Erwachsenen fällt es immer noch schwer, sich vorzustellen, dass auch Kinder sexuelle Wesen sind. Die alte Krux: Menschen jenseits der Pubertät verstehen unter Sexualität etwas komplett anderes, als Kinder selbst diese Neugier an Geschlechtlichkeit erleben. Wenn die Kleinen also in Form von Doktorspielen die eigenen und auch fremde Genitalien zu erforschen versuchen, wird das von Eltern meist aus der Erwachsenen-Perspektive gesehen und interpretiert. Dabei ist die Entdeckung der infantilen Sexualität ein wichtiger und auch notwendiger Entwicklungsschritt im Leben des Kindes. Er hat nichts mit sexuellen Handlungen aus der Sicht von Erwachsenen zu tun.
Spätestens im Kindergarten wird den Kleinen bewusst, dass sie Mädchen oder Jungen sind. "Das Interesse an der eigenen und an der anderen Geschlechtlichkeit ist etwas ganz Normales", sagt Pädagogin Sarah Jaeger, Vorstandsmitglied des Kinderhauses Schwabing in München. "Kinder, die sich mit den Geschlechterrollen auseinandersetzen, leben diese Neugier in Vater-Mutter-Kind-Spielen oder eben in den so genannten Doktorspielen aus." Forscherdrang und Wissensdurst sind dabei die Triebfedern dieses Interesses. "Dabei sind Mädchen oft aktiver als Jungen", so Jaeger.
Normalerweise finden es Eltern toll, wenn Kinder ihre Umwelt entdecken. Sie sehen es als Zeichen einer gesunden Entwicklung, wenn die Kleinen das erste Mal ihre Zehen in den Mund nehmen, einen toten Käfer genau inspizieren oder die Haare anderer Menschen erkunden. Und trotzdem reagieren die meisten Erwachsenen irritiert und verunsichert, wenn Kinder ihre Körperöffnungen erforschen oder an ihren Genitalien spielen. Dabei ist es ganz natürlich, dass Jungs ihren Penis und Mädchen ihre Scheide anfassen.
"Dieses Kennenlernen der Physis geschieht einerseits durch das Erfühlen des eigenen Körpers," weiß Jaeger, "andererseits natürlich auch in der Fremduntersuchung". Bei den Doktorspielen geht es im Endeffekt um nichts anderes, als um unbedarfte Neugier und die Beantwortung drängender Fragen. Wie sieht ein Junge an den bedeckten Stellen aus und wie fühlt sich das an? Und was verbirgt sich unter dem Rock eines Mädchens?
Wichtig ist es für Erwachsene – Eltern, aber auch Erzieherinnen und Erzieher – in solchen Situationen die Ruhe zu bewahren und das Kind nicht zu bestrafen. "Kindern muss erlaubt werden, sich selbst zu entdecken. Sie würden nicht verstehen, wenn Mama sagt ,Deine Füße darfst du dir genau ansehen, aber deine Vagina nicht`. Deswegen sollte man innerhalb der Familie für ein möglichst tabu- und stressfreies Klima sorgen, was dieses Thema angeht,“ sagt Jaeger. Sprüche wie „Wenn du dein Glied anfasst, kann es abfallen“ sind extrem kontraproduktiv und führen zu einer Befangenheit oder gar Angst im Umgang mit dem eigenen Körper.
Selbst wenn Kinder eine Art von Geschlechtsakt nachahmen, ist das noch kein Grund zur Aufregung für die Eltern. Im "Handbuch zur Prävention und Intervention. Sexuelle Übergriffe unter Kindern" erklären Ulli Freund und Dagmar Riedel-Breidenbach, Mitarbeiterinnen der Berliner Fachberatungsstelle Strohhalm e V., diese Situation wie folgt: "Kinder wollen keine erwachsene Sexualität praktizieren, diese aber durchaus mit anderen Kindern zusammen imitieren, das heißt über Geschlechtsverkehr informierte Kinder spielen mitunter solche Situationen. Dazu veranlassen sie aber nicht Begehren und Lustgefühle, die denen Erwachsener vergleichbar sind, sondern spielerische Neugier, wie Geschlechtsverkehr wohl funktioniert. Es ist ein Ausprobieren von Erwachsenen-Rollen, das nicht von Authentizität geprägt ist, ebenso wie ein Kind vielleicht seine berufstätigen Eltern, die abends von der Arbeit erschöpft zurückkommen, spielerisch imitiert, ohne selbst diese Erschöpfung zu empfinden." Für die Kinder macht es also kein Unterschied, ob sie nun Kaufladen oder Geschlechtsverkehr spielen. Es bekommt nur dann eine andere Qualität, wenn die Eltern eine Bedeutung hineininterpretieren und es mit Tabus, Verboten, Bestrafungen oder mit geforderter Scham aufladen.
Kindliche Sexualität ist nicht zielgerichtet, sie ist spontan und unbefangen. Sie folgt einem ganz simplen Lustprinzip: Erlaubt ist, was gefällt! Doch natürlich gibt es auch hier Grenzen. Jaeger erklärt: "Selbstverständlich muss man den Kindern beibringen, dass jeder ein Anrecht auf seine eigene Körperlichkeit hat." Doktorspiele sind erlaubt, aber nur, wenn alle Beteiligten damit einverstanden sind. Und unter keinen Umständen darf man einem anderen Kind wehtun. Auch die Kleinen sollen und müssen begreifen, dass ein Nein akzeptiert werden muss. Genau so wie sie selbst Nein sagen dürfen und müssen, wenn ihnen etwas unangenehm ist. Und natürlich sollten Erwachsene immer einen Blick auf spielende Kinder haben.
Wie bei allen anderen Spielen gelten also auch bei Doktorspielen klare Regeln: Es wird nicht gedroht und keiner zu etwas gezwungen! Dieses Spiel gilt nur unter Kindern – will plötzlich unbedingt ein Erwachsener oder ein älteres Kind mitspielen, muss man sich Hilfe bei den Eltern holen. Fingerspitzengefühl und Sensibilität der Eltern oder Erzieher in nicht immer eindeutigen Spielsituationen sind hier unbedingt vonnöten, um gegebenenfalls schützend vor Übergriffen eingreifen zu können.
Grundsätzlich sollten aber Erwachsene nie vergessen: Kinder durchleben mit den so genannten Doktorspielen einen ganz normalen Schritt in der sozialen, geistigen und körperlichen Entwicklung. Für eine positives Selbstbild und eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung ist das Testen, das Erfühlen und angstfreie Verstehen von Geschlechtlichkeit entscheidend.
Sandra Schmid / www.baby-und-familie.de;
22.02.2011
Bildnachweis: PhotoDisc/ RYF
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