Ist Belohnung eine Manipulation des Kindes?

Ein Sticker für gutes Benehmen: Das wütende Kind bekommt einen Aufkleber und alles ist gut? So einfach laufen Belohnungssysteme nicht, erfuhr unsere Autorin

von Julia Jung, aktualisiert am 23.09.2016

Viele Kinder freuen sich über Sticker als Belohnung – und ändern ihr Verhalten

DPA/PictureAlliance/Oredia/Antoine Juliette

Dass ein kleiner Katzen-Aufkleber ein Kind so glücklich machen kann. Und drei davon erst! Ich hätte es nicht gedacht, bis zu jenem Dezembernach­­mittag in der Krippe. Man muss dazu sagen, dass die Lage sich bis dahin ziemlich zugespitzt hatte.

Alle Beteiligten, also meine Tochter, zu diesem Zeitpunkt fast drei, diverse Erzieherinnen und vor allem ich, schwankten jeden Tag ­zwischen Schrei-Wein-Trotz-Attacken, ratlosem Schulterzucken und verzweifeltem Kloß-im-Hals-Herunter­schlucken.

Was war passiert? Jedes Mal, wenn ich Paula abholte, drehte sie durch: Rannte in der Garderobe schreiend im Kreis, wei­gerte sich, sich anzuziehen, und es verging kein Nachmittag, an dem ich nicht schweißgebadet ein brüllendes, halb angezogenes Mädchen nach draußen trug. Ich wusste, dass meine Tochter es nicht böse meinte, dass all der Stress des Tages von ihr abfiel, wenn sie mich sah und sich ein so kleiner Mensch dann manchmal nicht mehr unter Kontrolle hat. Aber langsam kam ich an meine Grenzen.


Der Plan: Ein Aufkleber für gutes Benehmen

Es war kurz vor Nikolaus, als die Erzieherin mich begrüßte und sagte, sie hätte sich zusammen mit Paula etwas überlegt: Für jeden Tag, an dem es kein Theater beim Abholen gibt, darf Paula einen Aufkleber auf einen selbst gemalten Plan kleben. Ich stimmte sofort zu, dankbar für jede Lösungsidee. Wenn es funktionieren sollte, gab es als Belohnung am Ende der Woche einen Zoo-Besuch. Und es ­klappte: Bis Freitag hatte Paula drei Katzen auf ihrer Liste. Zur Belohnung gingen wir – im Schneesturm – in den Zoo.

Ich war perplex: So einfach sollte es tatsächlich gewesen sein? "Nein, so einfach ist es nicht", sagt Fabienne Becker-Stoll, Leiterin des Münchner Staats­instituts für Frühpäda­gogik und Expertin für alle großen und kleinen Probleme von Eltern und deren Nachwuchs.

Wie funktioniert Belohnung bei Kindern?

Belohnungssysteme, wie Wissen­schaftler es nennen, sollen ein erwünschtes Verhalten durch Motivation herbeiführen. Das kann vordergründig auch mal gut funktionieren, "allerdings hat man dann den Grund des Fehlverhaltens ignoriert, und das ist unfair dem Kind gegenüber", so Professorin Becker-Stoll. 

Aber, das sagt die Entwicklungspsychologin ebenfalls, manchmal lenke die Aussicht auf eine Belohnung vom negativen Verhalten ab – und ­wirke dann positiv. Auch un­sere ­Situation schätzt sie so ein. "Sie konnten sonst keine Parameter verändern und wussten außerdem, wo das Problem lag, nämlich am anstrengen­den Krippentag." Ich bin beruhigt, gänzlich falsch haben wir es nicht gemacht. Paula war Feuer und Flamme für die Aufkleber, und ihr Stress war vergessen.

Motivation von außen wirkt oft nur vordergründig

Das Problem mit der Motiva­tion, erklärt Becker-Stoll, ist quasi die Richtung, aus der sie kommt: von außen oder von innen. "Am meisten bringt es, wenn das Kind von sich aus etwas will, die Motivation also von innen kommt", sagt die Expertin. "Ein Belohnungssys­tem wirkt von außen also schlechter, nur kurzfris­tig oder gar nicht."

Kinder sind ja auch nicht doof. Wenn man Pech hat, ändern sie ihr Verhalten genau so lange, bis es die Belohnung gibt. Oder, das gilt vor allem für Zwei- bis Vierjährige: Sie machen begeistert mit, erkennen aber den Zusammenhang zwischen der Belohnung und dem gezeigten Verhalten gar nicht. Wie bei uns der Ablenkungsfall. Deshalb ist auch bei Paula und mir das Glück nicht von langer Dauer. Gegen die Tränen füllten wir weitere Listen mit Kätzchen, Blumen und aktuellen Kino-Figuren.

Bessere Strategie: Zusammenhänge erklären

Fabienne Becker-Stoll schlägt vor, lieber unmittelbare Ereignisse mit dem Wunsch der Verhaltensänderung zu kombinieren: "Wenn wir zügig Jacke und Schuhe anziehen, haben wir noch Zeit für den Spielplatz. Sonst nicht." Es auf ­diese Weise auszuprobieren, lohnt sich bestimmt. Ich kam bei ­Paula gar nicht mehr durch, wenn sie erst mal im Renn-und-Schrei-­Level war. Die Sache löste sich bei uns irgendwann von selbst: Wie so vieles war auch dies nur eine Phase, die vorüberging. Heute zerrt mein Kind mich an der Jacke aus der Tür, wenn ich mich nur mal kurz unterhalten möchte.



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