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Kolumne: Mama unerwünscht

Vom Rockzipfel zur Rotznase. So manche Mutter nimmt es persönlich, wenn das Kind ihre Gesellschaft nicht mehr so richtig zu schätzen weiß. So auch unsere Autorin Sandra Schmid


Die Zeit, in der Mama die alleinige Hauptrolle spielt, ist schnell vorbei

Ganz ehrlich. Ich bin nicht schnell gekränkt. Aber was meine bald schulpflichtige Tochter derzeit mit mir abzieht, grenzt in meinen Augen an Hochverrat. Bin ich nicht die geliebte Mama? Ihr Ein und Alles? Der Nabel ihrer noch übersichtlichen Welt? Zumindest war das noch bis vor kurzem so. Da liefen Kindergeburtstage oder Sonntagsbesuche bei Freunden immer so ab: große Freude im Vorfeld, aber nach der Ankunft erst mal lieber in der Nähe von Mama bleiben. Und damit meine ich ALLERnächste Nähe. Töchterchen schien nämlich grundsätzlich an meinen Oberschenkel angetackert zu sein.

Irgendwann wurden die anderen Kinder – die man im Übrigen schon eine Ewigkeit kannte – schüchtern beschnuppert, bevor man sich dann kurz vor dem Nachhausegehen ins Getümmel stürzte. Dieser Ablauf war manchmal ein bisschen nervig, aber irgendwie auch schön, weil es ja kein schöneres Kompliment gibt für eine Mutter, als: Bei dir fühle ich mich sicher. Da kann mir nichts passieren.

„Die beißen doch nicht!“

Ich habe auch nie gegen diese anfängliche Anhänglichkeit gearbeitet. Stichwort: eigenes Tempo finden lassen. Außerdem waren die Erinnerungen aus meiner eigenen Kindheit noch präsent. Meine Eltern pflegten mich nämlich immer mit einem dezenten Schubs in den Rücken in Richtung der anderen Kinder zu manövrieren. „Komm, jetzt geh mal hin. Die anderen beißen schon nicht.“

Natürlich wusste ich schon damals, dass die anderen Kinder mich nicht beißen würden. Ich war ja nicht doof. Aber ich umkreiste halt Situationen lieber erst mal, bevor ich mich hineinstürzte. Der Schubser Richtung Kinderschar hatte nur eines zu Folge: dass mein Gesicht knallrot anlief und ich mich furchtbar genierte. Das wollte ich meinem Kind unbedingt ersparen. Sollte sie doch so lange an meiner Hand und meinem Oberschenkel rumwurschteln wie sie wollte.

Anhänglich? Das war einmal!

Und nun kommen wir zum Hochverrat, der mich aufgrund dieser rituellen Szenarien tatsächlich eiskalt erwischte. Quasi von hinten durch die Brust. Es war ein Dienstag. Ich wollte meine Tochter vom Kindergarten abholen und erwartete das übliche Strahlen über das ganze Gesicht und eine herzliche Umarmung. Stattessen wurde mein Erscheinen an diesem Tag mit einer verzogenen Schnute und einem genervten „Wie? Jetzt schon?“ quittiert. Ja, so fing das an. Im Laufe der Zeit wurde meine Tochter immer präziser mit ihren Ausgrenzungs-„Attacken“. Einladungen zu Kindergeburtstagen wurden mir nur noch mit einem „Du bringst mich aber nur hin, ja? Und gehst dann bitte wieder!“ übergeben. Besuchten wir meine Eltern hieß es von Kindesseite „Ich würd jetzt schon gern mal mit Oma alleine spielen."


Frau Sandra Schmid, Autorin

Sandra Schmid ist Mama von Leni und freie Autorin

Mama auf dem Abstellgleis

Das fühlte sich anfangs ziemlich ekelig an. Von einem Tag auf den anderen ausrangiert zu werden. Nicht mehr erste Wahl. Abstellgleis ist da nur ein Hilfsausdruck. Da hab ich schon einige Zeit gebraucht, um das zu verkraften. Bis ich irgendwann feststellte: Das Unabhängigkeitsstreben meines Kindes (oder wie ich es eben polemisch nannte: Hochverrat!) ist nicht nur eine vollkommen normale und wichtige Entwicklung, sondern bedeutete auch eine Extraportion Freiheit für mich. Mit Oma alleine spielen? Klar doch! Drei Stunden alleine auf dem Kindergeburtstag? Bitte, gerne! Das birgt einige Vorteile, habe ich gemerkt: entspannte Nachmittage zu Hause und kindfreie Oberschenkel.




Bildnachweis: W&B/Privat, Jupiter Images GmbH/Thinkstock LLC

Sandra Schmid / www.baby-und-familie.de; 03.08.2012
Bildnachweis: W&B/Privat, Jupiter Images GmbH/Thinkstock LLC

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