Er war ein zitterndes Häufchen Elend, als Passanten den Siebenjährigen fanden. Im Krankenhaus stellten die Ärzte fest: Der Berliner Junge hatte lebensgefährliche zwei Promille Alkohol im Blut. Offenbar war das Kind von Jugendlichen regelrecht abgefüllt worden. Kein Einzelfall: Angaben der Techniker Krankenkasse (TK) zufolge kommen immer mehr Kinder und Jugendliche nach Alkoholexzessen in die Klinik – die TK geht von 20000 Krankenhausaufenthalten im Jahr in Deutschland aus. Was können Erwachsene tun? Wie lernen Kinder den Umgang mit dem Suchtmittel? Wir fragten Andrea Hardeling, kommissarische Geschäftsführerin der Brandenburgischen Landesstelle für Suchtfragen e.V.:
Das Einstiegsalter von Jugendlichen bei Alkohol liegt heute bei 13 Jahren. Was hat dazu geführt?
Die soziale Situation von Familien hat sich in den letzten Jahren deutlich geändert. Viele Eltern und Kinder empfinden ihr Leben als perspektivlos. Dazu kommt, dass vielen Kindern in der Freizeit keine angemessenen Beschäftigungen geboten werden. Sie hängen also, ohne dass sich ein Erwachsener darum kümmert, vermehrt auf der Straße oder in Fußgängerzonen herum und trinken. Der Fall des Siebenjährigen aus Berlin ist schockierend, aber es wird kein Einzelfall bleiben.
Welche Kinder sind besonders gefährdet?
Gleich vorausgeschickt: Dass Jugendliche Alkohol ausprobieren, halte ich für normal. Aber Komasaufen schon bei Kindern ist eine andere Hausnummer. Das betrifft Kleine, denen es an Selbstsicherheit fehlt, auch mal Nein zu sagen. Das kommt in allen Schichten vor. Weil der kindliche Organismus noch nicht ausgereift ist, geraten die Kleinen übrigens sehr schnell in die Suchtspirale.
Wie lässt sich vorbeugen?
Entscheidend ist, dass schon Kleinkinder lernen können, wie sie mit Stress umgehen und wie sie Entspannung finden – indem sie sich etwa Bestätigung bei den Eltern oder bei interessanten Beschäftigungen holen. In Brandenburg -bieten wir dazu spezielle Kurse für Erzieherinnen an. Erst ab dem späteren Schulalter lohnt es sich, über Alkohol aufzuklären und einen vernünftigen Umgang damit zu zeigen. Und, natürlich: Eltern sollten ein gutes Beispiel geben.
Heißt das, Eltern müssen auf Alkohol verzichten?
Nein, absolut nicht. Aber man sollte darauf achten, in welchem Kontext Kinder sehen, dass Alkohol getrunken wird. Wenn ein Vater nach Hause kommt und gleich mal den ersten Schnaps kippt, um sich zu entspannen, hat das Kind den Eindruck: Mit Alkohol lässt sich Ärger bewältigen. Ganz anders dagegen, wenn aus Genuss abends etwas Wein getrunken wird.
Reicht unser Jugendschutz?
Die Altersvorgaben finde ich im Prinzip ausreichend. Aber ich halte es für hochbedenklich, dass Alkohol rund um die Uhr frei verkäuflich ist, und plädiere für ein Nachtverkaufsverbot. Abends ab acht sehe ich im Supermarkt Jugendliche mit Bier anstehen. Das geht nicht. Auch sollte man Alkoholwerbung einschränken.
Anne-Bärbel Köhle / Baby und Familie;
16.03.2010, aktualisiert am 10.07.2010
Bildnachweis: Mauritius Images GmbH/Ulrich Niehoff
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