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Geschwister – eine ganz besondere Beziehung

Meist sind sie unerschütterlich: die Beziehungen zwischen Geschwistern. Warum sich Brüder und Schwestern ein Leben lang lieben, aber auch zoffen


Ein Bund fürs Leben: Geschwister

Zwischen Stofftieren und Legosteinen lernten sie ihren neugeborenen Bruder vor zwei Jahren kennen. Julia (damals vier Jahre alt) begrüßte Jonathan mit einem Küsschen auf die Stirn. Jakob (damals 3) streichelte ihn vorsichtig an der Wange. Hier, im Kinderzimmer, begann ein ganz besonderer Bund zwischen den drei Kindern. Die Geschwisterbeziehung ist in der Regel die dauerhafteste Bindung im Leben. Freundschaften gehen auseinander, Partnerschaften scheitern, Eltern sterben, aber Geschwister bleiben einem meist ein Lebenlang verbunden.

Brüder und Schwestern verbringen ab dem zweiten Lebensjahr doppelt so viel Zeit miteinander wie mit ihren Eltern. Sie wachsen im selben Haus auf, gehen in denselben Kindergarten. Sie spielen, lachen und streiten miteinander. „Und ob sie sich gerade verstehen oder nicht, sie müssen es miteinander aushalten“, sagt der Züricher Psychologe Professor Jürg Frick. Jakob kann einen Spielplatzfreund verlieren, weil er ihn ständig kneift. Doch Schwester Julia muss sich mit dem kleinen Raufbold auseinandersetzen.


Geschwister trainieren Sozialverhalten

Auch wenn die Zwickerei wehtut: Schaut man genauer hin, kann Julia aus den Streitereien wie aus den schönen Momenten mit ihrem Bruder eine Menge fürs Leben lernen. „Geschwisterbeziehungen sind eine Spielwiese für soziales Verhalten jeder Art“, sagt der Münchner Psychologe Professor Hartmut Kasten, der schon einige Bücher zu diesem Thema geschrieben hat. „Zurückstecken, Kompromisse finden, eine Streitkultur entwickeln, all das erproben Brüder und Schwestern zusammen.“

Im Umgang miteinander lernen sie das ganze Spektrum menschlicher Gefühle wie Liebe, Freude, Hass und Enttäuschung kennen. Auch Rivalität gehört dazu und ist sogar förderlich: „Motor für die körperliche und seelisch-geistige Entwicklung“ nennt sie Kasten. Bewundert Jakob etwa, dass die große Schwester so gut malt, setzt er Kräfte frei, um zu erreichen, was sie schon kann. „Problematisch werden Rivalitäten, wenn ein Kind nicht mithält und sehr darunter leidet“, so Experte Frick. Dann sollten die Eltern dem jüngeren Kind erklären, dass es in ein, zwei Jahren bestimmt gut malen kann.

Vielleicht prägender als die Eltern

Geschwister prägen einander ebenso stark, wie Eltern Kinder prägen, vielleicht sogar noch mehr, fanden Wissenschaftler heraus. „Brüder und Schwestern sind die ersten Kontaktpersonen auf Augenhöhe“, erklärt Professorin Corinna Onnen-Isemann von der Hochschule Vechta. Von Geschwistern kann man sich viel abschauen, schließlich sind sie in der gleichen Lebenssituation. „Diese enge Beziehung in dieser wichtigen Zeit – in der sich Neigungen verfestigen – hat enormen Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung“, ergänzt Frick. Aber obwohl sie im Schnitt zu 50 Prozent das gleiche Erbgut haben und im selben Elternhaus aufwachsen, sind Geschwister meist sehr verschieden. „Aus der Genforschung wissen wir, dass die Gene sich nicht sofort manifestieren, sondern erst mit bestimmten Erfahrungen aktiviert werden“, erklärt der Psychologe. „Geschwister erleben nie das Gleiche.“ Gemeinsame Erlebnisse nehmen sie zum Beispiel unterschiedlich wahr. Der eine legt keinen Wert darauf, dass die Mutter am Abend eine Geschichte vorliest, für den anderen ist das ein unverzichtbares Zubettgeh-Ritual.

Konsequente Rollenverteilung

Forscher haben beobachtet, dass Kinder in einer Familie bemüht sind, sich voneinander abzugrenzen. De-Identifikation nennen das die Wissenschaftler. „Jedes Kind sucht sich unbewusst eine Nische, um eine einmalige Rolle zu bekommen, mit der es so viel Aufmerksamkeit wie möglich ergattern kann“, sagt Kasten. Darum gibt es neben dem stillen Musterschüler oft den lebhaften Draufgänger. Ganz besonders deutlich wird die De-Identifikation am Beispiel eineiiger Zwillinge mit identischen Genen: Werden sie zusammen groß, grenzen sie sich meist stärker voneinander ab, als wenn sie in verschiedenen Familien aufwachsen. „Aber bei allen Zwillingen ist das natürlich auch nicht so“, relativiert Frick. Es gibt Zwillinge, die eine gemeinsame Identität haben, sich ähnlich kleiden, die gleiche Musik hören, alles zusammen machen, und es gibt Zwischenvarianten der Beziehungen.


Die große Schwester – die Mächtige; das Sandwichkind – ein Mitläufer; der kleine Bruder – ein Rebell: Auch die Position in der Geschwisterfolge trägt dazu bei, wie sich Kinder entwickeln. Allerdings spielt sie längst nicht so eine große Rolle wie bislang angenommen. Geschwisterforscher wiesen nach, dass die Persönlichkeitsmerkmale, die ursächlich auf den Geburtsrangplatz zurückzuführen sind, nur fünf Prozent ausmachen. Einfluss haben auch viele andere Variablen wie Altersunterschied, Geschwisterzahl, Geschlechter, Bezugspersonen und besondere Ereignisse, etwa eine Trennung der Eltern.

Eltern können Beziehung fördern

Den Grundstein dafür, dass sich Geschwister auch im Erwachsenenalter gut verstehen, können Eltern schon in der Kindheit legen. Bevor ein Geschwisterchen auf die Welt kommt, sollten sie das ältere Kind behutsam vorbereiten. „Ab dem fünften oder sechsten Monat kann man es an der Schwangerschaft teilhaben lassen, Bewegungen des Ungeborenen mit ihm nachspüren und von der ersten Zeit mit Baby erzählen“, erläutert die vierfache Mutter und Familientherapeutin Ines Brock aus Halle. „Das finden die Geschwister meist hochinteressant.“ Ist das Baby dann da, sollte sich der Vater in der ersten Zeit verstärkt um das ältere Geschwisterkind kümmern, während die Mutter eine Bindung zum Neugeborenen aufbaut.

Erstaunlich, aber klar belegt ist in der Geschwisterforschung, dass viele Eltern zumindest phasenweise das eine oder andere Kind bevorzugen. „Spüren das die Kinder, hinterlässt das Spuren“, sagt Onnen-Isemann. Deswegen müssen Mutter oder Vater gegensteuern. „Ganz wichtig ist, jedes Kind in seinen individuellen Fähigkeiten zu bestärken“, so die Expertin. Vergleichen Eltern ihre Kinder ständig, entwickelt sich vermehrt Eifersucht beim Nachwuchs.

Nähe und Distanz wechseln sich ab

Aber wie geht es weiter mit den Geschwistern nach der Kindheit, in der sie so eng verbunden waren? Meist werden die Beziehungen lockerer, wenn die Kinder ausziehen. Jeder ist erst mal mit sich beschäftigt, lernt einen Beruf, findet neue Freunde, gründet eine Familie. „Viele Geschwister bleiben sich aber auch in dieser Zeit nah“, sagt Frick.

Enger zusammen rücken sie meist wieder, wenn ihre eigenen Kinder ausziehen oder die Eltern sterben. Das ist manchmal auch eine erzwungene Annäherung. Die neue Lebenssituation birgt die Chance für zerstrittene Geschwister, sich zu versöhnen. Bei manchen brechen alte Wunden wieder auf. „Aber keine Beziehung zueinander zu haben ist fast unmöglich“, so Frick. „Geschwister haben Macht.“ Sie bleiben immer beieinander, zumindest in Gedanken.




Bildnachweis: Strandperle/Fancy

Tina Haase, Anne-Bärbel Köhle / Baby und Familie; 08.10.2010, aktualisiert am 25.10.2012
Bildnachweis: Strandperle/Fancy

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