Noch winzige Hände bewegen heutzutage schon Computermäuse über den Schreibtisch. Kindergartenkinder surfen im Internet, spielen am PC und legen Fotoalben an. In fast 90 Prozent der Haushalte mit Kindern im Alter von 6 bis 13 Jahren gibt es einen Computer oder Laptop, den die Kinder zum Teil mitnutzen, so die KIM-Studie. Und die Umfrage von BABY und Familie ergab, dass 29 Prozent der Kleinen bis sechs Jahre sogar schon ihre eigene Spielkonsole haben, mit der sie viel Zeit verbringen. Viele Eltern fragen sich, wie der richtige Umgang mit PC & Co. aussehen sollte. Hier erklären Experten, ab welchem Alter der Zugang sinnvoll ist, welche Programme geeignet sind und wie Eltern die Kinder begleiten:
Warum faszinieren Computer und Konsole schon die Kleinen? Spielen macht dem Nachwuchs grundsätzlich Spaß. „Die elektronischen Medien sind eine Erweiterung der Spielmöglichkeiten für Kinder“, sagt Professor Stefan Aufenanger, Medienpädagoge und Erziehungswissenschaftler der Universität Mainz. Sie können so Fantasiewelten entdecken, in neue Rollen schlüpfen und für einen Moment den Alltag vergessen.
Dürfen schon Klein- und Vorschulkinder Computer nutzen? Bei dieser Frage gehen die Meinungen der Experten extrem auseinander. Die eine Gruppe steht für den entkrampften Umgang schon in jungen Jahren, die andere warnt vor PC und Konsole, unter anderem weil der Konsum Aufmerksamkeits- und Sprachstörungen nach sich ziehe. Die Psychologin und Psychotherapeutin Simone Trautsch plädiert dafür, Kinder unter zehn Jahren nicht an den Rechner zu lassen. Selbst prämierte Spiele hält sie für schädlich. „Sie sind zu schnell, zu grell, zu laut. Das kindliche Gehirn kann die Reize noch nicht ausreichend verarbeiten“, so die Expertin, die die Klinik für medienabhängige Kinder in Boltenhagen an der Ostsee leitete, die 2006 aus Kostengründen geschlossen wurde. Erst mit zehn an den PC – das gehe an der Realität vorbei, sagt Aufenanger: „Schon kleine Kinder kommen ständig mit PC & Co. in Kontakt. Zeigen Zwei- oder Dreijährige Interesse, dürfen sie auch mal probieren“, so der Pädagoge. „Natürlich nur für ein paar Minuten und begleitet.“
Diese Extreme verunsichern Eltern noch mehr. Gibt es einen Mittelweg? Ja! Kleine Kinder müssen keineswegs mit dem Computer spielen. Vor- oder Grundschüler kann man vorsichtig einführen, wenn sie Lust haben. „Das funktioniert gut“, sagt Diplom-Pädagogin Susanne Roboom vom Verein Blickwechsel (www.blickwechsel.org) in Bremen, der Fortbildungen zur Medienerziehung in Kitas anbietet. „So lernen Kinder früh, kompetent und kritisch mit dem PC umzugehen, ohne von ihm überwältigt zu werden.“
94 Prozent der Eltern wünschen sich, dass ihr Kind nur kindgerechte Programme nutzt. Was können Vorschüler schon am PC machen? „Fotos bearbeiten, malen oder spielen“, weiß Expertin Roboom. Der Markt für Kindersoftware ist riesig. Eltern müssen sich gut informieren und mit Bedacht wählen. Optimal ist natürlich, wenn sie das Spiel selbst durchgegangen sind. Nur so können sie einschätzen, ob es geeignet ist für ihr Kind und es nicht überfordert. Auch im Internet gibt es empfehlenswerte Seiten mit Spielen, Rätseln, Filmen.
Was macht ein gute Seite aus? Sie sollte die Kinder animieren, selber aktiv zu werden. Ein gutes Beispiel ist „die Seite mit dem Elefanten“ (www.wdrmaus.de/elefantenseite). Das Kind kann den Elefanten mit der Maus kitzeln. Er wälzt sich dann vor Lachen. Das bereitet den Kleinen Freude. Seiten, auf denen es viel zu lesen gibt, und schnelle Spiele sind ungeeignet für Vorschüler.
59 Prozent der Eltern minderjähriger Kinder in unserer Umfrage finden, dass Vorschüler noch nichts am PC zu suchen haben. Haben ungeübte Kinder später Nachteile? „Nein! Kinder, die sich erst später mit dem Computer beschäftigen, sind anfangs nicht ganz so schnell mit Maus und Tastatur, holen aber schnell auf“, sagt Aufenanger.
Neben dem PC gibt es Lerncomputer, Handys, feste und tragbare Konsolen, mit denen man spielen kann. Was ist das Beste für Kinder? „Das kann man so nicht sagen. All diese Geräte sind für Kinder ausgelegt“, so Aufenanger. Der Computer sollte allerdings mit einer Maus für Kinder ausgestattet werden. Viel wichtiger als das Gerät seien die Inhalte. Dieser Meinung ist auch Roboom: „Eltern müssen immer gucken, was die Kinder spielen, sehen oder hören. Sie dürfen den PC auf keinen Fall als Babysitter einsetzen.“
Wie viel Zeit dürfen Kinder vor Konsole oder Computer verbringen? Im Durchschnitt sollte ein Vorschulkind nicht länger als 15 bis 20 Minuten pro Tag davorsitzen, ein Grundschüler höchstens eine halbe Stunde. Strenge Zeitkontingente sind allerdings nicht unproblematisch: Wenn beim Spiel gerade eine spannende Stelle erreicht ist, frustriert es Kinder, sofort aufhören zu müssen. Deswegen schlägt Roboom ein wöchentliches Zeitkonto fürs Spielen vor. Dennoch sollten Kinder rechtzeitig daran erinnert werden, dass sie zum Ende kommen sollen.
Wie kann man den Computer so sichern,dass Kinder nicht auf Internetseiten kommen, die nicht für sie bestimmt sind? Im Browser können Positivlisten mit guten Kinderangeboten eingestellt werden. Aber das bietet keinen absoluten Schutz, denn Kinder können diese selbst deaktivieren. „Deshalb sollten Eltern von jüngeren Kindern beim Surfen dabei sein. Später kann man Gefahren thematisieren und Sicherheitsregeln aufstellen“, erklärt Roboom. „Stoßen die Kinder mal auf Seiten, die sie überfordern, wissen sie, dass sie mit den Eltern darüber sprechen können.“ Als Startseite sollte immer eine gute Kinderseite eingerichtet sein, etwa www.blinde-kuh.de.
Worauf sollten Eltern noch achten? „Dass eine Balance herrscht zwischen den Medien- und anderen Freizeittätigkeiten der Kinder“, sagt Aufenanger. Eltern sollten sich auch ihrer Vorbildfunktion bewusst sein: „Sitzen sie selbst häufig vor dem PC und sind für die Kinder kaum ansprechbar, ist es natürlich schwerer, vom Nachwuchs einen bewussten, zeitlich begrenzten Umgang mit Medien zu fordern“, so Roboom.
Welche Gefahren bestehen, wenn Kinder zuviel Zeitmit elektronischen Spielen verbringen? Viele vernachlässigen Hobbys und Freunde. So grenzen sie sich aus. Manche leiden zudem unter Schulproblemen und Bewegungsmangel. Im schlimmsten Fall können sie süchtig werden.
Eben davor hat fast ein Viertel der befragten Eltern mit Kindern unter sechs Jahren Angst. Woran erkennt man betroffene Kinder? „Süchtige fühlen sich in der virtuellen Welt wohler als im wahren Leben, spielen viele Stunden am Tag“, sagt Psychologin Trautsch. „Sie sind überreizt und können nicht abschalten.“ Manche schlafen und essen kaum noch, werden aggressiv, wenn sie nicht spielen dürfen. Sie müssen ärztlich behandelt werden.
www.baby-und-familie.de;
15.06.2010, aktualisiert am 10.07.2010
Bildnachweis: Strandperle Medien Services e.K./Westend61
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