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Glosse: Pünktlich sein – geht das mit Kind überhaupt?

High-Speed versus Schneckenpost: Eltern und Kinder haben eine völlig unterschiedliche Vorstellung von Zeit. So kommen Sie zurecht, wenn es eilt


Schon wieder den Bus verpasst? Mit Kindern dauert eben vieles länger

Morgens, halb acht in Deutschland: Wir liegen gut in der Zeit. Mein Sohn Leo (2) und ich haben beide ein Marmeladenbrot im Bauch. Jetzt gibt es nur noch eine Sache, die einen pünktlichen Start in Leos Krippen- und meinen Job-Alltag verhindern kann. Betont fröhlich rufe ich: „So, und jetzt zieht die Mama dir gaaanz schnell die Schuhe an!“ Leos Stirn umwölkt sich unheilvoll: „Schuhe kann ich selber!“ Ich sehe bereits in Gedanken erst die Straßenbahn, dann die U-Bahn davonfahren, während Leo zornig versucht, mir die Schuhe aus der Hand zu reißen.

Eine Stunde später sitze ich erschöpft im Büro. Natürlich hat Leos Wutanfall meinen Zeitplan torpediert, natürlich habe ich ihn völlig abgekämpft in die Arme seiner Erzieherin rutschen lassen, natürlich musste ich in der Arbeit betreten etwas von U-Bahn-Störung murmeln. Jetzt frage ich mich: War das nötig? Wäre es nicht besser gewesen, Leo die fünf Minuten zum Anziehen seiner geliebten Schuhe zu lassen – anstatt 15 Minuten mit Beruhigen, Trösten, Aufmuntern zu verbringen? Überhaupt: Ist es fair, einem Zweijährigen den eigenen strikten Zeitplan aufzuzwingen?


Was sind Stunden und Minuten?

In der Tat ist es keine Seltenheit, dass elterliches und kindliches Tempo nicht zusammenpassen – viele Familien kennen das aufreibende Heckmeck aus Drängeln und Zeit lassen, noch mehr Drängeln und noch mehr Zeit lassen. Warum immer wieder dieser scheinbare Automatismus? Michael Schnabel vom Münchner Staatsinstitut für Frühpädagogik rät, einmal das unterschiedliche Zeitverständnis von Groß und Klein zu betrachten. „Erwachsene haben ein metrisches Zeitverständnis“, sagt er. Das heißt: Sie denken in Zeiteinteilungen – in Tagen, Stunden, Minuten. Bei ihnen steht im Vordergrund: Was werde ich als Nächstes tun? Dagegen haben Kleinkinder zyklische oder bildliche Vorstellungen. Zeit dreht sich für sie im Kreis. Tag und Nacht kommen immer wieder. Ebenso Sommer und Winter. Kindergartenkinder wissen sich aber schon zu helfen, um eine grobe Zeitvorstellung zu gewinnen: Noch zweimal schlafen bis Oma und Opa kommen. „Doch selbst Grundschulkinder haben noch Schwierigkeiten, sich vorzustellen, was es heißt, in zehn Minuten mit dem Spielen aufhören zu müssen, damit in 20 Minuten alles aufgeräumt ist“, erklärt Dr. Joachim Bensel von der „Forschungsgruppe Verhaltensbiologie des Menschen“ in Kandern.

Kein Wunder also, dass es Stress bedeutet, wenn Mama oder Papa eine Eile anmahnen, die für das Kind nicht zu durchschauen ist. Insbesondere, wenn es ständig eilt. „Schon Säuglinge haben sen­sible Antennen für Hektik aller Art“, sagt Experte ­Bensel. „Wenn diese Anspannung zum Dauerzustand wird, überträgt sich das auf die Kleinen.“ Dazu kommt: Wer ständig mehr Tempo erreichen will, indem er dem Nachwuchs Aufgaben wie An- und Ausziehen mal schnell aus der Hand nimmt, bremst wichtige Autonomiebestre­bungen. „Kinder, die Selbständigkeit üben, empfinden es als Affront, wenn sie etwas abgenommen bekommen“, erklärt Bensel. Wird dies zur Regel, lernt das Kind zudem: Ich brauche mich nicht zu bemühen, das ist nicht meine Aufgabe. Ähnliches gilt in Spielsituationen, sagt ­Michael Schnabel: „Kinder brauchen Zeit, um Vorgänge und Verhaltensweisen zu verstehen. Sie wollen fünfzigmal den Türschlüssel ins Schloss stecken.“ Warum? Weil sie so begreifen, wie bestimmte Abläufe funktionieren. „Werden Kinder gedrängt, sich anderen Dingen zuzuwenden, sind enorme Lernchancen vertan“, warnt Schnabel.

Immer schön langsam

Ich denke daran, wie oft ich Leo schon zum Weiter-Gehen, Weiter-Essen, Weiter-Zähneputzen genötigt habe. Bleibt beim ewigen Weiter-Weiter das Kind womöglich auf der Strecke? Joachim Ben­sel beruhigt: „Natürlich gibt es im Alltag Situationen, in denen es vorangehen muss.“ Oder in denen es nicht anders geht, als dass die Familie richtig Gas gibt. Allerdings sollte man darauf achten, dass das Tempo nicht grundsätzlich zu hoch ist – zum Beispiel, indem man Zeitpuffer einplant. Michael Schnabel rät Eltern, bei der Erziehung „kreativ zu sein“. Mit Liedern und Sprüchen kann man Kinder spielerisch dazu bringen, dass es mit dem Anziehen oder Essen schneller klappt. Und wenn der Bäcker gleich zumacht, sorgt ein Wettrennen für einen schwungvollen Endspurt.

Außerdem gewinnen Erwachsene, wenn sie sich auf das Tempo ihrer Kinder einlassen, betonen beide Experten. Michael Schnabel: „Wer in aller Ruhe beobachtet, wie Kleinkinder sich Wissen aneignen, kann dabei trainieren, wie es ist, behutsam auf Neues einzugehen, Vorgänge auszukosten, die Welt mit meditativen Augen zu sehen.“ Dann fügt er einen Satz an, den man sich – in aller Ruhe – durch den Kopf gehen lassen sollte, wenn zu Hause High-Speed und Schneckentempo miteinander rangeln: „Um das Leben zu entschleunigen, wird in der Erwachsenenbildung eine Vielfalt von Kursen angeboten – Eltern mit Klein­kindern haben diese Lernchancen kostenlos.“




Bildnachweis: W&B/Anja Niepagen

Anna Koch / Baby und Familie; 12.09.2011, aktualisiert am 02.05.2012
Bildnachweis: W&B/Anja Niepagen

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