Viele Eltern kommen irgendwann an den Punkt, wo sie ihren Kindern am liebsten an den Kragen gehen würden. Doch da sollten sie sich beherrschen
Seit November 2000 ist körperliche und seelische Gewalt in der Erziehung gesetzlich verboten (Paragraf 1631 BGB). Trotzdem ergab kürzlich eine repräsentative Forsa-Umfrage, dass sich viele Eltern nicht daran halten: 40 Prozent gaben ihrem Kind im Laufe eines Jahres mindestens einmal einen Klaps auf den Po, 10 Prozent haben ihr Kind geohrfeigt – und 4 Prozent sogar den Hintern versohlt. Der häufigste Grund: Überforderung. Die meisten schämen sich anschließend für ihre Tat.
Der Druck auf die Eltern ist groß. Im Job, in der Partnerschaft, bei der Erziehung – überall herrschen höchste Ansprüche. Kann es da nicht schon mal passieren, dass einem die Hand ausrutscht? Oder ist das unentschuldbar? Wir haben Sabine Pankofer, Professorin für Psychologie in der Sozialen Arbeit an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München gefragt. Sie beschäftigte sich intensiv mit dem Thema körperliche Gewalt in Familien.
Sabine Pankofer ist Professorin für Psychologie in der Sozialen Arbeit an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München
Jede Ohrfeige ist Gewalt und hat Auswirkungen auf die Psyche. Ob im Einzelfall ein dauerhafter psychischer Schaden zurückbleibt, lässt sich nicht sagen. Fakt ist aber: Gewalt ist schädlich. Und eine Ohrfeige ist Gewalt.
Das hängt vom Alter ab. Bei Babys kann schon leichtes Schütteln zu tödlichen Verletzungen an der Wirbelsäule führen. Bei einer Ohrfeige kommt es darauf an, wie stark sie ist und wie sie auftrifft. Sie kann das Ohr schädigen, die Drehbewegung könnte die Halswirbelsäule verletzen. Bei kleinen Kindern kann das lebensgefährlich sein.
Eine Ohrfeige ist strafbar. Bei vielen Menschen ist die Toleranzgrenze leider hoch. Ich höre oft: „Ich hab's auch erlebt, und mir hat's nicht geschadet.“ Deshalb werden Ohrfeigen selten angezeigt – was aber vollkommen gerechtfertigt wäre.
Auch hier ist das Ziel klar: das Kind soll etwas spüren. Das ist keine erzieherisch hilfreiche Maßnahme, sondern ein Impuls, der eigentlich unterdrückt beziehungsweise bewältigt werden müsste. Auch beim Klaps sollte es keine Diskussion geben.
Beim Festhalten ist die Grenze zur Gewalt sehr viel schwerer zu ziehen. Festhalten kann einen pädagogischen Zweck haben, wenn die Eltern dem Kind deutlich machen: Ich bestimme, was zu tun ist. Oder: Was du nicht tun sollst. Deshalb muss man fragen: Was ist die Intention? Festhalten kann Gewalt sein, wenn es unnötig oder nicht zielführend ist, zum Beispiel bei einem Schreibaby.
Natürlich kann ein Fehler passieren und ist verzeihlich. Besonders Kinder verzeihen viel. Je kleiner das Kind ist, desto eher bezieht es alles, was passiert, auf sich und denkt: Ich bin schuld. Auch ich als Fachfrau kann verzeihen – man muss mit den Eltern freundlich sein, sie stehen unter großem Druck. Trotzdem ist es niemals in Ordnung, zu schlagen. Und: Man kann sein Verhalten zu jedem Zeitpunkt ändern.
Sie sollten auf das Kind zugehen und – auch kleinen Kindern – sagen, dass es ihnen leid tut. Sobald etwas angesprochen wird, ist es für das Kind leichter zu bewältigen. Aber Entschuldigungen sind kein Freibrief für Gewalt. Wichtig ist auch: Weitere Selbstoffenbarungen sind nicht angebracht. Manche Eltern verfallen in Erklärungen, weil sie vom Kind eine Absolution wollen. Sie schämen sich und relativieren ihre Tat. Auch wenn das Kind anstrengend ist, die Verantwortung trägt immer der Erwachsene.
Es gibt auch nicht-körperliche Formen der Gewalt, zum Beispiel Ignorieren, Anschreien oder Beschimpfen. Natürlich, manchmal müssen Eltern Dinge ignorieren, die das Kind tut – das ist im Alltag unvermeidbar. Aber wenn Ignorieren als Machtmittel benutzt wird, ist es Gewalt. Außerdem kommt es auf die Intensität, Dauer und Häufigkeit an. Speziell Ignorieren ist schwer zu entschuldigen, weil es für das Kind nicht nachvollziehbar ist.
Früher war Schlagen der Normalzustand. In den 50ern und Anfang der 60er Jahre galt es noch als unangemessen, sich in ein Kind einzufühlen und auf seine Bedürfnisse besondere Rücksicht zu nehmen. Diese Sicht hat sich verändert, das Schlagen ging dadurch zurück.
Es gibt flächendeckend, meist kostenlose Erziehungsberatungsstellen, bei denen Eltern sich Hilfe holen können, ohne dass sie sich schämen müssten. Außerdem gibt es Elternkurse, Familienbildungsstätten oder Hotlines mit ausgezeichneten, auch präventiven Angeboten.
Wenn Eltern von sich aus Hilfe suchen, werden sie nicht angezeigt, das wäre ja kontraproduktiv. Eine Anzeige geschieht meist aus der Situation heraus durch Zeugen, oder wenn schwere Schäden beim Kind erkennbar sind. Das Gesetz sieht außerdem die Begleitung und Unterstützung der Eltern vor. Fachkräfte entscheiden, was im Einzelfall angemessen ist.
Eltern müssen Grenzen aufzeigen und signalisieren: Das, was du getan hast, hat Konsequenzen. Psychologisch gesehen ist es wichtig, dass das Kind auch Frustration erfährt. Nur so kann es Moral entwickeln und lernen, was gut und was falsch ist. Ich habe aber festgestellt, dass vor allem sehr engagierte Eltern Frustrationen vermeiden wollen. Die Kinder werden lange übermäßig beschützt. Später erwartet man von ihnen aber eine hohe Frustrationstoleranz und große Leistungen. Das passt nicht zusammen.
Wichtig ist, dass Tat und Konsequenz zusammenhängen. Der Klassiker ist leider immer noch der Entzug von Fernsehen, Computer, Süßigkeiten... Dabei wirken Pauschalstrafen meist wenig. Besser ist: Wenn ein Kind alles herumwirft, muss es aufräumen, sonst darf es beispielsweise nicht nach draußen. Eltern sollten das Verhalten ihres Kindes kritisieren, aber das Kind trotzdem annehmen.
Daniela Frank / www.baby-und-familie.de;
26.04.2012
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