Sind Bonbons oder Frühstücksflocken mit extra Vitaminen wirklich gesünder? Künstlich angereichterte Lebensmittel versprechen viel
Auf dieser Nominierten-Liste möchte garantiert kein Hersteller stehen: Die Verbraucher-Organisation foodwatch kürt jedes Jahr die größten Lebensmittel-Mogelpackungen – also Produkte, die nicht halten, was ihre Verpackung verspricht. Fünf Lebensmittel schlägt der Verein für 2011 vor, per Mausklick kann man im Internet abstimmen. Auffällig ist, dass drei der fünf Artikel Kinder-Lebensmittel sind: Fruchtbonbons, eine spezielle Kinder-Wurst und eine Milch-Schoko-Schnitte.
Was die Verbraucherschützer kritisieren, ist schon lange ein alltägliches Bild im Supermarkt: Auf den Verpackungen preisen die Hersteller ihre Produkte mit besonders vielen Zusatz-Vitaminen, Mineralien oder anderen Stoffen an, die gemeinhin als gesund gelten und diesen Artikel attraktiver machen. Und offenbar wirkt es: Laut einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Ipsos kaufen immer mehr Menschen regelmäßig sogenannte funktionelle Lebensmittel. In jeder dritten Familie kommen solche Produkte mindestens einmal pro Woche auf den Tisch. Dort steht dann ACE-Saft mit besonders vielen Vitaminen und eine Margarine, die den Cholesterinspiegel senkt, neben einem Brot, das durch zusätzliche Omega-3-Fettsäuren vor Herzinfarkt bewahren soll. Joghurts helfen mit speziellen Bakterien-Kulturen der Verdauung, und bunte Cornflakes locken nicht nur mit Extra-Vitaminen, sondern auch mit besonders viel Kalzium und Eisen.
Prof. Dr. Bernhard Watzl leitet das Institut für Physiologie und Biochemie der Ernährung am Max-Rubner-Insitut in Karlsruhe
Ist das nötig? „Nein. Aber herkömmliche Lebensmittel scheinen den Leuten offenbar nicht mehr gesund genug zu sein“, sagt Professor Bernhard Watzl vom Max-Rubner-Institut, dem Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel in Karlsruhe. „Anders kann man sich den Trend nicht erklären“, meint er. Klar, wonach die meisten Käufer greifen, wenn im Supermarkt von zwei eigentlich vergleichbaren Artikeln der eine einen höheren gesundheitlichen Nutzen durch den Zusatz bestimmter Stoffe verspricht.
Doch allzu einfach ist es für die Hersteller nicht mehr, ihre Lebensmittel mit besonders gesundheitsfördernden Eigenschaften zu bewerben. Seit 2007 gilt die sogenannte Health-Claims-Verordnung in der EU. Sie regelt durch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), welche Aussagen im Bezug auf Gesundheit und Nährwerte ein Hersteller über sein Produkt machen darf. „Dass Naschen gesund ist oder Honig das Immunsystem unterstützt, darf zum Beispiel nicht behauptet werden“, sagt Professor Watzl. Dass Kalzium und Vitamin D Kindern beim Wachsen helfen, dagegen schon.
Dr. Brigitte Schlagintweit vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit in Oberschleißheim
Allerdings ist die Liste der unerlaubten Aussagen viel länger als die der genehmigten. „Die Anträge der Hersteller werden von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit umfassend geprüft“, sagt Dr. Brigitte Schlagintweit vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) in Oberschleißheim. „Nur so können die Verbraucher vor einer möglichen Irreführung geschützt werden.“
Dabei ist der Ausweg aus dem Lebensmittel-Zusatz-Dschungel ganz einfach. Es braucht lediglich eine ausgewogene Ernährung: Also zum Beispiel Obst und Gemüse als Vitaminquellen, oder regelmäßig Fleisch für das nötige Eisen. „Dann sind angereicherte Produkte überflüssig“, sagt Prof. Dr. Mathilde Kersting vom Forschungsinstitut für Kinderernährung (FKE) in Dortmund.
Nur in wenigen Fällen haben speziellere Lebensmittel einen Sinn: So kann ein probiotischer Joghurt nach einem schweren Darminfekt helfen, die Darmflora wieder aufzubauen. Und jodiertes Speisesalz beugt einem Mangel an dem lebenswichtigen Spurenelement vor. Andererseits können funktionelle Lebensmittel auch Schaden anrichten. „Eine Überdosierung von bestimmten Vitaminen, besonders A und D, kann schädlich sein“, sagt Brigitte Schlagintweit vom LGL. Ein Zuviel zeigt sich zum Beispiel durch Kopfschmerzen oder Übelkeit, kann aber auch die Knochen und Muskeln angreifen.
Prof. Dr. Mathilde Kersting ist stellvertretende Leiterin des Forschungsinstituts für Kinderernährung in Dortmund (FKE)
Wenn man prüft, wo diese Vitamine besonders häufig zugesetzt sind, stößt man unter anderem auf Fruchtbonbons. Ein Hersteller verspricht „Vitamine und Naschen“, das ist nicht falsch und auch nicht verboten. Trotzdem erweckt es den Eindruck, dass hier ein Produkt besonders gesund sei. „Das sind einfach nur Süßigkeiten, und diese sollten als solche mit Bedacht gegessen werden“, sagt Mathilde Kersting vom FKE.
Denn in den Bonbons steckt, was vielen funktionellen Lebensmitteln gemein ist: zu viel Zucker. Das gilt auch für viele Frühstücksflocken oder Säfte. Damit der Zucker nicht mehr so gefährlich klingt, sprechen die Hersteller neuerdings nur noch von Fruchtzucker, Traubenzucker oder einer sogenannten natürlichen Süße. „Zucker ist Zucker, und jede Form wird im Körper in nahezu gleicher Weise verarbeitet“, erklärt Kersting.
So ideenreich wie die Werbespezialisten sind auch die Forscher: „In Zukunft sollen Lebensmittel ganzheitliche Prozesse im Körper unterstützen“, sagt Ernährungswissenschaftler Bernhard Watzl. „Sie versprechen dann zum Beispiel schärferes Sehen oder bessere Denkleistungen.“ Dabei kann man dies bereits jetzt alles haben, und zwar mit einer ganz normalen Mahlzeit: „Wer frühstückt, kann sich in der Schule besser konzentrieren als Kinder, die morgens nichts essen. Das zeigen Auswertungen wissenschaftlicher Studien“, erklärt Expertin Kersting. So einfach geht das mit der gesunden Ernährung.
Das brauchen Kinder
Zu einer ausgewogenen Ernährung gehören Grundnahrungsmittel wie etwa frisches Obst, Gemüse, Vollkornbrot und Milch. Hier die Referenzwerte der Deutschen Gesellschaft für Ernährung:
| 1 bis 3 Jahre | 4 bis 6 Jahre | |
| Energie | 4550 kJ | 6100 kJ |
| Eiweiß | 13,5 g | 16 g |
| Fett | 41 g | 51 g |
| Kohlenhydrate | 155 g | 219 g |
| Ballaststoffe | – | 22,5 g |
| Natrium | – | 2000 mg |
| Kalium | 1500 mg | 1500 mg |
| Magnesium | 80 mg | 120 mg |
| Kalzium | 600 mg | 700 mg |
| Eisen | 8 mg | 8 mg |
| Zink | 3 mg | 5 mg |
| Jod | 100 µg | 120 µg |
| Vitamin A | 600 µg | 700 µg |
| Vitamin C | 60 mg | 70 mg |
| Vitamin E | 5,5 mg | 8 mg |
Julia Lüneburg / Baby und Familie;
22.09.2011
Bildnachweis: W&B/Privat, W&B/Forschungsinstitut für Kinderernährung, W&B/Adam Pentos
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