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Der Abschied von der Windel

Raus aus der Windel und rauf aufs Töpfchen: Lesen Sie hier, wie Sie die wichtige Erziehungshürde zusammen mit Ihrem Kind meistern

Nehmen wir an, Ihr Baby braucht jeden Tag fünf Windeln, dann wickeln Sie es 1825 Mal im Jahr. Geht Ihr Kind mit drei Jahren aufs Töpfchen, haben Sie 5475 Windeln verbraucht. Kein Wunder, dass Eltern es manchmal kaum erwarten können, dass der Nachwuchs endlich die Toilette für sich entdeckt.

Aber drängeln bringt gar nichts. „Fast alle Kinder werden von alleine trocken“, sagt Hans-Joachim Kreisel, Autor und Kinderarzt in Reutlingen. Das heißt: Beobachten Sie Ihre Tochter oder Ihren Sohn. Sind die Zeichen da, dass das Kind bereit ist für die sogenannte Sauberkeitserziehung, dann bieten Sie ihm Töpfchen oder WC an – ganz ohne Druck.


Toilettengang mit Vorbildfunktion

„Blase und Darm reagieren empfindlich auf Stress“, erläutert Gabriele Haug-Schnabel. Für das große und kleine Geschäft sei Entspannung notwendig. Die Biologin und Autorin aus Kandern rät Eltern zudem, die Badtür offen zu lassen, wenn sie selbst auf die Toilette gehen: „Vorbilder spielen beim Sauberwerden eine große Rolle.“

Damit der Abschied von der Windel klappt, müssen zunächst einmal die Nervenbahnen des Kindes ausreifen, die Darm und Blase mit dem Gehirn verbinden. Dieser Prozess ist im Durchschnitt um den zweiten Geburtstag herum abgeschlossen, bei vielen Kindern auch erst später. Nun spürt der Nachwuchs seine volle Blase oder den Druck im Darm. „Die Kleinen tänzeln nervös herum, setzen sich auf ihre Fersen“, erläutert Hans-Joachim Kreisel.



Dr. Gabriele Haug-Schnabel leitet in Kandern die Forschungsgruppe Verhaltensbiologie des Menschen

Anbieten, aber nicht zwingen

Eltern können jetzt die Initiative ergreifen, fragen: „Musst du Pipi?“ oder „Möchtest du auf die Toilette?“ Geht das Kind nicht darauf ein, zwingen Sie es nicht. Sondern bieten Sie das nächste Mal wieder WC oder Töpfchen an. Wenn Ihr Kind die Toilette nutzt: loben, loben, loben – und sich selbst nicht zu viel Hoffnung machen.

„Zwischen dem ersten Mal ohne Windel und dem Zeitpunkt, zu dem der Nachwuchs ganz sauber ist, vergeht meist mindestens ein Jahr“, weiß Mediziner Kreisel. Beendet sei die Sauberkeitserziehung oft erst um den vierten Geburtstag herum.



Dr. med. Hans-Joachim Kreisel arbeitet als Kinder- und Jugendarzt in Reutlingen

Oft nachts noch Windel nötig

Einige Kleine leeren ihre Blase schon auf dem WC, bestehen für den Stuhlgang aber auf eine Windel. Die allermeisten Kinder werden zudem erst tagsüber trocken, nässen aber nachts noch ein. Natürlich geht immer mal noch etwas in die Hose. Jetzt nicht schimpfen! „Das Kind darf sich nicht schuldig fühlen oder meinen, man halte es für unfähig“, erklärt Haug-Schnabel.

Besser: „Beinahe hättest du es geschafft. Beim nächsten Mal klappt’s!“ Oder: „Mama war in der Küche. Da hast du vergessen, rechtzeitig Bescheid zu sagen, oder?“ Ein Kind muss ja nicht nur lernen, die Signale von Darm und Blase zu erkennen. Es muss sie auch richtig deuten. „Anfangs schätzen Kinder die Zeit falsch ein, die zwischen dem ersten Druck und dem Gang aufs WC liegen darf. Dann muss es plötzlich schnell gehen, obwohl sich die Kaufhaus-Toilette im fünften Stock befindet“, sagt Haug-Schnabel.

Ekel vor Ausscheidungen nicht zeigen

Egal, ob Töpfchen oder Windel – Kommentare wie „Iiiiih!“ oder „Puuuh, das stinkt aber!“ sollten Eltern sich verkneifen. „Die Kinder glauben sonst, in ihnen entstünde Schlechtes“, so Expertin Haug-Schnabel. Der Nachwuchs selbst findet die Ausscheidungen nämlich gar nicht igitt, der Ekel davor ist anerzogen.

Also nicht wundern, wenn das Kind ins Töpfchen patscht. „Es nimmt Urin und Stuhl als Teil seines Körpers wahr“, sagt Kreisel. „Deshalb fällt es ihm manchmal schwer, sich davon zu trennen.“ Manche Kinder haben Probleme damit, dass ihr Stuhlgang in den Untiefen der Toilette verschwindet. Gabriele Haug-Schnabel nennt das „WC-Loch-Angst“. Ihr Tipp: Vorher Klopapier in die Toilette legen und das Kind selbst spülen lassen.


Start-Signale: Daran erkennen Sie, dass Ihr Kind langsam sauber wird

  • Rückzug

    Das Kind nimmt nun die Entleerung von Blase und Darm bewusst wahr und sucht sich vor allem für den Stuhlgang ein einsames Plätzchen, geht zum Beispiel hinter das Sofa oder in sein Zimmer


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  • Namen

    Generell beschäftigt sich der Nachwuchs immer intensiver mit seinem Körper – und mit dessen Ausscheidungen im Besonderen. Diese bekommen Namen wie „Pipi“ und „Aa“


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  • Tänzchen

    Wenn das Kind bereits den Druck – und nicht erst die Entleerung – von Darm und Blase spürt, beginnt es zu tänzeln, nervös mit den Füßen auf und ab zu wippen oder sich auf die Fersen zu setzen


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  • Neugierde

    Was machen eigentlich Mama, Papa und Bruder, wenn sie auf die Toilette gehen? Das Kind möchte mitkommen und beobachten, was an diesem geheimnisvollen Ort passiert


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  • Interesse

    Das große und kleine Geschäft faszinieren den Nachwuchs. Er entdeckt das „Aa“ des Nachbarhundes und fragt Opa, ob er auch jeden Morgen „Pipi“ machen muss


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  • Spiel

    Auch spielerisch setzt sich das Kind mit den Themen Blasenentleerung und Stuhlgang auseinander. Der Teddy wird gewickelt, die Puppe regelmäßig aufs Töpfchen gesetzt


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Drei typische Probleme und ihre Lösungen

Tagsüber ist das Mädchen (3) trocken, nachts noch nicht. Wie helfen ihm die Eltern am besten dabei, die Windel auch beim Schlafen loszuwerden?

Mit Geduld. „97 Prozent der Kinder werden erst tagsüber trocken, dann nachts“, sagt Gabriele Haug-Schnabel. Das Sauberwerden sei ein Prozess, den Eltern nicht forcieren könnten. Von regelmäßigem Wecken rät sie ebenso ab wie davon, dem Kind am Abend nichts mehr zu trinken zu geben. „Allerdings sollte man abends nur 20 Prozent seiner Tagesration Flüssigkeit zu sich nehmen“, sagt Hans-Joachim Kreisel. Getränke also über den Tag verteilen!

Ein Dreieinhalbjähriger möchte sein großes Geschäft nicht auf dem Töpfchen machen, sondern er fordert dafür eine Windel. Sollen Eltern diesem Wunsch nachgeben?

Ja, sagen unsere Experten. Das Kind merkt, dass es muss, traut sich aber noch keinen Stuhlgang ohne Windel zu. „Mit einer Windel spielt es zum Beispiel keine Rolle, wann der Kot genau kommt“, sagt Kinderarzt Hans-Joachim Kreisel. „Das Kind kann sich Zeit lassen, steht nicht unter Druck wie auf der Toilette.“

Wie aber gelingt der Wechsel aufs WC? „Das Kind sollte sich nicht hinter Tisch oder Sofa zurückziehen, sondern trotz Windel im Bad bleiben“, rät Verhaltensbiologin Gabriele Haug-Schnabel. Helfen könnten zudem ein Buch, das nur im Bad gelesen, oder eine Kassette, die nur dort gehört wird. „Damit entspannen die Kleinen – der Stuhlgang passiert plötzlich von alleine.“

Eigentlich ist ein eineinhalbjähriges Kind zu jung für den Abschied von der Windel. Wenn es sich aber bereits für sein Töpfchen interessiert, sollen die Eltern es dann nicht mal probieren?

„Nein, das geht ziemlich sicher schief“, meint Hans-Joachim Kreisel. „Zu früh“, findet auch Gabriele Haug-Schnabel. Studien zeigen: Die größten Erfolgschancen hat Sauberkeitserziehung, die zwischen dem 20. und 22. Lebensmonat beginnt. Die Verhaltensbiologin und der Kinderarzt sind sich deshalb einig: Das Kleine ruhig weiter spielen lassen, nicht bremsen, aber auch keinen Druck ausüben.


Wenn es doch wieder in die Hose geht

Ein Geschwisterchen, das plötzlich im Mittelpunkt steht. Der Kita-Start, der so viel Neues mit sich bringt. Mit Situationen wie diesen kommen einige Kinder schwer zurecht, sie sind gestresst, reagieren sensibel – und machen manchmal in die Hose, obwohl sie eigentlich schon lange sauber sind.



Professor Ulrike Zach: Die Psychologin lehrt an der Fachhochschule Frankfurt/Main

Hat der Kinderarzt körperliche Ursachen wie eine Blasenentzündung ausgeschlossen, sollten sich Eltern laut Professor Ulrike Zach fragen: „Was belastet unser Kind gerade so, dass es die Entwicklungsaufgabe Trockenwerden nicht mehr bewältigen kann?“ Die Diplom-Psychologin rät, dem Nachwuchs viel Aufmerksamkeit und Liebe zu schenken. Und sie empfiehlt behutsame Gesprächsangebote.

Bestrafen und Schimpfen seien nicht der richtige Weg. Viele Kinder schämen sich ohnehin für ihr Malheur, verbergen die nasse Hose möglichst lange. „Besser ist es, in dieser Phase andere Fähigkeiten des Nachwuchses zu betonen und zu loben“, meint Ulrike Zach. Gibt sich das Problem nicht von allein, sollten sich Eltern nicht scheuen, Unterstützung zu suchen – etwa bei Erziehungsberatungsstellen.




Bildnachweis: W&B/Privat

Julia Wölkart / Baby und Familie; 13.09.2010, aktualisiert am 05.09.2012
Bildnachweis: W&B/Privat

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