Und was bedeutet das große Wort in der Erziehung überhaupt? Wie man das Mittel richtig einsetzt und warum dabei weniger oft mehr ist, erklären Experten
Wie weit darf die freche Patschhand gehen?
Der kleine Junge saß nur noch mit einer Pobacke auf dem Stuhl. Mehr als eine Stunde hatte er es jetzt schon ausgehalten, während die Erwachsenen zu Abend aßen. Sterbenslangweilig! Schließlich kletterte er aus seinem Sitz. "Wenn du nicht am Tisch bleibst, gibt’s keinen Nachtisch", warnte ihn sein Vater. Der Dreijährige hockte sich also noch mal brav hin, um weitere fünf Minuten später dann doch davonzuspringen. Und dann kam das Dessert.
Heißt Konsequenz jetzt, dem kleinen Kerl den Schokoladenpudding zu verweigern, damit er lernt, das nächste Mal brav sitzen zu bleiben? "Viele Eltern verwechseln Konsequenz mit Strafe", warnt der dänische Familientherapeut Autor Jesper Juul, aus dessen Beratungspraxis das oben genannte Beispiel stammt. Tatsächlich hatte der Vater seinem Sohn den Nachtisch vorenthalten.
Für Juul in diesem Fall jedoch ein gänzlich falsches Verhalten. Denn: "Das Kind war noch viel zu klein, um so lange still zu sitzen. So etwas kann man frühestens von einem Siebenjährigen erwarten – und der tut’s nicht gern." Juul empfindet dieses Beispiel denn auch nicht als eins für geglückte Erziehung, sondern "als Dressur".
Eine Gratwanderung: Wenn Eltern über Probleme mit ihren Kindern berichten, dann raten ihnen wohlmeinende Zeitgenossen meist: "Da müsst ihr halt konsequent sein." Aber was genau bedeutet das? "Der Begriff wird häufig mit Strenge in Verbindung gebracht", erklärt Erziehungswissenschaftlerin und Psychologin Christine Falk-Frühbrodt aus Kleinmachnow bei Berlin. Und dann hagelt es Verbote, die Kinder werden auf die stille Treppe verbannt, der Fernseher ausgeknipst und der Nachtisch zurückgenommen.
Leider verhält es sich aber so, "dass Regeln, deren Sinn uns nicht einleuchtet, geradezu danach rufen, gebrochen zu werden", so Expertin Falk-Frühbrodt. Und da begeben sich manche Eltern in gefährliches Fahrwasser. Sie lassen sich auf Machtkämpfe und Schreiereien ein, siegen gelegentlich über ihre Knirpse – und unterliegen mindestens genauso oft. Häufig schaukeln sich Situationen dann so hoch, dass sie total eskalieren. Außerdem sind nicht alle Eltern an allen Tagen gleich stark. Gute Laune macht sie großzügiger, schlechte ein wenig engherziger. Wo bleibt da die Konsequenz?
Expertin Falk-Frühbrodt plädiert deshalb für "situative Konsequenz". Das bedeutet: sich in ähnlichen Situationen ähnlich zu verhalten. "Ein Kind muss wissen, was erlaubt ist und was nicht", sagt die Expertin. "Wer heute die Verhaltensweise eines Kindes nicht akzeptiert, darf sie auch morgen nicht akzeptieren." Das Gleiche gilt auch für den umgekehrten Fall: Wer kichert, wenn das Kleine so drollig-trotzig der Oma einen Lutscher abluchst, sollte es besser nicht für das gleiche Verhalten tags darauf bestrafen.
"Kinder fühlen sich sicherer, wenn sie die Reaktion ihrer Eltern vorhersehen können", so Falk-Frühbrodt. Konsequent sein bedeutet aber auch, "dass man selbst tut, was man von seinen Kindern verlangt", so die Expertin. Kinder lernen weit mehr über das Beobachten erwachsener Vorbilder, als die ihnen mit Worten vermitteln können. Jesper Juul spricht von "sozialer Osmose", bei der Kinder praktisch von selbst aufnehmen, welches Verhalten gewünscht ist und welches nicht.
Anne-Bärbel Köhle, Baby und Familie;
24.10.2008, aktualisiert am 12.07.2010
Corbis GmbH/Norbert Schaefer
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