Der scharfe, kurze Ton aus der Trillerpfeife der Sportlehrerin signalisierte früher unmissverständlich: Schluss mit den Mätzchen! Jetzt treten hier alle Mann mal geordnet an und tun, was ich befehle! Die Trillerpfeife sorgte dafür, dass selbst durch den unmotiviertesten Schlaffi ein kleiner Ruck ging. Und dass sich keiner mehr traute aufzumucken, weil sonst eine Runde Straflaufen oder zehn Liegestütze drohten.
Ein antiquierter Hauruck-Erziehungsstil, an den sich viele Eltern mit Schaudern erinnern. Aber auch einer, der für manche Pädagogen heute durchaus an Charme gewinnt. Dr. Bernhard Bueb zum Beispiel landete mit seinem Buch „Lob der Disziplin“ einen Bestseller. Darin propagiert der ehemalige Leiter der Eliteschule Schloss Salem, „dass der Wert der sogenannten Sekundärtugenden, also zum Beispiel Disziplin, Fleiß und Pünktlichkeit, wieder höher geschätzt wird“.
Manche Bundesländer haben inzwischen sogenannte Kopfnoten wieder in den Zeugnissen eingeführt. Die Betragenszensur, die traditionell am Kopf des Zeugnisses aufgeführt wurde, war teilweise in den antiautoritären 70er-Jahren abgeschafft worden.
Auch in einer repräsentativen Umfrage der GfK-Marktforschung im Auftrag von BABY und Familie gaben unlängst knapp 95 Prozent der Befragten an: „Es ist wichtig, dass Kinder möglichst frühzeitig gutes Benehmen lernen.“ Und fast ebenso viele (94 Prozent) bejahten die Aussage: „Disziplin und Pflichtbewusstsein sind Werte, die auch heute in der Kindererziehung vermittelt werden sollten.“
Einerseits. Denn obwohl sich Erwachsene klar wünschen, der Nachwuchs möge Manieren zeigen, fürchten sich offenbar viele davor, mit allzu viel Strenge die Kleinen zu verbiegen. So sagten rund 80 Prozent der Befragten in der GfK-Umfrage nämlich auch: „Kinder sollten ihre Kindheit möglichst lange unbeschwert genießen dürfen, mit Verboten und Zwängen des Alltags werden sie noch früh genug konfrontiert.“
Was also jetzt? Freigeist oder Disziplin? Klare Ansage oder die lieben Kleinen gewähren lassen? Autoritär sein oder antiautoritär? Das treibt Eltern offenbar in ein ziemliches Dilemma: „Die Kindererziehung ist eine Gratwanderung“, sagt denn auch Professor Renate Köcher, Chefin des Instituts für Demoskopie Allensbach. Im Generationenbarometer, das alle drei Jahre erhoben wird, beklagten sich 2009 nämlich 27 Prozent der Eltern mit Kindern über zehn Jahren über das egoistische Verhalten ihrer Zöglinge.
„Viele Eltern wollen dazu beitragen, dass sich die persönlichen Fähigkeiten ihrer Kinder entfalten“, so Köcher. Um dann irgendwann festzustellen, dass sie sich zwar willensstarke Kleine, aber eben auch maßlose Egomanen herangezogen haben.
Gehorsam. Ordnung. Sauberkeit. Sparsamkeit. Jeder einzelnen dieser Tugenden haftet zugegebenermaßen auf den ersten Blick der Muff puritanischer Strenge, von spaßfreier Steifheit an. Dennoch hält Pädagoge und Psychologe Dr. Albert Wunsch aus Neuss es für wichtig, dass Eltern ihren erzieherischen Auftrag wieder ernster nehmen und genau solche Verhaltensweisen vermitteln.
In einem Buch plädiert er gar für einen „Abschied von der Spaßpädagogik“ (Kösel Verlag). „Kinder brauchen ganz klare Handlungsverdeutlichungen, was erlaubt ist und was nicht“, erklärt er. „Eltern haben den eindeutigen Auftrag, ihre Kinder auf das Leben in der Gesellschaft vorzubereiten.“
Ist es in Ordnung, dass ein Vierjähriger Schimpfwörter benutzt, die selbst dem abgebrühtesten Kleinkriminellen die Schamesröte ins Gesicht treiben? Darf das Jugendzimmer sich in ein Biotop für Kleinstlebewesen und Schimmelkulturen verwandeln? Muss das Kleine unbedingt ein zweites Eis haben?
Für Wunsch gibt es darauf eine klare Antwort: „Natürlich nicht. Ein Kind muss lernen, sich in die Gemeinschaft einzufügen und dazu sind Regeln nötig.“ Punkt. Aus.
Wenn es nur so einfach wäre. Denn das Kernproblem, so Wunsch, „ist die Tatsache, dass Kindern oft das gelebte positive Vorbild fehlt“. Die Kleinen sollen sparsam sein – aber Papa verschuldet sich hemmungslos für einen Porsche Cayenne. Sie sollen Höflichkeit pflegen – aber zu Hause flucht Mama wie ein Kutscherknecht, wenn ihr etwas herunterfällt. Und ob es im Kinderzimmer aussieht wie nach einem Bombenanschlag, regt die Eltern zwar auf. Aber angemessene Konsequenzen hat es keine.
Und genau da, rät Wunsch, sollen Väter und Mütter ansetzen. „Sie müssen klar vermitteln, was sie von ihren Kindern erwarten, und deutlich machen, dass sie dies auch einfordern, indem sie Kinder vor Wahlmöglichkeiten stellen.“ Beispiel chaotisches Kinderzimmer: Entweder wird bis morgen aufgeräumt, oder wir packen die Spielsachen gemeinsam für zwei Wochen in den Keller.
Wunsch plädiert dafür, schon kleinen Kindern Pflichten für die Familie zuzutrauen, damit das gemeinsame Leben gut gelingt. „Wer in der Erziehung Konsequenzen nicht zulässt, jeden Wunsch möglichst sofort erfüllt, Kinder überbehütend in Watte packt und Unangenehmes von ihnen fernhält, raubt ihnen die Chance, eigenverantwortliche Persönlichkeiten zu werden“, so der Pädagoge.
Dass Werte in der Erziehung wichtig sind, dass Kinder wachsen, wenn man sie Tugenden lehrt – davon ist auch Katja van Leeuwen überzeugt. Zusammen mit Gleichgesinnten gründete sie vor etwa einem Jahr in Deutschland den Verein „TugendProjekt“, der auf ein kanadisches Modell zurückgeht.
Das „Virtues Project“ besteht seit fast 20 Jahren in inzwischen mehr als 100 Ländern und wurde 1993 von den Vereinten Nationen als vorbildhaftes Modell-Projekt für Familien aller Kulturen geehrt. Die Überzeugung der Mitarbeiter dieses Projektes: „Ein Kind kommt nicht als leeres Blatt auf die Welt, sondern trägt alle Tugenden in sich“, glaubt van Leeuwen.
„Die Aufgabe von uns Erwachsenen ist es, die guten Eigenschaften in unserem Nachwuchs zu wecken.“ Das TugendProjekt bietet deshalb für Eltern, Lehrer und Pädagogen Kurse an, wie diese ihren Schützlingen Tugenden vermitteln können (Info unter: www.tugendprojekt.de). Das Hauptaugenmerk dabei: Innerhalb einer Familie gibt es klar gesetzte Ziele und Werte, die alle einhalten müssen.
Die könnten zum Beispiel lauten: „Wir respektieren uns gegenseitig, sprechen freundlich miteinander. Wir halten unser Haus sauber. Wir sind ehrlich. Wir teilen die Verantwortung, indem jeder seine Aufgaben erfüllt.“ „Die Sprache prägt den Charakter“, glaubt van Leeuwen und plädiert deshalb dafür, gute Taten von Kindern nicht generell zu loben, sondern gleichzeitig immer auch die Tugend zu fördern.
Also nicht: „Das war ganz toll von dir“, sondern: „Das hat viel Geduld erfordert. Schön, dass du sie aufgebracht hast.“ Oder: „Als du geteilt hast, warst du sehr grosszügig.“
In ihrer Familie verfolgt Katja van Leeuwen seit Jahren die Strategie des TugendProjektes. Ihre Erfahrung: „Die Stimmung ist friedlicher geworden, wir haben einen freundlicheren Umgang miteinander. Wir respektieren uns und andere mehr als früher.“ Und das erreichen Eltern nicht durch Strenge, sondern, so Wunsch, „durch liebevolle Klarheit“.
Unsere Experten:
Dr. Albert Wunsch ist Erziehungswissenschaftler und Psychologe aus Neuss
Katja van Leeuwen ist Mitinitiatorin des TugendProjekts, Königswinter
Anne-Bärbel Köhle / Baby und Familie;
29.06.2010
Bildnachweis: W&B/Privat, Getty Images/Jim Naughten
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