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Geschwister: Eine ganz besondere Beziehung

Brüder und Schwestern lieben und zoffen sich ein Leben lang. Wie die Beziehung zu unseren Geschwistern uns prägt


Ein Bund fürs Leben: Geschwister

Die einen verstehen sich ­ohne Worte, andere streiten sich wegen jeder Kleinigkeit. Manche trennen mehrere Jahre, andere nur ein Jahr. Die einen wachsen nur mit Brüdern oder Schwes­tern auf, an­dere mit einem Zwilling an der ­Seite. Die Konstellationen, in denen Kinder groß werden, sind vielfältig.

Geschwister: Zwischen Liebe und Hass

Dennoch gibt es etwas, das ­alle Geschwister eint: Die Beziehung zum Bruder oder zur Schwester ist meist die längste im Leben. „­Eine Partnerschaft oder Freundschaft kann man beenden. Geschwister aber verbindet ein unauflösbares Band“, sagt Professor Jürg Frick von der Pädagogischen Hoch­­schule Zürich. Der Psychologe beschäftigt sich seit mehr als 15 Jahren mit dem Thema.


Starke Gefühle – oft zwiespältige – prägen Geschwis­terbezieh­ungen und machen sie so faszinierend. Die Skala der Emotionen, die ein Kind seinem Geschwister gegen­über empfindet, kann von Liebe bis Hass reichen – mit allen Abstufungen dazwischen. Mal ist das eine stärker ausgeprägt, mal das andere, je nach Alter und Lebenssituation, so der Experte. „Geschwis­ter leben für ­einen recht langen Zeitraum sehr eng beieinander. Da ergibt sich das automatisch“, sagt Frick.

Geschwister helfen, Empathie zu erlernen

Mit Bruder oder Schwester verbindet einen eine Schicksalsgemeinschaft. Man sucht sich den anderen nicht aus, wie man das mit Freunden und später dem Partner tut, sondern wird in ­eine Familie hineingeboren. Man wird zur großen Schwester, zum Sandwichkind oder Nesthäkchen, ­ohne daran etwas ändern zu können.

Du und ich – das bedeutet, sich zu arrangieren, jeden Tag aufs Neue. Sich in den anderen hineinzufühlen, Dinge mit ihm zu teilen, sich ihm gegenüber loyal und solidarisch zu verhalten. „Geschwis­ter spielen daher eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von Empathie. Die Fähigkeit hilft einem Kind, mit Menschen zurechtzukommen“, sagt Frick.

Man kann sich an Brüdern und Schwes­tern reiben, miteinander streiten lernen, sich Verhaltensweisen abschauen. All das macht es Kindern auch leichter, sich außer­halb der Familie zu behaupten. Geschwister werden zum Trainingspartner, um Beziehungsmuster einzuüben, wie Jürg Frick das bezeichnet. „Und zwar so sehr, dass sich die Geschwisterbeziehung sogar auf die Partnerwahl auswirkt, wie Studien zeigen“, betont der Psychologe.

Bruder und Schwester: Verbündete und Rivalen

Doch warum prägt das Großwerden mit Geschwistern einen so stark? „Geschwis­ter stehen im hierarchischen Gefüge der Familie auf einer Ebene. Sie haben den Eltern gegenüber die gleiche Posi­tion“, erklärt Corinna Onnen, Direktorin des Instituts für Soziologie und Philosophie an der Universität Vechta. Selbst wenn sich die Kinder unter­einander vielleicht nicht so gut verstehen: Geht es darum, sich gegen Mama und Papa zu behaupten, halten sie zusammen und bilden eine geschlossene Einheit. Einzelkinder brauchen deshalb viel Kontakt zu Gleichaltrigen. „Sie müssen sich auf Augen­höhe ausprobieren können, damit sie sich gut entwickeln“, sagt die Soziologin.

Geschwister sind aber auch Rivalen. Das liegt in der Natur der Sache. Denn wird aus einer drei- eine vierköpfige Familie, beginnt ein Wettstreit der Kleinen um die Liebe der Eltern. Das Erstgeborene muss erleben, dass Mama und ­Papa ihre Aufmerksamkeit nun verstärkt dem schreienden Baby widmen und dass es sie mit dem Eindringling teilen muss.

Geschwister: Gleichbehandlung nicht immer gerecht

Entthronisierung nennen Psycho­logen das, was das ältere Kind jetzt erlebt. Dass es das nicht spaßig findet, ist klar. „Je besser es Eltern gelingt, dem großen Kind zu zeigen, dass es nicht zur Nummer zwei abgerutscht ist, und es in die Versorgung des neuen Babys einzubinden, umso reibungsloser verläuft diese Zeit“, sagt Jürg Frick. Trotzdem bleibt es ein Balanceakt. Denn Geschwister werden sich immer vergleichen: Wer darf als Erster zur Mama auf den Schoß? Wer kriegt die längere Geschichte vorgelesen? Sind die Kuchenstücke wirklich gerecht verteilt? Die Geschenke gleichwertig?

Wer meint, diesen Rivalitäten der Kinder vorbeugen zu können, indem er sie gleich behandelt, irrt. Sicherlich: Fair und gerecht sollten Eltern sein und nicht das eine bevorzugen oder das andere benachteiligen. „Völlig gleich behandeln funktioniert aber nicht, denn jedes Kind hat andere Bedürfnisse entsprechend seines Entwicklungsstands. Danach müssen Eltern handeln“, erklärt Frick. Das heißt zum Beispiel: den Vierjährigen abends trotz Protests ins Bett bringen, während die Achtjährige noch Kindernachrichten im Fernsehen angucken darf.

Vermeiden sollten sie aber, ein Kind immer als Vorbild hinzustellen oder es in eine Rolle zu drängen wie etwa „der Vernünftige“ oder „die Sensible“. Das wird keinem Kind gerecht. Auch Vergleiche, die immer wieder auf den Tisch kommen, weil eines zum Beispiel mutiger ist, fachen Eifersucht und Neid an. Jedes Kind hat eigene Bedürfnisse. Eltern sollten ­diese erkennen und erfüllen. Dann können Geschwister auch mit Unterschieden umgehen, etwa dass die Größere länger aufbleiben darf und der Kleine noch nicht den Tisch abräumen muss.

Eltern beeinflussen das Verhältnis der Geschwister untereinander

Was Eltern häufig nicht bewusst ist: ­Ihre eigenen Geschwistererfahrungen wirken sich wesentlich auf den Umgang mit ­ihren Kindern aus. Ein Beispiel: Wer einen Bruder hatte, der einen selbst immer runtergeputzt hat, weist den eigenen Sohn schneller in seine Schranken, wenn er sich ähnlich verhält. „Mitunter ­rea­giert man dabei heftiger, als es der Situa­tion angemessen ist – einfach, weil man keinen unvorein­genommenen Blick für die Situation hat“, erklärt Jürg Frick. Man sieht dann nicht mehr, dass der Sohn sich vielleicht nur wehrt, weil ihm sein Bruder die Zunge herausgestreckt hat.

Oder: Hatte eine Mutter ein sehr inniges Verhältnis zu ihrer Schwes­ter, wünscht sie sich das vielleicht insgeheim auch für ihre Töchter und versucht, diese dahin zu bringen. „Kinder kann so etwas einengen und zugleich belasten, wenn sie dem Ideal nicht entsprechen“, sagt Corinna Onnen. Sich seine ­eigenen Muster bewusst machen ist daher die beste Voraussetzung für faires Erziehen, betonen beide Experten.

Sehr entlastend: Zwar haben Eltern viel Einfluss darauf, wie sich die Beziehung ihrer Kinder zueinander entwickelt, aber es liegt nicht alleine in ihrer Macht. Kinder machen auch außerhalb der Familie Erfahrungen, die sie beeinflussen. Zudem spielt der Altersabstand ­eine Rolle: Je geringer er ist, umso mehr Gemeinsamkeiten verbindet die Geschwister. Allerdings kommt es auch zu mehr Rivalität. Trennen Geschwister viele ­Jahre, haben sie meist ein distanzierteres Verhältnis zueinander. Rivalität kommt dann kaum vor. Eine Garantie für eine innige Beziehung hat man nie. „Es gibt Geschwister, die mögen sich einfach nicht. Jeder kennt das von sich: Zu manchen Menschen hat man sofort einen guten Draht, zu anderen überhaupt nicht“, erklärt die Soziologin. Damit müssen sich Eltern abfinden, was nicht immer leicht ist. Eine faire Erziehung ist die Grundlage für ein gutes Geschwisterverhältnis. Den Rest aber muss der Nachwuchs selbst schaffen.

Wenn Kinder das Elternhaus verlassen und getrennte Wege gehen, verändert das oft die Beziehung der Geschwister zueinander. In welche Richtung, das zeigt sich erst mit den Jahren. Allerdings, so belegen Studien, zieht sich bei Geschwistern das so charakteristische Pendeln zwischen den Gefühls­polen meist durch das gesamte Leben. „Die Beziehung zu Bruder oder Schwester kann beides sein: lebenslange Ressource oder Plage“, sagt Jürg Frick.




Bildnachweis: Strandperle/Fancy

Peggy Elfmann, Barbara Weichs / Baby und Familie; aktualisiert am 19.08.2014, erstellt am 08.10.2010
Bildnachweis: Strandperle/Fancy

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