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Kinderbücher sind voller Rollenklischees!

Frauen kümmern sich um den Haushalt. Männer gehen arbeiten. Warum stecken Kinderbücher immer noch voller alter Rollenbilder und was bewirkt das bei unseren Kindern?


Vorlesen liebt wohl jedes Kind – doch manchmal hapert's am Inhalt

Wie geht es eigentlich Vätern, die ihren Kindern Geschichten vorlesen sollen, in denen keine Vaterfigur vorkommt oder nur eine Statististenrolle einnimmt? Sie weigern sich irgendwann, diese Geschichten vorzulesen. Und was macht es eigentlich mit Müttern, die in den Büchern ihrer Kinder permanent mit Geschlechtsgenossinnen konfrontiert werden, die immer Zeit für ihren Nachwuchs haben und sich mit vollster Hingabe dem Haushalt widmen? Sie verbannen diese Bücher irgendwann in die hinterste Ecke ihres Kleiderschrankes. Warum nur, so fragen wir uns, gibt es eigentlich immer noch so viele Kinderbücher, in denen eine Welt gezeigt wird, die mit den Lebensverhältnissen vieler Familien heutzutage nichts mehr zu tun hat?


Helga Andresen, Professorin für Sprachwissenschaften an der Universität Flensburg, hat sich zusammen mit ihrer Doktorandin Astrid Schmidt näher mit diesem Phänomen beschäftigt: Für das Projekt PAGES (Practises Against Gender and Ethnic Stereotypes = Übungen zur Überwindung geschlechts- und ethnienspezifischer Stereotypen) haben sie die Rollenverteilung in Büchern für Kinder im Alter von 0 bis 10 Jahren untersucht. Sie prüften: Wie werden Mann und Frau, Mädchen und Jungen dargestellt? Welche Beziehungen bestehen zwischen den Hauptpersonen? Gibt es bestimmte geschlechtsspezifische Rollenzuweisungen? Kommen Menschen aus verschiedenen Ländern in den Büchern vor? Baby und Familie sprach mit den beiden Wissenschaftlerinnen.

Auf welche Klischees und Rollenmuster sind Sie bei Ihrer Untersuchung gestoßen?



Prof. Helga Andresen ist Sprachwissenschaflterin und Direktorin des Instituts für Germanistik an der Universität Flensburg

Schmidt: Die Mutter arbeitet nicht, sondern kümmert sich um den Haushalt und die Kinder. Wenn sie doch arbeitet, dann in typischen Frauenberufen wie Erzieherin, Krankenschwester oder Verkäuferin. Der Vater ­hingegen arbeitet den ganzen Tag und hat deshalb nur abends kurz Zeit für die Kinder. Er hat meist einen typischen Männerberuf wie Arzt oder Taxifahrer. Ein gutes Beispiel dafür sind die Conny-Bücher oder die Bobo-Siebenschläfer-Reihe. Frauen, aber auch weibliche Figuren in Tierbüchern, werden häufig mit weiblichen Attributen wie einer Schürze oder einer Schleife im Haar dargestellt. Männer brauchen keine Attribute. Das ist besonders interessant, denn das bedeutet ja, dass quasi das Neutrale männlich ist.



Astrid Schmidt ist Doktorandin bei Prof. Helga Andresen und war maßgeblich an der Kinderbuchstudie beteiligt

Andresen: Es gibt natürlich auch positive Beispiele, in denen beispielsweise Männer und Frauen denselben Tätigkeiten nachgehen und gleichberechtigt nebeneinander arbeiten.

Haben Sie diese Ergebnisse erwartet?

Andresen: Ich war wirklich völlig überrascht, dass es diese Stereo­type und Klischees gerade in Büchern gibt, die weit verbreitet sind und viel gekauft werden. Denn die Realität ist heutzutage eine andere. Der internationale Vergleich zeigt uns auch, dass es heute tatsächlich mehr solche Bücher gibt als noch in den 80er-Jahren.


Welche Bücher ­haben Sie untersucht?

Schmidt: Wir haben in Buchhandlungen, Büchereien, einschlägigen Internetforen und anhand von Bestsellerlisten Bücher ­recherchiert, die in Deutschland besonders populär sind. Daraus haben wir eine Auswahl getroffen.

Ist Eltern denn bewusst, dass viele Kinderbücher nur so vor Stereotypen und Klischees strotzen?

Andresen: Nein. Bei unseren Schulungen, in denen wir Erzieherinnen, Tagesmütter und Eltern für das Thema sensibilisieren wollen, kam anfangs oft die Reaktion „Das ist doch heutzutage kein großes Thema mehr“. Am Ende der Seminare waren sich alle einig, dass das Thema immer noch relevant ist.

Das heißt, Eltern empfinden die in Ihren Augen problematische Darstellung von Geschlechterrollen­ oftmals gar nicht so?

Schmidt: Das kann man so nicht sagen. Die Skepsis, die viele Erwachsene unserem Anliegen gegenüber anfangs hatten, wich ziemlich schnell der Erkenntnis, dass es durchaus Dinge gibt, die sie in Kinderbüchern stören. Zum Beispiel, dass alles was mit Mädchen zu tun hat, oft in Rosa dargestellt wird. Immer wieder haben uns Eltern auch erzählt, dass es sie stört, dass es kaum mehr Geschichten mit richtig starken Jungen gibt. Sie werden häufig nur noch als sensible Figuren dargestellt. Da gibt es offensichtlich weniger Identifikationsspielraum als für Mädchen.

Warum ist es denn so wichtig, sich starre Rollenbilder und Geschlechterrollen bewusst zu machen?

Andresen: Zum einen entspricht unsere Gesellschaft einfach nicht mehr dem, was in manchen Büchern gezeigt wird. Zum anderen soll vermieden werden, dass Kindern von vornherein nur ein verengtes Angebot an Geschlechterrollen und Rollenvorbildern gegeben wird. Kinder brauchen ­­variable Identifikationsmuster.

Warum?

Andresen: Geschlechtsidentität entwickelt sich erst mit den Jahren. Dreijährige haben zum Beispiel noch häufig die Vorstellung, das Geschlecht wechseln zu können. Kinder sammeln und erweitern also ihr Wissen über die Geschlechter und die Attribute, die diesen von der Gesellschaft zugeschrieben werden. Nur wenn sie ­eine große Bandbreite an Geschlechter­­rollen und Rollenvorstellungen kennenlernen, können sie ihre ­eigene Persönlichkeit entwickeln.

Was macht es mit einem Kind, das ausschließlich mit Stereotypen und Klischees konfrontiert wird?

Andresen: Wenn Bücher für Mädchen rosa und für Jungen blau sind oder Mädchen in Geschichten immer besonders zart und Jungen stets besonders mutig sind – ­alles Klischees und Stereotype –, dann drängt ­dies Kinder schon in frühen Jahren in eine bestimmte Rolle.

Schmidt: Kinder identifizieren sich stark mit den Personen in einem Buch. Sie lernen in den Geschichten, welche Möglichkeiten sie haben, sich in bestimmten Situationen zu verhalten. Handeln Figuren stark normiert, kann das problematisch für die Kinder sein, wenn ihr Naturell dieser Norm nicht entspricht. Sie finden sich in den Geschichten nicht wieder und zweifeln an sich.

Wenn meine Tochter Feen­geschichten über alles liebt und mein Sohn am liebsten Bilder­bücher mit großen Fahrzeugen anguckt – was raten Sie mir?

Andresen: Lesen Sie Ihrer Tochter weiter Feengeschichten vor, und sehen Sie mit Ihrem Sohn die Fahrzeuge an – aber bieten Sie den beiden auch Bücher mit anderen Inhalten an. Wir wollen Kindern ja weder etwas vorschreiben noch verbieten. Außerdem liegt uns nichts ferner, als Rollen zu bewerten und zu sagen, das ist eine gute Frauenrolle oder das ist ein schlechtes Klischee. Unser Ziel ist, Eltern darauf aufmerksam zu machen, dass Kinder eine Bandbreite an Rollenvorbildern in Büchern brauchen. Es wäre absolut unsinnig, klischeehafte Gegenbilder zu ­entwerfen. Eine Mutter darf in einem Bilderbuch natürlich einen Kuchen backen. Erwachsene sollten Kindern aber nicht ausschließlich solche Bücher anbieten und ihr Kauf- und Schenkverhalten überprüfen.




Bildnachweis: W&B/Privat, W&B/Onoky/RYF

Barbara Weichs / Baby und Familie; 13.06.2012
Bildnachweis: W&B/Privat, W&B/Onoky/RYF

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