Erziehung: So bleiben Eltern konsequent

Jetzt reicht’s! Manchmal überspannen Kinder definitiv den Bogen. Erziehungsberater Ulrich Gerth erklärt, wie man es dann schafft, klare Regeln aufzustellen und vor allem durchzusetzen

von Anne-Bärbel Köhle, aktualisiert am 22.09.2016

Mit Filzstift die Wand anmalen? Da ist ein klares Nein angebracht

W&B/Forster und Martin

Niemand streitet gern. Aber jeder tut es – weil in jeder Familie Situationen auftreten, in denen unterschiedliche Interessen aufeinanderprallen. Fünf Eis hintereinander futtern? Klar, ­schmeckt köstlich. Aber das ist ers­tens teuer, zweitens freuen sich Karius und Baktus, und drittens isst der Kleine später die gesunden Gemüsefrikadellen hundertprozen­tig nicht mehr. Was also tun?

Konsequenz, das bedeutet für den dänischen Erziehungsexperten Jes­per Juul, "einem gerade rebellischen Kind ein konsequentes Nein" entgegenzuhalten. Klingt erst mal gut. Was aber, wenn der liebe Kleine sich weigert, den elterlichen Anweisungen zu folgen? Außerdem: Wer gibt Eltern das Recht, die Freiheit von Kindern einzuschränken? Wir fragten den Erziehungsexperten Ulrich Gerth. Er ist Leiter des Beratungs- und Jugendhilfe-Zentrum St. Nikolaus in Mainz.


Ulrich Gerth ist Diplom-Psychologe und Leiter des Beratungs- und Jugendhilfe-Zentrum St. Nikolaus in Mainz

W&B/Privat

Was halten Sie wirklich vom Thema Konsequenz in der Erziehung?

Ich bin ein großer Freund davon. Es bedeutet, dass in einer Familie Absprachen und Regeln verbindlich sind. Alle müssen sich daran halten, Große wie Kleine. Konsequenz heißt ja nicht, dass Kinder willkürlichen Anweisungen ihrer Eltern folgen müssen. Im Gegenteil, sie sollte von gegenseitigem Respekt getragen werden: Respekt vor der Würde des Kindes – aber auch vor jener der Erwachsenen. Die machen nämlich oft den Fehler, dass sie ihre eigenen Bedürfnisse zugunsten der Kinder so lange zurückstellen, bis es kracht.

Wie setzt man Konsequenz durch?

Indem man erst mal die Regeln erklärt, und zwar so, dass sie für Kinder nachvollziehbar sind. Das heißt noch lange nicht, dass die Kleinen die Regeln lieben. Aber sie müssen sie zumindest verstanden haben. Viele Eltern glauben: Wenn sie lange genug reden, lassen sich die Kinder doch noch dazu erweichen, das Ganze gut zu finden. Das funktioniert aber nicht. Nur ein einziges Eis zu bekommen ist einfach blöd. Aber manche Dinge sind eben nicht drin. ­Und dann muss man als Eltern auch dranbleiben. Allerdings muss man manchmal Regeln neu verhandeln, etwa wenn Kinder älter werden oder ­­eine Regel sich als sinnlos herausstellt – oder wenn Kinder die besseren Argumente haben.

Was sind unumstößliche Regeln?

Das kommt natürlich auf die Familie an. Aber ich finde: Über die Straße marschieren, wenn ein ­Auto kommt, geht nicht. Abends Zähne putzen ist bei kleineren Kindern auch nicht verhandelbar. Unumstößliche Regeln gibt es aber auch für Eltern: keine Gewalt und keine erniedrigenden Maßnahmen! Wenn ein Kind die Regeln übertritt, macht man klar, was passiert, wenn das noch mal geschieht. Dann muss das Kind an der Hand über die Straße gehen. Wichtig ist nur, dass die Konsequenz eine innere Logik hat, also mit dem zu tun hat, wo das Kind die Grenze überschritten hat.

Klingt theoretisch gut, klappt in der Praxis aber oft nicht. Warum?

Weil viele Eltern ihren Erziehungs­auftrag missverstehen. Wir müssen nicht die besten Freunde unserer Kinder sein – wir sind für sie verantwortlich. Und damit sind wir letztlich die Chefs. Mit einer klaren Haltung bekommt man zwar nicht immer Applaus, aber das muss man als Erwachsener aushalten. Die meisten Eltern haben Angst davor, unpopuläre Maßnahmen durchzusetzen. Sie fürchten sich vor Auseinandersetzungen und davor, die Zuneigung der Kinder zu verlieren. Aber die Liebe der Kinder ist sehr stabil. Gerade deshalb ist es wichtig, dass alles, was wir tun, aus Respekt vor der Würde und der Einzigartigkeit eines Kindes geschieht.

 

Die Kunst des Liebens

In einem Forschungsprojekt an der Fachhoch­schule Köln entwickelten Experten um die Erziehungswissenschaftlerin Professorin Dr. Sigrid Tschöpe-­­Scheffler fünf Kriterien für erziehungsförderndes Verhalten:



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