Flüchtlingskinder: Herausforderung für Kitas

Zunehmend mehr geflüchtete Kinder besuchen eine Kita. Eine Expertin erläutert im Interview die spezielle Herausforderung – und ihre Chancen für die Integration

von Marian Schäfer, aktualisiert am 12.02.2016

"In der Kita fängt Integration an", sagt Pia Theresia ­Franke über Flüchtlingskinder

Getty Images/Christopher Futcher

Flüchtlingskinder haben denselben Rechtsanspruch auf einen Kita­-Platz wie einheimische Kinder. Das Bundesfamilienministerium rechnet damit, dass in diesem Jahr 68 000 von ihnen eine ­Krippe oder einen Kindergarten besuchen werden. "Die Zahlen sind immens und meiner Meinung nach noch nicht so stark in der Diskussion, wie es eigentlich notwenig wäre­", kritisiert Pia Theresia ­Franke. Sie ist Geschäftsführerin des Verbands katholischer Kindertageseinrichtungen in ­Bayern und führt damit ­­eine der größten Interessenvertretungen für Kita-­Träger.

Die Krippen und Kindergärten kämpfen nicht nur mit Sprachbarrieren, Personal- und Platzproblemen. Die Einrichtungen müssen etwa auch damit umgehen, dass Kinder plötzlich vor der Tür stehen und von heute auf morgen wieder verschwinden. Zudem leiden viele an psychischen Problemen. Im Interview spricht Pia Theresia Franke über die Herausforderungen, vor die die Flüchtlingskrise die Einrichtungen stellt.


Pia Theresia ­Franke ist Geschäftsführerin des Verbands katholischer Kindertageseinrichtungen in ­Bayern

W&B/Privat

Frau Franke, wie ist die Situation in den rund 2000 Einrichtungen, die Sie vertreten?

Sehr unterschiedlich. In manchen Einrichtungen sind wenige Kinder mit Fluchterfahrung, in manchen viele, es gibt Kitas mit vielen und wenigen Wechseln. In jedem Fall erfordert die Situation eine ganz andere­ pädagogische Begleitung – sowohl für die geflüchteten Kinder, die oft hochtraumatische Erfahrungen gemacht haben und nun in einem fremden Land mit fremder Sprache leben, als auch für die einheimischen Kinder. Es braucht etwa eine Willkommens-, aber auch eine Abschiedskultur: Warum muss der Junge oder das Mädchen nun auf einmal wieder gehen?

Wie unterscheidet sich die Situation zwischen Kitas auf dem Land und in der Stadt?

In den Städten und Ballungszentren gibt es oft kurze Wege und breite Netzwerke aus Helferkreisen, Initiativen und Beratungsstellen. Auf dem Land oft nicht. Auch Kulturdolmetscher wie in München, die helfen, den Eltern zu erklären, was ­eine Kita überhaupt ist, was Eingewöhnung heißt und wie der Alltag aussieht, sind auf dem Land eher selten.

Wie helfen Sie den Kitas?

Zurzeit arbeiten wir etwa daran, ­aktuelle Informationen und Hilfs­mittel an einer zentralen Stelle zu sammeln, wo alle Kitas sie einfach ab­rufen können. Da geht es zum Beispiel um Übersetzungen von Verträgen oder Impfvorschriften in verschiedenen Sprachen. Wir sammeln gerade auch in Flüchtlingsfamilien häufige Fragen, die wir beantworten und übersetzen. ­­Unser Ziel ist, sie aktiv zu beteiligen.

Sie sprachen die Kinder mit psychischen Problemen bereits an. Wie reagieren Sie darauf?

Vor allem mit Fort- und Weiterbildungen, die für das Problem der Traumatisierung sensibilisieren. Aber letztlich braucht es mehr Personal, um das aufzufangen, und auch die ­Erzieher brauchen Begleitung. Sie sind ­keine Sozialarbeiter und keine Therapeuten. Wir müssen aufpassen, dass wir sie nicht überfordern, ­ansonsten werden wir weder den deutschen noch den Kindern mit Fluchterfahrung gerecht.

Welche Rolle spielt die Kita Ihrer Meinung nach bei der Integration der Kinder?

Ein Kind mit Fluchthintergrund, das viel Unsicherheit und oft auch Gewalt erlebt hat, braucht Sicherheit, Geborgenheit und Verlässlichkeit. Dafür kann die Kita mit ihrer besonderen Rhythmisierung und Beziehungsgestaltung ein wichtiger Ort sein. Hier fängt Integration an.



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