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Großeltern: Einmischen erlaubt?

Eigentlich meinen es die Großeltern nur gut. Doch bei den Eltern kommen Ratschläge häufig falsch an. Warum es zum Streit kommt und wie man ihn löst, erklärt Psychologin Elisabeth Schlumpf


Streit zwischen Eltern und Großeltern: Häufig stecken alte Konflikte dahinter

Frau Schlumpf, was ändert sich für die ­Eltern, wenn ihr Kind selbst Nachwuchs bekommt und sie ­damit zu Großeltern werden?

Wenn die erwachsenen ­Kinder Eltern werden, rücken sie in denselben Rang auf. Das kann sehr fruchtbar sein, weil die jungen ­Eltern auf einmal besser ­verstehen, dass Kinderaufziehen gar nicht so einfach ist. Auf jeden Fall bedeutet es aber einen Lernprozess. Manchen Großeltern fällt er leichter, anderen schwerer.

Was müssen die Großeltern lernen?

Sie müssen lernen, ihre Kinder als Eltern zu respektieren. Gerade für Großeltern, die sich als die Erfahreneren sehen, ist das ein schwieriger Prozess. Aber der Enkel oder die Enkelin ist das Kind ihres Kindes – und nicht ihres. Es ist wichtig, das zu akzeptieren. Die Großeltern müssen lernen, sich zurückzuhalten. Manchmal gibt es Dinge, die einem so nicht gefallen. Dann muss man überlegen, wie man sich einbringt, um nicht in die Rolle der Belehrenden zu fallen. Denn dann wird man bestimmt abgelehnt.



Elisabeth Schlumpf ist Diplom-Psychologin, Psychotherapeutin und Buchautorin aus Zürich

Heißt das, Großeltern sollten besser gar keine Ratschläge geben?

Nein. Aber ich empfehle Großeltern, das Gespräch einzu­leiten. Man könnte sagen: „Mir ist da etwas aufgefallen. Möchtest du es hören?“ Die andere Sache ist, dass man als Großmutter oder Großvater die eigene Einstellung überprüfen sollte. Warum möchte ich etwas sagen? Weil ich das Gefühl habe, das wäre anders besser, oder will ich einfach nur kritisieren? Außerdem macht der Ton viel aus. Und: Bitte nicht in einer Stress­situation Grundsätzliches besprechen.

Wie beeinflusst das ­Elternwerden die ­Beziehung zu den eigenen Eltern?

Wenn die Beziehung schon davor gut war, gibt es durch das ­Enkelkind häufig eine engere Bindung. Man kommt sich ­über das Enkelkind näher. Manchmal ist der Enkel auch der ­Anlass, um wieder ­miteinander Kontakt aufzunehmen.

Welche Erwartungen ­haben ­Eltern an Großeltern?

Manchmal zu hohe. Das Bild von Großeltern, die allzeit verfügbar sind, ist überholt. ­Heute haben Großeltern ihr ­eigenes ­Leben. Sie sind aktiv, reisen oder sind noch berufstätig. Eltern und Großeltern sollten versuchen, ihre Erwartungen in Übereinstimmung zu bringen. Sonst kommt es zu Enttäuschungen.

Streiten sich Großeltern und ­Eltern, weil sie verschiedene ­Ansichten zur Erziehung haben?

Nein, das ist meist nicht der Grund. Meinungsverschiedenheiten an sich gehören ja zum Leben dazu. Problematisch wird es, wenn zwischen den Generationen unausgetragene Konflikte bestehen oder wenn sich die jungen Eltern noch nicht von ihren Eltern gelöst haben. Da kann es vorkommen, dass die Großeltern einen harmlosen Tipp geben, sich die Eltern aber sofort gekränkt fühlen, nach dem Motto: ­„Immer willst du über mein Leben bestimmen.“ Dann werden alte Probleme am Enkelkind aufgeladen.

Konflikte, die immer ­wieder auftauchen, ermüden beide Seiten. Wie löst man sie?

Das geht nur auf einer tieferen Ebene, nämlich wenn beide Seiten ­einander und sich selbst die Verletzungen von früher vergeben können. Vielleicht fängt ­jeder erst einmal bei sich an. In einem Gespräch sollte man das Thema klären und versuchen, sich zu versöhnen. Falls das nicht funktioniert, kann man lernen, Streitthemen zu umgehen oder sie zu dämpfen, indem man Distanz wahrt.

Im schlimmsten Fall kommt es zum Bruch zwischen ­Eltern und Großeltern. Welche ­Folgen hat das für die Enkel?

Ich habe mit einem Großvater gesprochen, dessen Sohn im Zorn den Kontakt abgebrochen hat. Der Sohn wollte damit wohl seine Auto­nomie verteidigen, hat aber ­seinen Kindern sehr geschadet. Denn diese mussten fortan auf ihren Opa verzichten. Großeltern und Enkel werden durch so eine Aktion getroffen. Den Enkeln wird die großelterliche Spielfreude, Kreati­vität und Weltkenntnis vorenthalten.

Kommt es häufiger zu ­Konflikten mit den eigenen Eltern oder mit den Schwiegereltern?

Das lässt sich nicht so allgemein beantworten. Man weiß, dass sich die junge Mutter häufiger an ­ihre eigene Mutter wendet als an die Schwiegermutter. Denn die ist vertrauter und die Beziehung zu ihr inniger. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass ungelöste Konflikte aufflammen, ist bei den eigenen ­Eltern natürlich auch höher als bei den Schwiegereltern. Gerade wenn die Beziehung zur eigenen Mutter vorbelastet ist, kann es sein, dass die junge Mutter zur Schwiegermutter das bessere Verhältnis hat.

In den ersten Wochen mit ­Baby wollen viele Eltern lieber für sich sein, die Großeltern fühlen sich dadurch aber zurückgewiesen. Wie löst man diesen Konflikt?

Es ist normal, dass das junge­ Paar mit dem Baby erst einmal ein Nest­gefühl entwickeln will und sich abgrenzt. Wenn man das den Großeltern taktvoll erklärt, werden sie das verstehen. Ich denke aber, ein erstes Sehen sollte man den Groß­eltern schon ermöglichen. Mit der Zeit wird es sich einpendeln, wie viel Kontakt die Großeltern haben. Häufig sind sie ja auch ­eine große Hilfe. Es ist etwas sehr ­Schönes, wenn Eltern und Großeltern sich verstehen und gemeinsam um die Enkel kümmern.

Manchmal haben Eltern aber nicht das Gefühl, dass sie und die Großeltern am gleichen Strang ziehen, etwa weil die Groß­eltern die Enkel sehr verwöhnen.

Großeltern müssen nicht ­erziehen, deshalb sind sie häufig toleranter in Bezug auf Aufräumen oder ­Süßigkeiten. Bis zu einem ­gewissen Grad ist das auch in Ordnung und sollte von den ­Eltern ­akzeptiert werden. Schwierig wird es, wenn die Großeltern gegen die Eltern erziehen wollen und ­deren Regeln nicht respektieren. Dann schaden sie auch den Enkeln.

Inwieweit müssen sich Großeltern an die Regeln der Eltern halten?

Mit gewissen Unterschieden ­können Eltern und Enkel um­gehen. Am bes­ten bespricht man Ausnahmen miteinander. Ich ­habe mit meiner Tochter zum Beispiel ausgehandelt, dass es bei mir ab und an einen ­Luxus-Tag gibt. Dann bekommt mein Enkel auch zweimal am Tag ein Eis statt einmal. Wenn ich mit ihm zusammen bin, darf ich das ­entscheiden. Grundsätzlich halte ich mich aber an die Regeln meiner Tochter. Da wir sehr ähnliche Auffassungen haben, ergeben sich keine Schwierigkeiten.




Bildnachweis: Fotolia/ Cultura2, W&B/Privat

Peggy Elfmann und Julia Jung / Baby und Familie; aktualisiert am 02.05.2014,
Bildnachweis: Fotolia/ Cultura2, W&B/Privat

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