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Erziehung: Die Macht der Väter

Sie scheinen stärker, autoritärer und setzen sich besser durch: Was machen Männer in der Erziehung bloß anders?


Wenn der Papi schimpft, dann hat das meistens einen beindruckenden Effekt

Fünf Kinder buddeln in friedlicher Koexistenz im Sandkasten des Spielplatzes. Ein idyllisches Bild. Bis sich einer der Winzlinge den Plastikbagger des anderen schnappt. Binnen Sekunden entwickelt sich das Spiel zum groben Handgemenge, alle brüllen und zerren gleichzeitig an sich oder am Spielzeug.

„Hey“, donnert ein Vater. „Ich glaub’, es geht los. Her mit dem Bagger und Ruhe jetzt.“ Schrecksekunde. Sofort Stille. Der Bagger wandert in die Hand des Mannes. Kurz zucken wir versammelten Mütter zusammen. Kasernenton am Spielplatz? Geht ja eigentlich gar nicht. Andererseits, wenn man das Ergebnis betrachtet …


Ich gebe es zu: Ich hätte versucht, den kleinen Delinquenten den Bagger nicht aus der Hand zu nehmen, sondern zu sülzen. Ich hätte den Streithähnen inklusive meinem eigenen Sohn in vielen lieben und sanften Worten versucht zu erklären, dass es überhaupt nicht okay ist, einem anderen etwas wegzunehmen oder ihn gar zu zwicken.

Ich hätte mich mit den Zwergen auf eine längere Diskussion über grundsätzliche Menschenrechts- und Eigentumsfragen eingelassen. Und am Schluss hätten alle noch viel lauter geschrien als zuvor. Ich hätte irgendwann peinlich berührt meinen Sohn vom Geschehen weggezerrt und ihn zischelnd bedroht: „Wenn jetzt nicht sofort Schluss ist, gehen wir nach Hause.“

Knappe, klare Ansagen in schärferem Ton scheinen weder ich noch meine Mitmütter im Repertoire zu haben. Während der Mann, der inzwischen übrigens wieder völlig entspannt auf der Bank sitzt, mit Autorität ganz gewiss kein Problem hat. Sein Ton, seine ganze Körpersprache hatten unzweifelhaft signalisiert: Jetzt wird gemacht, was ich sage. Ende der Ansage. In mir kriecht Neid hoch.

Was machen wir Mütter falsch? Wieso reden wir uns den Mund fusselig, und keiner der Zwerge hört ernsthaft zu? Warum scheinen Männer so viel mehr Durchsetzungsvermögen zu haben, wenn es darum geht, Mini-Menschen zu bändigen?

Dass Zähneputzen keine Option, sondern ein Muss ist, hat unser Sohn bei seinem Vater auf der Stelle begriffen. Bei mir gibt er röchelnde Würggeräusche von sich, sobald sich die Bürste dem Mund nur nähert. Und behauptet hartnäckig: Vom Zähne putzen werde ihm schlecht.

Väter sprechen mit ihren Kindern offenbar anders. Sie behandeln sie anders. Und sie scheinen – jedenfalls häufig – mehr Autorität auszustrahlen. Das sind keine subjektiven Eindrücke, sondern Ergebnisse zahlreicher wissenschaftlicher Studien, berichtet der französische Psychologe und Autor Professor Jean Le Camus.

Ein Beispiel: Untersuchungen haben gezeigt, dass Väter dazu neigen, mit Kindern präziser zu sprechen als Mütter. Männer fragen häufiger nach, zwingen die Kinder damit selbst zu genaueren Aussagen, etwa darüber, was sie wirklich möchten.

In Frankreich durchgeführte Forschungen kamen gar zu dem Schluss: Schon kleine Kinder im Alter von zwei bis drei Jahren verwenden ihren Vätern gegenüber mehr Höflichkeitsfloskeln als gegenüber ihren Müttern. „Das sind klare Zeichen von Respekt“, sagt Camus. „Gegenüber Müttern insistieren die Kinder gerne.“

Das heißt nicht, dass Mütter die schlechteren Erzieher sind. Sie erfüllen – und das halten Psychologen für äußerst wichtig – andere Aufgaben als Väter. Männer, erklärt Professor Horst Petri, Arzt für Neurologie, Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie in Berlin, „erschließen dem Kind die Umwelt durch motorische Spiele, durch Wissensvermittlung und Anleitung zum praktischen Handeln“.

Während Mütter offenbar eher dafür da sind, Trost zu spenden, für emotionale Nähe zu sorgen. Und fruchtlose Kämpfchen mit ihrem Nachwuchs auszufechten. Das muss im Umkehrschluss ja noch lange nicht heißen, dass wir uns nicht irgendwann doch noch Respekt verschaffen.

In welche erzieherischen Fallstricke hätte ich mich beim Versuch verheddert, den Bagger zu konfiszieren? Welche Fehler hat der Mann mit natürlicher Autorität vermieden? Eine kritische Selbstanalyse:

1. Die Laberfalle


Manche Mütter (und leider auch ich) neigen dazu, zu viele und darüber hinaus ungenaue Anweisungen und Erklärungen zu geben. Die Kleinen klappen sofort die Ohren zu – weil sie das Gefühl haben, es ohnehin nie recht machen zu können. Noch schlimmer: Die unklaren Ansagen führen dazu, dass das Kind nie ganz genau weiß, was man eigentlich von ihm will.

„Es ist nicht okay, einem anderen das Spielzeug aus der Hand zu winden“ klingt viel schwammiger als „Schluss jetzt!“. Beim Zähneputzen sagte ich meinem Sprössling: „Das ist jetzt total wichtig, sonst kommen Karius und Baktus. Ich erkläre dir gern, wie dein Gebiss dann in zehn Jahren aussieht.“

Eine zwar interessante Information, aber abends um sieben, wenn alle todmüde sind, einfach überfordernd. Besser: „Jetzt ist Zeit, Zähne zu putzen.“ Punktum. Wichtig ist auch, klarzumachen, dass es keine Handlungsalternative gibt. Fazit: Kinder müssen nicht immer bis in jedes Detail aufgeklärt werden. Manchmal reicht eine deutlichere Ansage.

2. Die Vielleicht-rudere-ich-wieder-zurück-Falle

Wenn Kinder brüllen, quengeln, diskutieren, geben Erwachsene mit zarten Nerven irgendwann auf. Das Problem: Das Kleine speichert die Erfahrung als Erfolg ab: Was einmal geklappt hat, wird wieder funktionieren, wenn ich mich genug anstrenge.

Deshalb lohnt es sich vorab zu überlegen, wie ernst meine ich ein Verbot? Bin ich wirklich bereit, eine Aktion konsequent durchzuziehen, auch wenn es Proteste hagelt? Und dann unzweifelhaft zu signalisieren: Ich bleibe dabei! Das setzt allerdings leider voraus, dass man nicht in die nächste Falle tappt:

3. Die Eigentlich-meine-ich-es-gar-nicht-so-Falle

Menschen, die etwas verbieten, sind böse, böse, böse. Das signalisiert uns das Kleine eindeutig, wenn es wütend ist und keine Lust hat, einer Anordnung nachzukommen. Die Folge: Mütter sprechen zwar Unangenehmes aus – aber ihre Körpersprache signalisiert etwas ganz anderes: Sie sagen Nein, und lächeln schuldbewusst.

Sie fordern mit Säuselstimme, dass das Kind sich jetzt bitte nicht so benehmen soll. Sie neigen demutsvoll den Kopf. Die Körpersprache allein animiert die Kleinen aber schon dazu, ein Verbot zu übertreten, denn in dem Moment senden Erwachsene widersprüchliche Signale. Autorität entwickeln bedeutet: Das Kind muss wissen, dass eine Anweisung keine schüchterne Bitte ist, für die sich die Mama eigentlich schämt. Also: Kopf hoch, Brust raus – laut, klar und deutlich sprechen.

4. Die Bitte-habt-mich-lieb-Falle

Das Selbstbild einer Furie, die ihrem Kind einen Bagger entreißt, macht keinen großen Spaß. Aber wie kommen wir überhaupt auf den Gedanken? Er steckt in unserem Kopf – und das schon ganz lange. Bereits als kleine Mädchen lernen die meisten von uns typische Rollenbilder. Mädchen sind brav. Mädchen schlichten Streit. Mädchen geben keine Befehle. Und sie werden nicht laut.

Wer es doch tut, benimmt sich falsch und wird nicht geliebt – dieses Bild wurde uns in der Familie und der Schule eingeimpft. Diplom-Pädagogin Beate Scherrmann-Gerstetter aus Schwäbisch-Hall nennt dies „Das-brave-Tochter-Syndrom.“ Aber was hat das heute noch mit uns zu tun? Darüber sollten wir nachdenken. Wir wollen keine braven Töchter sein. Wir wollen lieber brave Kinder!




Bildnachweis: W&B/Henrik Abrahams Illustration

Hannah Gollier, Baby und Familie; 01.06.2011, aktualisiert am 29.05.2012
Bildnachweis: W&B/Henrik Abrahams Illustration

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