familie.de-Autorin Sandra Schmid wundert sich


Mit den Enkelkindern gehen die eigenen Eltern plötzlich lässig und locker um

Der sechzigste Geburtstag meiner Mutter. Die ganze Familie sitzt in einer rustikalen Dorfwirtschaft und isst sich zufrieden durch die Speisekarte. Mitten in den ausgelassenen Schweinebraten- und Schnitzel-Verzehr hinein ruft meine fünfjährige Tochter: „Mama, kann ich raus auf den Spielplatz?“ Ich hole tief Luft, um die mir seit Kindheitstagen eingebläute und auf ewig unumstößliche Antwort zu geben: „Nein, du bleibst bitte sitzen bis wir alle fertig sind.“ Doch was tut meine Mutter genau in diesem Moment? Sie beugt sich gütig-lächelnd zu ihrem Enkelkind hinunter und säuselt engelsgleich: „Aber natürlich, mein Schatz!“

Aber natürlich, mein Schatz? Woher kommt plötzlich dieser strahlende Heiligenschein, der sich so huldvoll um das Haupt meiner Mutter schmiegt? Ich meine – mal ehrlich –, hätte ich es als Kind gewagt, während des Essens auch nur für eine Sekunde vom Tisch aufzustehen, wäre ein gestrichener Nachtisch noch mein geringstes Problem gewesen. Soll diese ewig gültige Doktrin – sitzen bleiben bis auch der letzte und langsamste Esser seine Gabel niedergelegt hat – plötzlich ihre Gültigkeit verloren haben? Nein, das kann nicht sein.


Großelterliche Großzügigkeit: Zufall oder Methode?

Zuerst dachte ich an einen Zufall. Immerhin hatte meine Mutter Geburtstag und außerdem ein Glas Rotwein getrunken. Aber diese Gütigkeits-Szenarien gegenüber meiner Tochter häufen sich seitdem. Unmutsäußerungen über ein unaufgeräumtes Kinderzimmer oder ständiges Getrödel werden von meinen Eltern nur noch mit einer wegwischenden Handbewegung und einem „Jetzt reg dich halt nicht so auf“ quittiert. Bettgehzeiten, Süßigkeitenverbote oder andere notwendige Repressalien grundsätzlich ignoriert und für nichtig erklärt. Das kann kein Zufall sein. Das hat Methode.

Abends sitze ich oft kopfschüttelnd ins Leere starrend auf der Couch und frage mich: Wie konnte es nur so weit kommen? Was ist mit all den eisernen Verboten und – zugegebenermaßen teils widersinnigen – Regeln, für die meine Eltern jahrzehntelang standen? Wie konnten aus meinen einst semi-diktatorischen Erzeugern plötzlich so entspannte Freigeister werden? Und bin ich jetzt stattdessen etwa zu der Spießerin geworden, für die ich meine Mutter immer hielt?

Die Eltern tragen dann die Konsequenzen

Es heißt ja, irgendwann wie die eigenen Eltern zu werden sei ganz normal. Das habe mit der kindlichen Prägung zu tun. Soll bedeuten: Werden wir Eltern, dann übernehmen wir die uns bekannten Verhaltensweisen. War es uns also früher streng verboten, während des Essens vom Tisch aufzustehen und mit den noch klebrigen Fingern Möbel oder Spielzeug zu verunreinigen, dann werden wir diese Regel sehr wahrscheinlich an unsere Kinder weitergeben. Macht ja auch irgendwie Sinn.

Was dann aber keinen Sinn ergibt: Wenn die der elterlichen Verantwortung entbundenen Jetzt-Großeltern diese Regeln bei ihren Enkeln aufheben und all die ehemals verbotenen Dinge plötzlich großartig und erlaubenswert finden. Da frage ich mich: Warum, liebe Eltern, nicht schon 30 Jahre früher? Warum wurden wir nicht mit diesem Laissez-faire, mit dieser Großzügigkeit erzogen?

Ganz einfach: Weil nun wir, die Eltern, die alleinige Verantwortung für alle Konsequenzen haben, die aus den Aktivitäten unserer Kinder folgen – und nicht Oma und Opa. Im Klartext: Großeltern müssen nicht die Ergebnisse der nächtlichen Übelkeit wegwischen, die sie durch Kuchen-Mäst-Aktionen am Nachmittag hervorgerufen haben. Stattdessen ernten sie einfach nur die Freude in den Augen der süßigkeitenhungrigen Kleinen. Und das macht sie so entspannt.

Unterm Strich gibt's ausgleichende Gerechtigkeit

Während sich angesichts dieser für mich nicht sehr erfreulichen Erkenntnisse eine tiefe Falte auf meiner Stirn gebildet hatte, wird diese plötzlich von einem breiten Lächeln weggewischt.


Frau Sandra Schmid, Autorin

Sandra Schmid ist Mutter der fünfjährigen Leni und freie Autorin

Denn ich muss an meine eigenen Großeltern denken: Die Meister des „Fünfe-gerade-sein-lassens“. Die mich immer „Aktenzeichen XY“ im Fernsehen anschauen ließen. Und denen es vollkommen gleichgültig war, ob ich mein Gemüse aufaß – Nachtisch gab’s trotzdem. Meine Eltern mussten also offensichtlich das Gleiche durchmachen wie ich jetzt. Ein tröstlicher Gedanke. Und ein spannender dazu: Ich freue mich jetzt schon darauf, einmal Oma zu sein.




Bildnachweis: W&B/Inspirestock, W&B/Privat

Sandra Schmid / www.baby-und-familie.de; aktualisiert am 14.05.2012, erstellt am 14.02.2012
Bildnachweis: W&B/Inspirestock, W&B/Privat

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