Kinder: Doktorspiele erlaubt?

Bereits im Kindergartenalter haben Mädchen und Jungen Interesse daran, das eigene und das andere Geschlecht zu erkunden. Wie Erwachsene am besten damit umgehen

von Nadja Katzenberger, Daniela Frank, aktualisiert am 26.09.2016

Wie sieht es da unten aus? Kleine Kinder interessieren sich oft für ihre Genitalien

W&B/Forster und Martin

Kurz vorm Schlafen erzählt die Fünfjährige noch von ­ihrem Tag im Kindergarten. "Und dann sind der Oskar und ich zusammen in die Kuschelecke gegangen und haben unsere Popos ver­glichen." Das Mädchen gluckst, ihre Mutter schluckt. "Kinderarzt haben wir auch gespielt. Ich weiß jetzt, dass der Luis einen Penis hat. ­Gute Nacht, Mama!"

Wenn das eigene Kind von solchen Spielerlebnissen erzählt oder auch, wenn es sich zu ­Hause mit Freund oder Freundin zurückzieht, um sich gegenseitig zu erforschen, verunsichert das Eltern. Pädagogen sehen das hingegen gelassen. "Diese Schau- und Zeige­l­ust ist normal im Sinne sexueller Neugier, da gehören so­genannte Doktorspiele genauso dazu wie Fragen nach Schwangerschaft und Geburt", sagt Claudia Schmitt, Diplom-Pädagogin und Sexual­wissenschaftlerin in Paderborn.

Sie erklärt: "Kinder sind ­sexuelle Wesen von Geburt an, aber ­diese Sexualität hat nichts mit der Erwachsener zu tun." Im Mittelpunkt steht das körperliche Wohlgefühl: kuscheln mit Mama oder Papa, ein schönes Gefühl spüren, den Körper mit allen Sinnen er­­leben. Letztlich gehört für Kinder auch dazu: die eigenen Geschlechts­teile entdecken, sie stimulieren – aber all das ist völlig unbefangen, spontan und ich-bezogen.


Claudia Schmitt ist Diplom-Pädagogin und Sexualwissenschaftlerin M.A. Sie arbeitet und promoviert in Paderborn

W&B/Privat

Neugier im Kindergartenalter normal

Mit etwa drei Jahren sind Kinder von der Neugier getrieben. Sie interessieren sich auch für die Körper ­ihrer nächsten Mitmenschen. Wie sehen Mama und Papa aus, wenn sie nackt sind? Warum hat ­Mama keinen Penis? Zwischen vier und sechs Jahren dehnt sich ­diese Neugier auf andere Kinder aus, und viele erforschen sich gegen­seitig. "Erwachsene würden das vielleicht als Sexualität werten, aber für Kinder ist es eines von vielen Rollenspielen. Sie machen Erfahrungen mit der Welt", sagt die Päda­gogin.

Nicht vorschnell dazwischengehen

Wenn sich alle Kinder wohlfühlen, gleich alt und freiwillig dabei sind, sollten die Erwachsenen sie machen lassen. Die Expertin rät, nicht vorschnell dazwischenzugehen. "Sonst suchen sich die Kinder ­eine andere Gelegenheit und vielleicht ein Umfeld, in dem Erwachsene kaum Möglichkeiten haben einzuschreiten, falls das Spiel zu weit geht." Nur: Wann ist dieser Punkt erreicht? Problematisch werden Doktorspiele bei größeren Altersunterschieden oder körperlicher Überlegenheit eines oder mehrerer Kinder oder wenn ein Kind unter Druck oder Zwang mitmacht.

Sehr befremdlich finden es ­Erwachsene auch, wenn ­Kinder Geschlechtsverkehr nachspielen. "­Dies kann im Rahmen von Doktor­spielen möglich sein", sagt Schmitt. Ein Kind hat vielleicht ­eine Liebes­szene im Fern­sehen gesehen oder bei älteren Geschwis­tern etwas aufgeschnappt. Bloßes Nachspielen ist harmlos, Aus­­üben nicht. "Hier müssen Erwach­sene ganz klar einschreiten", so die Expertin. Also die Kinder auseinanderbringen, aber dies, ­ohne zu schimpfen. Möglich, dass ein Kind sexualisierte Gewalt erfahren hat und so versucht, diese zu ver­arbeiten. Sollten Eltern tatsächlich ­einen solchen Verdacht haben, holen sie sich am bes­ten professionellen Rat und Einordnung, statt sich von eigenen Interpretationen leiten zu lassen. Sie können sich zum Beispiel, auch anonym, an das Jugendamt, ­eine Erziehungs­beratungsstelle oder pro familia wenden.

Klare Regeln aufstellen

In der Regel sind die kindlichen Doktorspiele aber harmlos. Dennoch braucht es Regeln, damit sich alle wohlfühlen. Die sollten Erwachsene vorher mit den Kindern klären. Zum Beispiel: Niemandem wird wehgetan, es darf nichts in Körperöffnungen gesteckt werden und vor allem: "Nein heißt nein" – alle akzeptieren, wenn ein Kind nicht mitmachen will. Auch, wenn es das sprachlich noch nicht ausdrücken kann, aber durch ­seine Körperhaltung signalisiert "Ich will das nicht". Genauso wichtig: Hilfe holen ist nicht petzen!

Was Eltern auf keinen Fall tun sollten: das Spiel ohne Erklärung verbieten, abwerten oder schimpfen. So bekommt für die Kinder ­eine natürliche Sache plötzlich ­einen bösen Beigeschmack – ­ohne dass sie wissen, warum. Deshalb: zurückhalten und ab und zu ­einen Blick durch den Türspalt werfen, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist. Mit den Doktorspielen ist es übrigens spätestens im Grundschulalter vorbei. Die kindliche Neugier weicht dann dem normalen Schamgefühl.


Sexualerziehung von Anfang an: Experten-Tipps

Wie verhalte ich mich richtig? Im Alltag tauchen bei Eltern immer wieder praktische Fragen zum Thema auf. Sexualforscher und Pädagoge Professor Uwe Sielert vom Institut für Pädagogik der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel hat die dringendsten für uns beantwortet:

•    Herr Sielert, wie sprechen Eltern das Thema am besten an?
Wichtig ist, dass sie mit ihrem Kind laufend im Gespräch bleiben. Da reicht nicht ein einmaliges Aufklärungsgespräch, bei dem die Eltern das Kind mal "beiseite nehmen". Am besten, sie weisen immer wieder auf Dinge und Regeln hin, zum Beispiel, dass keiner dem anderen wehtun soll. Das Kind sollte merken, dass es ohne Scheu erzählen kann.

•    Wo sollten Grenzen beim Alter der Spielkameraden sein?
Generell gilt: Unter Gleichaltrigen, also bei einem Altersabstand von höchstens zwei Jahren, sind solche Körpererkundungen unproblematisch. Aber in speziellen Fällen kann auch bei einem Altersabstand von zwei Jahren schon ein Machtgefälle entstehen, zum Beispiel, wenn eines der Kinder besonders weit entwickelt ist. Wenn die Eltern mit ihrem Kind gut im Gespräch sind, wird es von unangenehmen Situationen erzählen.

•    Was tun, wenn das Kind in der Öffentlichkeit an sich herumspielt?
Zunächst können die Eltern das Kind mit etwas anderem ablenken. So merkt es, dass Mutter oder Vater das nicht in öffentlichem Kontext möchte. Später können sie ihm erklären, dass es zwar seinen Körper erkunden darf, aber am besten im Kinderzimmer oder wenn es alleine ist.

•    Wenn Kinder die Genitalien der Eltern anfassen wollen – dürfen die Eltern das zulassen?
Wenn Eltern und Kinder nackt baden oder herumtollen und das Kind berührt das Geschlechtsteil von Mutter oder Vater, ist das kein Problem. Ebenso, wenn es die Genitalien ausführlich betrachtet. Greift es im Spiel danach, ist das zunächst nicht schlimm – aber der Elternteil kann natürlich sagen, dass er das nicht möchte. Das Kind lernt, dass Intimität etwas Schützenswertes ist und es die Intimsphäre anderer respektieren muss. Problematisch wäre, wenn es die Geschlechtsorgane ausführlich mit den Händen untersucht. Das ist dem Betreffenden in der Regel unangenehm und könnte ihn auch ungewollt erregen. Der Erwachsene sollte sagen "Das möchte ich nicht."

•    Was sollten Eltern bei der Pflege beachten?
Wichtig ist, dass Eltern bei der täglichen Pflege keinen Bogen um die erogenen Zonen machen, auch nicht bei Mädchen. Bei Jungen wird oft sehr bei der Intimhygiene auf das Geschlechtsteil geachtet. Bezugspersonen finden das dann sogar manchmal lustig, wenn dabei eine Erektion entsteht. Bei Mädchen wird diese Region oft ausgespart und überhaupt nicht beachtet. So bekommen Jungen den Eindruck, auf ihr Geschlechtsteil stolz sein zu können, Mädchen hingegen oft, dass sie sich dafür schämen sollten.

•    Welche Bezeichnungen für die Geschlechtsorgane sind angebracht?
Welche Begriffe da genommen werden, regelt jede Familie selbst. Oft erfinden Kinder auch Ausdrücke oder schnappen sie auf. Wichtig ist, dass es in der Familie ein Wort dafür gibt und dass es nicht zu verschroben ist. Denn auch andere – zum Beispiel die Erzieherin im Kindergarten – sollten verstehen, wovon das Kind spricht.



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