Fingernägelkauen bei Kindern: Was tun?

Bereits im Kindergartenalter kaut etwa jedes ­dritte Kind an den Fingernägeln. Eltern schämen sich dann oft oder machen sich Sorgen, ob mehr dahintersteckt. Zwei Expertinnen klären auf
von Sabine Hoffmann, aktualisiert am 16.05.2017

Meist ist Fingernägelkauen bei Kindern nur eine Phase

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Fingernägel sind wie eine Art Visitenkarte: Sie verraten jede Menge über den Menschen, zu dem sie gehören. Schöne Nägel sind für uns Erwachsene Teil eines gepflegten Erscheinungsbildes. Dennoch kaut schätzungsweise jeder zehnte Deutsche an den Finger­nägeln – und etwa jedes dritte Kind im Alter zwischen vier und sechs Jahren.

Nägelkauen bei Kindern oft nur Phase

Unbewusst wandert die Kinderhand zum Mund, malmen die Zähne so lange an den Nägeln, bis diese raspelkurz sind und das Nagelbett zum Vorschein kommt. ­Eltern bereitet das dann oft Sorgen – auch, weil Experten früher psychische Störungen als Auslöser für das Nägelkauen vermuteten. Inzwischen weiß man, dass das nur selten der Fall ist. In der Regel handelt es sich um eine vorübergehende Episode. Es kann aber manchmal durchaus auch ein Hinweis darauf sein, dass das Kind ­unter großer Belastung steht.


Maria Große Perdekamp ist Kinder- und Jugendpsychotherapeutin und leitet die Online-Beratung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung

W&B/Privat

Manchmal Hinweis auf Belastung

Deshalb lohnt es sich, aufmerksam zu sein. ­Maria Große Perdekamp, Kinder- und Jugendpsycho­therapeutin sowie Leiterin der Online-Beratung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (BKE) in Fürth, rät: "Fragen Sie sich zunächst, ob es innere Anspannungen gibt, die das Kind vielleicht durch das Nägelkauen loswerden will."

Hat es zum Beispiel Angst machende Probleme, Schuldgefühle, innere Zweifel oder Unsicherheiten? Nach einer Trennung der Eltern kann Nägelkauen auch ein Signal sein, dass die Situ­ation nicht gut gelöst ist. "Viele Kinder wollen ihre Eltern nicht mit den eigenen Problemen belasten und fressen ­alles in sich hinein", erklärt die Expertin.


Dr. Doris Unterreitmeier ist Apothekerin in Gräfelfing

W&B/Simon Katzer

Schimpfen bringt nichts

Genauso kann es sein, dass das Kind etwa in der Schule ­unter hohem Leistungsdruck leidet. Nicht immer sind die Probleme für Eltern auf den ersten Blick sichtbar. Kaut der Nachwuchs ständig an den Nägeln, ist auf jeden Fall Geduld gefragt: "Schimpfen bringt hier nichts", sagt die Expertin und rät auch ab von Kommentaren à la "Lass das sein!". Die Kleinen ­können das Nägel­kauen nämlich gar nicht willentlich kontrollieren.

Erfolgversprechender ist, sich Zeit zu nehmen, um die Ursachen zu entlarven und sie mit dem Kind gemeinsam aus der Welt zu schaffen. Fragen Sie sich: Wie geht es meinem Kind? Wie geht es mit bestimmten Situationen um? "Suchen Sie nach den Stressauslösern, und versuchen Sie, diese zu reduzieren", empfiehlt Große Perdekamp.

Was hilft gegen das Nägelkauen?

Sprechen Sie viel mit Ihrem Kind. Auf Knopfdruck wird es natürlich nicht beantworten können, weshalb es eigentlich immerzu auf seinen Nägeln herumkaut. Am bes­ten ist es deshalb, das Thema in einem ruhigen Moment anzusprechen, zum Beispiel wenn Sie am Wochenende auf dem Sofa kuscheln oder während einer gemeinsamen Autofahrt. Situationen also, in denen man sprechen kann, aber nicht muss. Oft fällt es den Kleinen ge­rade dann leichter zu reden – auch, weil sie dabei nicht angeschaut werden und nicht unter Druck stehen, etwas sagen zu müssen.

Die Expertin rät folgende Gesprächseinleitung: "Sag mal, geht es dir gut? Mir ist aufgefallen, dass du Nägel kaust, das hast du ja vorher nicht gemacht. Ist wirklich alles in Ordnung bei dir? Oder macht dir etwas Sorgen? Du weißt, dass ich jederzeit ein offenes Ohr für dich habe." Sicherlich kann es sein, dass das Kind mehrere Anläufe benötigt, bevor es über seine Probleme spricht oder diese überhaupt in Worte fassen kann. Hier hilft vor allem viel Verständnis!

Hände gemeinsam pflegen und Erfolge loben

Gleichzeitig kann es helfen, sich gemeinsam die Hände anzu­schauen und zu überlegen, was das Kind machen kann, damit ­diese wieder schön aussehen. Angenehm ist etwa ­eine Handmas­sage abends vor dem Schlafengehen von Mama; oder eine ­eigene Tube Handcreme, mit der das Kind seine Hände selbst eincremen kann. "Loben Sie Ihr Kind, selbst wenn die Nägel nur ein winziges Stückchen gewachsen sind", sagt die Kinder- und
Jugendpsychotherapeutin. "Das tut ihm gut und bestärkt es."

Bitterer Nagellack nicht immer sinnvoll

Begleitend dazu sind in der Apotheke Bittertinkturen erhältlich. "Hierbei handelt es sich um ­einen Lack, der scheußlich ­schmeckt und auf die Fingernägel gestrichen wird", sagt die Apothekerin Dr. Doris Unterreitmeier aus Gräfelfing. "Abhängig davon, wie häufig das Kind an den Nägeln knabbert, wird der Lack alle paar Tage neu aufgetragen."

Eltern sollte jedoch klar sein: "Damit werden nur die Symp­tome behandelt, aber nicht die Ursachen bekämpft", so die Expertin Maria Große Perdekamp. Das Problem erhalte eher noch mehr Aufmerksamkeit, was das Nägelkauen verstärken könne. Schafft es das Kind trotzdem nicht, die unschöne Angewohnheit abzulegen, macht sich außerdem ein Gefühl von Misserfolg in ihm breit. Beides ist kontraproduktiv.

Bei Wunden oder starker Belastung zum Arzt

Die bessere Lösung: gelassen bleiben. Wenn das Nägelkauen mit der Zeit jedoch weiter zunimmt, zu Wunden und Entzündungen führt oder das Kind unter der Situ­ation leidet, rät die Kinderpsychotherapeutin, einen Kinderarzt aufzusuchen oder eine Erziehungsberatungsstelle um Hilfe zu bitten. Alternativ gibt es bei der BKE ­eine kostenfreie Online-Beratung. Zum Glück verschwindet das Nägelkauen aber meist wieder von allein, weil hintergründige Ursachen gut aufgelöst wurden.



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