Kampf um den Klamotten-Geschmack

Kinder haben oft eine genaue Vorstellung, was sie anziehen wollen. Warum man mit ihnen darüber lieber nicht streitet

von Julia Jung, 27.11.2015

Ein lila Tüllschleier? Kinder wollen selbst entscheiden, was sie anziehen

Glow Images/glennimage/istock360

Das "Unter" in Unterhose nahm sie nicht ernst. ­Janika, vier, trug ihren hellrosa Frottee-Schlüpfer prinzipiell über der Latzhose. Auch, als die anderen Kinder lachten, sich ihre große ­Schwester schämte und die Mutter am dritten Tag nur noch resignierte – ­Janika blieb bei ihrer Über-Unterhose. Heute ist Janika erwachsen, trägt gerne weiß und selten rosa, hat einen angenehm-unaufdringlichen Stil und fällt nicht durch sichtbare Unterhosen auf.


Spleens hinnehmen, Toleranz fördern

"Puh, noch mal Glück gehabt", dachte ihre Mutter 20 Jahre später. "Okay, nichts falsch gemacht", sagt Prof. Dr. Fabienne Becker-Stoll, Entwicklungspsychologin und Direktorin des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München. "Wenn Eltern diese kleinen Spleens hinnehmen, helfen sie ihren Kindern dabei, tolerante Menschen zu werden." Kinder, die sich aus­leben dürfen, akzeptieren das später auch eher bei anderen Menschen.

Aber wer denkt schon an später, wenn es morgens um sieben ­wegen eines Glitzer-Tutus zum ­Eklat kommt? Der einzige Gedanke, der Eltern dann umtreibt, ist doch ­lediglich ein riesengroßes "Warum?". Warum muss ­Finn-Leon wochenlang nur Gelb tragen? Warum wird Mia zur Furie, wenn sie nicht im Schlafanzug zum Kindergarten gehen darf? Warum habe ich mich breitschlagen lassen und diesen Polyester-Alptraum mit ­Feenflügeln gekauft? Also warum, bitteschön, kann das Kind sich nicht ganz normal anziehen?

Pullover-Konflikte

Elternsein ist manchmal eben echt hart. Kindsein aber auch. Und wenn der Stöpsel sich unter Tränen weigert, den ­hellblauen handgestrickten Hasen-Pullo­ver im Kindergarten zu tragen, dann sollte man den großmütterlichen Handarbeitsstolz mal kurz vergessen. "Es kann sein, dass das Kind wegen seiner Kleidung gehänselt wurde, oder es diesen ­Pulli gerade dann an­hatte, als es Ärger gab oder sogar nur ein anderes Kind mit einem hell­blauen ­­Pullover geärgert wurde", zählt Becker-Stoll nur einige der möglichen Pullover-Konflikte auf. Vielleicht kann es der ­Kleine auch gar nicht selbst benennen. Der Hase bleibt samt ­Pulli aber erst mal im Schrank. Muss Oma ja nicht ­wissen.

So ließe sich eines der vielen Warums klären. Und die anderen? Diese Farben-Besessenheit, mit der eine einzige ­Kita-Gruppe den Christopher-Street-Day zu einem Beamtenbund-Stelldichein ­machen könnte? Schuld sind Männer, die mit den Füßen gegen Bälle treten, Männer, die mit gigantischen Lastwagen unseren Müll abholen, oder gelbe Eier-Männchen mit ­dicken Brillen, die im Kino das ultimativ-grausig-gemeinste Böse suchen. "Kinder haben die unterschiedlichsten Vorbilder und wollen sein wie sie – manchmal auch nur unbewusst", sagt Becker-Stoll. Und wenn ein gelb-schwarzer Ruhrpott-Kicker sich gerade in den Fußball-Olymp geschossen hat, dann geraten Fünfjährige vor lauter Begeisterung leicht mal in eine gelbe Phase.

Rosa hat meist nichts mit Rollenbild zu tun

Während jede minimal-emanzipierte Mutter bei rosa glitzernden Feenflügeln an eine Verwechslung auf der Entbindungsstation denkt, hat die Tochter unter Umständen ziemlich tugendhafte Gründe: "Viele Mädchen lieben Feen, weil diese anderen Kindern, Tieren oder Wesen helfen. So wollen sie auch sein und übertragen das auf die Flügel oder die rosa Röckchen", erklärt Becker-Stoll. Es gehe, so die Psychologin, den Kindern meistens nicht um die weibliche Rolle, sondern um die gute Tat. Na dann: Her mit Tüll und Krönchen, ­unsere Töchter werden die Welt retten!

Das Warum zur Schlafanzug-­Furie lässt sich vielleicht so beantworten: Die üblichen Jeans und Sweatshirts sind plötzlich zu klein, kratzen oder engen beim Spielen ein. All das passiert im urgemütlichen Pyjama nicht. "Warum also­ morgens überhaupt umziehen?", ist die kindliche Schlussfolgerung. Becker-Stolls­ Lösungsvorschlag: Second-Hand-Jogginghosen. "Bereits getragene und vielfach gewaschene Kleidung ist Kindern häufig­ viel angenehmer."

Manches ist auch einfach unbequem

Wer jetzt die Nase rümpft, dem soll gesagt sein: In trendy Slimfit-Jeans Größe 92 lässt sich ­eine Piraten-Kletter-Rutsch-Burg NICHT entern! Und wem diese ­interne, wichtige Kindergarten-Schlacht durch eine Hose vermasselt wird, der mutiert vom gefürchteten Freibeuter schnell zur unberechenba­ren Furie! Vom ‚Hose­-zu-eng-für-schnelle-Geschäfte‘-Desaster auf dem Weg zur Toilette mal ganz abgesehen.

Auf alle anderen Warums gibt es folgende Antwort: Weil Kinder eben so sind! "Sie wollen Aufmerksamkeit, sich ausprobieren, in neue Rollen schlüpfen. Das alles ist wichtig für ihre Entwicklung", fasst Becker-Stoll zusammen und weiß: "Für ein Mädchen mit Glitzerkrönchen ist die Welt in diesem Augenblick einfach wunderbar." Dann sollte sie das für uns Eltern in diesem Moment auch sein.


Wann Eltern einschreiten sollten

In manchen Fällen müssen Eltern sich trotz aller kindlicher Selbstverwirklichung durchsetzen. Ein Beispiel: Jahreszeiten missachtet. ­Eltern wissen es nun mal besser. Lieber einen schreienden, als einen frierenden Zwerg zur Kita bringen. "Hier bietet sich ein Kompromiss an", so Becker-Stoll: "Die Lack-Sandalen werden eingepackt und dürfen, in Absprache mit den Erziehern, in der Kita getragen werden."



Geschlechterrollen in der Erziehung

Kleines Mädchen spielt Prinzessin

Typisch Mädchen, typisch Junge – klappt Erziehung ohne Rollenbilder? »

Klare Geschlechterrollen haben lange Zeit zur Orientierung, aber auch zu viel Diskriminierung beigetragen. Deshalb wollen viele Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder davon Abstand nehmen »

Mutter mit Kleinkind auf dem Schoß am Laptop

Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren »

Mutter mit Kind arbeitet vor dem Laptop

Entwicklungsnewsletter

Erhalten Sie alle zwei Wochen Infos zum ersten Lebensjahr Ihres Kindes »

Finden sie es okay, Babybilder in Sozialen Medien zu posten?

Darf Ihr Kind Online Videos gucken?

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages