Erziehung: Wie Rituale Kinder stärken

Sie sind viel mehr als nur Gewohnheiten: Rituale wie der tägliche Gute-Nacht-Kuss stärken Familien, halten sie gesund und beugen Stress vor. Experten verraten, warum
von Franziska Draeger und Anne-Bärbel Köhle, aktualisiert am 21.09.2017

Gemeinsames Lesen im Kinderzimmer: Jede Familie pflegt andere Rituale

Thinkstock/Wavebreak Media

Kurz bevor die Nacht anbricht, wird noch schnell der Knirschi vertrieben, der im Mund des fünfjährigen Sebastian wohnt. In dessen Vorstellung ist Knirschi der fiese Bruder von Karies und Baktus. Er sorgt dafür, dass man nachts ständig die Zähne aufeinanderpresst. Seitdem Sebastians Vater eine kurze progressive Muskelentspannung mit seinem Sohn macht, wird Knirschi im Mund so müde, dass er keine Lust mehr hat, die Zähne zu malträtieren. Nebeneffekt: Kurz nach der "Prog", wie Sebastian das abendliche Prozedere nennt, schläft der Kleine tief und entspannt. Ein Abend ohne Muskelentspannung? Undenkbar – auch wenn Sebastian schon längst nicht mehr mit den Zähnen knirscht.

Rituale entspannen und geben Halt

Fast jede Familie hat Rituale, die das Leben leichter, gesünder oder schöner machen. Sie sind wie kleine Fixpunkte, die für Sicherheit sorgen und Geborgenheit schenken. Abends den Übergang vom Tag in die Nacht finden? Nicht immer einfach. Aber mit einem speziellen Kussritual (oder einer "Prog") läuft es besser. Sich zurechtfinden im Lauf der Jahreszeiten? Gemeinsam und jedes Jahr aufs Neue einen Osterstrauß oder Weihnachtssterne basteln, das sorgt für Orientierung.

Wie heilsam Gewohnheiten sein können, erfahren schon Eltern von Neugeborenen. "Unruhige, leicht erregbare Babys lassen sich durch Rituale entspannen", erklärt Jörn Borke, Professor für Entwicklungspsychologie der Kindheit an der Hochschule Magdeburg-Stendal. "Die Kleinen wissen, was passiert. Das kann hilfreich sein, um zur Ruhe zu kommen", sagt Borke. Warum? "Wenn die Welt vorhersehbar ist, dann wird sie dadurch stressfreier", erklärt Hirnforscher Prof. Manfred Spitzer, ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Ulm.

Rituale erleichtern die Erziehung

Bei genauerer Betrachtung steckt unser Alltag voller kleiner und großer Rituale, oft ist uns das nicht mal bewusst. In vielen Familien hat jeder seinen festen Platz am Tisch oder trinkt aus seiner Lieblingstasse. Der Osterhase versteckt schon seit drei Generationen die Eier im Wald. In die Kita muss Tag für Tag die Prinzessin-Brotzeitdose mit – und die Mama winkt jeden Morgen, bis der Papa samt Filius um die Ecke verschwunden ist. "Gerade Kinder lieben Rituale, denn sie machen den Alltag vorhersehbar, nehmen Ängste und führen zu einer starken Persönlichkeit", erklärt Hirnforscher Spitzer. Und sie halten gesund, können sogar dafür sorgen, dass Kinder schlank bleiben. Das überzeugendste Argument für alle Eltern lautet jedoch: Rituale sind prima Erziehungshelfer. "Kinder", sagt Spitzer, "sind in einem ritualisierten Ablauf wesentlich einfacher zu handhaben. Sie gedeihen in einem Umfeld, das berechenbar ist, einfach besser."

Ganz klar: Jeden Abend "Prog" und dann Augen zu – das erspart eine Menge Diskussionen darüber, wann Fünfjährige eigentlich ins Bett gehören. Erst die Brust geben, dann Windel wechseln, dann ein leises Schlaflied: So verstehen schon Babys, dass der Tag zur Neige geht. Rituale beeinflussen auch körperliche Reaktionen, sagt Babyexperte Borke: Wenn es leise wird und man das Licht dimmt, schaltet der Organismus automatisch einen Gang herunter und stellt sich aufs Schlafen ein. Jeden Tag zur gleichen Zeit essen führt dazu, dass sich tatsächlich alle mit Appetit an den Tisch setzen.

Rituale halten die Gesellschaft zusammen

Ohne Gleichklang könnte sich Hannelore Kleemiß vom Vorstand des "Vereins für Kinder" in Oldenburg keine einzige funktionierende Kita vorstellen. "Stellen Sie sich 15 Kleinstkinder in einer Gruppe vor, die keine Orientierung erhalten", sagt die Expertin mit Arbeitsschwerpunkt Krippenpädagogik. "Ohne Rituale würden alle pädagogischen Mitarbeiter verzweifeln!" So aber gewöhnen sich die Kinder daran, im Morgenkreis zusammenzusitzen, sich die Hände vor dem Essen zu waschen, sich gegenseitig aussprechen zu lassen. "Kinder finden schneller zusammen, die Gemeinschaftsbildung funktioniert besser, und es gibt weniger Streit, wenn manche Dinge immer nach dem gleichen Schema ablaufen", so Kleemiß. Die Kleinen lernten Fertigkeiten schneller und würden souveräner. "Rituale sind wie ein Geländer, an dem sich die Kinder entlanghangeln können", sagt die Kita-Expertin.

Und sie sind der soziale Kitt, der alle Beziehungen in allen Gesellschaften zusammenhält. Schon beim Begrüßen hilft es, wenn man weiß, was der andere erwartet: fester Händedruck in Hamburg, Bussibussi in München, drei Wangenküsschen in der Schweiz. Auch Zweierbeziehungen funktionieren mit ritualisierten Abläufen besser: einmal im Monat ein Abend zu zweit. Immer zum Hochzeitstag eine Nacht ins Hotel. Jeden Morgen ein Küsschen zum Abschied und eine Umarmung zur Begrüßung, wenn sie abends wieder nach Hause kommt – Aus-dem-Mantel-Helfen inklusive. Solche kleinen Aufmerksamkeiten signalisieren Intimität. Deshalb plädieren alle Ritualforscher einvernehmlich dafür, Zweierrituale unbedingt aufrechtzuerhalten, auch und gerade nachdem ein Baby geboren wurde und aus zwei Menschen eine Familie wird.

Rituale geben Alltag und Leben Struktur

Erstaunlich, was Rituale alles vermögen! Sie strukturieren den Zeitbrei, der Tag für Tag und manchmal ziemlich zäh durch das Leben fließt. Sie lassen den Alltag ein bisschen leuchten, schaffen oft auch eine Insel der Ruhe in der Hektik des Tages. Rituale können aber auch große Ereignisse markieren: Ein Kind wird geboren, eine Taufe oder eine Hochzeit stehen an. Mit tradierten Festen findet jeder Mensch Halt – und indem man sie feiert, tut man nebenbei eine Menge für die Zusammengehörigkeit der Familie. Rituale markieren Übergänge: Wenn Kinder am ersten Tag mit Schultüte aus dem Haus gehen, zeigt das: Ich werde groß. Und sogar ganz banal das "Tatort"-Gucken am Sonntag hat seinen Sinn: Der Krimi markiert das Ende der freien Tage und erleichtert es, wieder in die Arbeitswoche zu starten. Rituale helfen, Krisen und schwierige Zeiten einzuordnen und zu bewältigen: Beerdigungen etwa laufen hierzulande im Prinzip schon seit Generationen nach demselben Muster ab. Nur eines dürfen Rituale nicht: zur schalen, schnöden Routine verkommen. Es geht nicht darum, sich verkrampft an starren Regeln festzuklammern. Rituale müssen guttun, Freude machen, das Leben erleichtern.

Wie finden wir passende Rituale?

Wie also finden Väter und Mütter Rituale, die gut zu ihnen und ihrer Familie passen? Oft entstehen Gewohnheiten aus der Situation selbst – so wie bei Sebastian und dem Knirschi. "Kinder sollte man durchaus die Rituale mitgestalten lassen", erklärt Michael Schnabel, ehemaliger Mitarbeiter am Staatsinstitut für Frühpädagogik in München. Manchmal ist es auch schön, alte Rituale, die schon lange die Familie zusammenzuhalten, weiterzuführen. Immer der gleiche Braten an Weihnachten, jedes Jahr derselbe Geburtstagskuchen, den schon Oma gebacken hat, das Abendgebet, mit dem schon Papa eingeschlafen ist – irgendwann heißt es dann: "Wir in unserer Familie machen das immer so!" Auch Patchworkfamilien können sich ihre eigene Identität mit Ritualen schaffen. Das gemeinsame Frühstück am Wochenende, ein bestimmtes Begrüßungs- oder Abschiedsritual, der Geburtstagstisch, bei dem eine bestimmte Kerze nie fehlen darf: Solche Gewohnheiten stiften Gemeinschaft.

Aber Rituale bergen auch Gefahren. "Wenn sie nur noch zur reinen Pflicht werden, gehen sie kaputt", sagt Schnabel. Deshalb müssen Gewohnheiten mitwachsen, so wie sich die Familie auch verändert. "Von einem 15-Jährigen kann man nicht mehr verlangen, abends ein Gutenachtlied zu singen oder mit der Oma Ostereier zu suchen", sagt Michael Schnabel. Aber man könnte gemeinschaftlich überlegen: "Wie wollen wir als Familie künftig feiern? Wie wollen wir Festtage gestalten?", rät Schnabel. Wichtig sei, dass alle, Große wie Kleine, hinter einem Ritual stehen. Übrigens: Ob eine Familie dabei viele oder wenige Rituale hat, spielt für Jörn Borke von der Osnabrücker Babysprechstunde überhaupt keine Rolle. "Es geht ja dabei nur um eins: dass sich alle wohlfühlen."


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