Helikopter-Eltern: Zu viel des Guten

Sie fahren Ihr Kind bis ganz vors Schultor? Verteidigen es vehement vor Erziehern und Spielkameraden? Dann sind Sie Helikopter-Mutter oder -Vater. Was Sie ändern sollten
von Daniela Frank, aktualisiert am 04.08.2016

Das Kind ist König: Helikopter-Eltern tun alles für ihren Nachwuchs

Getty / E+ People Images

Als Kind heimlich vom Kuchenteig genascht – und festgestellt, dass es Salzteig war. Völlig fasziniert die kleinen blauen Perlen von den Traubenhyazinthen in Mamas Blumenbeet gezupft. Vor einer Garage auf eine Maus getroffen, sie gejagt – und aus Versehen draufgetreten: Bis ins letzte Detail erinnern wir uns oft an Erlebnisse, die wir als Kind ohne Aufsicht von Erwachsenen hatten. Einzige Aufgabe damals: Welt entdecken. Heute reicht das oft nicht mehr, da ist noch zu viel Zufall im Spiel. Und zu viel Gefahr. Stattdessen stellt häufig ein detaillierter Plan sicher, dass das Kind nichts verpasst. Welt entdecken mit elterlicher Kontrolle. Aber ist das nicht ein Widerspruch in sich?

"Sogenannte Helikopter-Eltern wollen alles kontrollieren und jedes Problem von ihrem Kind fernhalten. Dabei kümmern sie sich in einem höheren Maß, als das für seine Selbstständigkeitsentwicklung gut ist", sagt Dr. Ingo Spitczok von Brisinski, Leiter des Fachbereichs Kinder- und Jugendpsychiatrie an der LVR-Klinik Viersen. Solche Eltern gab es zwar schon immer. Aber ihre Zahl nimmt zu. Das wird vor allem an den Schulen deutlich. So deutlich, dass der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, über das Phänomen ein Buch schrieb, das im Jahr 2013 erschien. Er unterscheidet darin drei Typen von Helikopter-Eltern: die Transport-Hubschrauber, die ihre Kinder überallhin chauffieren, die Rettungs-Hubschrauber, die schon bei einem vergessenen Pausenbrot sofort zur Hilfe eilen und die Kampf-Hubschrauber, die sich zum Beispiel bei schlechten Noten mit dem Lehrer anlegen.

Kraus schätzt, dass der Anteil an Helikopter-Eltern je nach Region etwa 10 bis 20 Prozent beträgt. Immerhin noch zwei Drittel der Eltern würden ganz bodenständig erziehen. "Und etwa ein Sechstel kümmert sich um überhaupt nichts", sagt er. "Das ist mit Sicherheit die problematischste Gruppe. Deren Kinder laufen Gefahr, durchs Bildungsraster zu fallen." Es gibt immer mehr Eltern, die sich zu wenig kümmern – oder zu viel.

Verkehrschaos vor den Schulen

Nicht nur der Kampfhubschrauber-Typ, auch die Transport-Hubschrauber sind heute für sehr viele Schulen ein ernstes Problem. "Vor Schulbeginn herrscht Verkehrschaos, oft sind sämtliche Wege zugeparkt, manche Schulen richten sogar sogenannte Kiss-and-Go-Zonen ein", sagt Kraus. Während 1970 noch 91 Prozent der deutschen Erstklässler ihren Schulweg ohne Erwachsene meisterten, waren es im Jahr 2000 nur noch 17 Prozent. Im Jahr 2012 wurden laut einer Forsa-Umfrage 20 Prozent der Kinder mit dem Auto zur Schule gefahren. Tendenz steigend.

Dass dieses Verhalten keineswegs – wie von den Eltern beabsichtigt – zur Sicherheit der Kinder beiträgt, zeigte eine Studie, die im Auftrag des ADAC durchgeführt wurde: Laut der Untersuchung kamen deutlich mehr Kinder im Auto ihrer Eltern zu Schaden, als solche, die zu Fuß unterwegs waren. Die Wissenschaftler machen dafür die Gefährdung durch das Verkehrschaos vor den Schulen mitverantwortlich. "Wenn Eltern alles kontrollieren wollen, denken sie meist nur an die Risiken, die in der nächsten halben Stunde drohen", sagt Kinderpsychiater Spitczok von Brisinski. "Langfristige Risiken haben sie oft nicht im Blick." Wenn ein Kind zum Beispiel nie klettert und balanciert, ist es motorisch nicht so fit und verletzt sich leichter. "Jeder Sportlehrer wird bestätigen, dass man heute von Kindern in Leichtathletik, Geräteturnen oder Ballspielen nicht mehr dasselbe erwarten kann wie vor 30 oder 40 Jahren", sagt Kraus.

Selbstständigkeit fördern

Experten raten deshalb zu mehr Selbstständigkeit. Zum Beispiel können Kinder, die einen normalen Schulweg ohne besondere Gefahrenstellen haben, diesen im Laufe des ersten Schuljahres schon alleine meistern, wenn er entsprechend eingeübt wurde. "Bei problematischen oder zu langen Strecken können die Eltern ihr Kind zumindest die letzten 100 oder 500 Meter alleine gehen lassen", sagt Spitczok von Brisinski. "Das Kind dauerhaft mit dem Auto von Tür zu Tür zu fahren, ist nicht sinnvoll."

Und das nicht nur hinsichtlich der motorischen Entwicklung. Im Jahr 2013 zeigte eine Studie, dass sich jene Zeit, die Schüler in Bus, Bahn oder Auto verbringen, negativ auf die Schulleistung auswirkt. Zeit, in der ein Weg zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückgelegt wird, jedoch nicht. Muss ein Kind nie ein Problem selbst bewältigen, hat es keine Kompetenzen erworben, alleine klar zu kommen und sich bei Bedarf Hilfe zu organisieren.

Angst vor Unfällen und Missbrauch

Die Gründe für das Helikopter-Verhalten sind wahrscheinlich vielfältig. "Der mediale Alarmismus spielt sicher eine Rolle", sagt Lehrerpräsident Josef Kraus. Über Vorfälle wie Missbrauch oder Unfälle würde immer intensiver berichtet. Außerdem tragen die geringere Kinderzahl und das steigende Alter der Eltern dazu bei, dass diese sich stärker auf das einzelne Kind konzentrieren und es besonders fördern wollen. Viele Eltern helfen ihrem Nachwuchs heute bis ins Studium hinein bei so gut wie allem. "Für die meisten Kinder ist das sehr bequem, ihre Wünschen werden ihnen von den Augen abgelesen, sie haben keine häuslichen Pflichten, werden überall hin chauffiert und an einer schlechten Note sind sie nicht selbst schuld", sagt Kraus. "Viele wollen deshalb auch lieber von zuhause aus studieren oder kommen nach einiger Zeit wieder ins bequeme Elternhaus zurück."

Das Helikoptern schadet nicht immer. Doch wenn mehrere Faktoren zusammentreffen – das Kind zum Beispiel von Haus aus etwas ängstlicher ist – kann es langfristig Konsequenzen haben: "Die Entwicklung der Selbstständigkeit wird nicht leichter, wenn sie sich nach hinten verschiebt", sagt Spitczok von Brisinski. "Wenn die anderen Kinder die entsprechenden Kompetenzen schon besitzen, wird das eigene Kind zum Außenseiter."

Kind kann zum Mobbing-Opfer werden

Dann droht ein Teufelskreis: Wird ein Kind gemobbt, schalten sich Eltern oft verstärkt ein und wollen ihr Kind beschützen. Dabei gehen jedoch viele zu weit. "Wenn sich das Kind im Umgang mit anderen Kindern nicht mehr wohlfühlt, sollten die Eltern die Lücke nicht einfach selbst ausfüllen", sagt Spitczok von Brisinski. "Sonst kommt das Kind nicht in die Gruppe zurück, bleibt Außenseiter." Der Psychiater rät betroffenen Eltern: Dem Kind helfen, Anschluss in einer Gruppe zu finden, in der die Mobbing-Gefahr niedrig ist, zum Beispiel bei den Pfadfindern oder im Kampfsport. Bei erneuten Problemen das Kind nicht gleich wieder aus der Gruppe nehmen, sondern ihm die Möglichkeit geben, die Schwierigkeiten zu überwinden.

Doch bis zum Mobbing muss es gar nicht erst kommen, wenn Eltern rechtzeitig erkennen, dass sie ihr Kind überbehüten und versuchen, irrationale Ängste zu überwinden. "Betroffene können sich zum Beispiel nach Eltern umsehen, die ihre Kinder weder vernachlässigen noch überbehüten und sich mit ihnen austauschen", rät Spitczok von Brisinski. Alternativ hilft eine Erziehungsberatung. "Das richtige Maß zu finden, ist entscheidend", sagt der Experte. "Und die Frage der Schuld bringt einen in der Regel nicht weiter." Eltern dürften ihren Einfluss auf die Entwicklung ihres Kindes nicht überbewerten. Erziehung sei nur ein Faktor von mehreren, wenn auch ein wichtiger.

Früher war nicht alles besser

"Es ist aber auch verständlich, dass Eltern manchmal verunsichert sind", sagt Spitczok von Brisinski. "Es gibt heute höhere Ansprüche an die Selbstverantwortung von Kindern, zum Beispiel in Bezug auf die Medien oder die Berufswelt." Außerdem sind Kinder biologisch früher reif. Die Vergangenheit zum Vorbild zu nehmen, bringt also nichts. Viele aus der Großelterngeneration würden das sicher bestätigen. Ihre eigene Kindheit war zwar von vielen Freiheiten und Abenteuern geprägt, dafür hatten ihre Eltern wenig Zeit, es gab strenge Regeln und manchmal sogar Schläge. Gut, dass sich die Zeiten ändern.

Lesen Sie auch:

Bockiges kind

Wie Kinder Frustrationstoleranz entwickeln »

Klingt hart, aber: Im Leben scheint nicht immer die Sonne. Lernen Kinder früh, mit Frust umzugehen, schützt sie das ein Leben lang »


Das neue Baby und Familie

Baby und Familie Magazin September 2017

Neuer Look, mehr Lesespaß, mehr Infos »

Das Gesundheitsmagazin aus der Apotheke begleitet Schwangere und junge Eltern durch die wohl schönste und aufregendste Zeit ihres Lebens. Inklusive Kreativheft für Kinder! »

Mutter mit Kleinkind auf dem Schoß am Laptop

Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren »

Mutter mit Kind arbeitet vor dem Laptop

Entwicklungsnewsletter

Erhalten Sie alle zwei Wochen Infos zum ersten Lebensjahr Ihres Kindes »

Wer macht bei Ihnen mehr im Haushalt?

Wann ist Ihr Kind gelaufen?

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages