Was tun bei Laktoseintoleranz?

Bauchkrämpfe, Blähungen: Wer eine Milchzuckerunverträglichkeit hat, muss mit unangenehmen Nebenwirkungen rechnen. Was genau steckt hinter dem Massenphänomen?

von Anne-Bärbel Köhle, aktualisiert am 12.01.2015

Betroffene einer Laktoseintoleranz vertragen eventuell kleine Mengen Milch, etwa ein Glas über den Tag verteilt

Panthermedia/Ingram V

Gibt es eigentlich fast nur noch Menschen, die Milch nicht mehr vertragen? Gefühlt jeder zweite klagt über Laktose­intoleranz. In den Supermärkten finden sich haufenweise Produkte, die laktosefrei sind: von der Milch bis zum Hart­käse. Alles übertrieben?

Mitnichten: "Fünf bis 20 Prozent vertragen hierzulande keinen Milchzucker", sagt Privatdozentin Dr. med. Jutta Keller, Internistin am Israelitischen Krankenhaus in Hamburg. Weltweit haben etwa 70 Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung das Problem – und bis zu 100 Prozent in manchen Teilen Afrikas, Amerikas und Asiens. Dass Menschen Milchzucker nicht vertragen haben, war schon immer so. Aber: "Eine typische westliche Diät enthält Milchzucker, und heute denkt man einfach viel schneller als früher an die Diagnose Laktoseintoleranz, wenn jemand unklare Bauchbeschwerden hat", sagt Keller.


Darm kann Milchzucker nicht ausreichend spalten

Was genau passiert eigentlich in einem Körper, der Milchzucker nicht verträgt? Machen wir einen kleinen Ausflug in die Bio­chemie: Milchzucker, die Laktose, besteht aus zwei Zuckermolekülen, der Glukose und der Galaktose. Der Darm kann aber Zucker nur als Einzelmoleküle aufnehmen. Daher muss der Milchzucker im Darm in seine Einzelbestandteile aufgespalten werden. Das klappt nur dann reibungslos, wenn ein bestimmtes Enzym, die Laktase, ausreichend vorhanden ist. Wenn nicht – und genau das passiert bei ­einer Laktoseintoleranz – wird der Milchzucker nicht im Dünndarm zerlegt, sondern gelangt in den Dickdarm. Hier wird er von den dort lebenden Bakterien zersetzt, mit teils lästigen Nebenwirkungen: Bauchschmerzen, Blähungen und Durchfall. Selten kommen Kopfschmerzen, Schwindel und Übelkeit dazu.

Ursache kann erblich oder krankheitsbedingt sein

Mit Abstand die weltweit vorherrschende Form der Laktoseintoleranz ist der primäre, erbliche Laktasemangel. Zwischen dem fünften und dem 20. Lebensjahr geht dabei die Laktase ganz oder teilweise verloren. "Kleinste Mengen, wie sie in manchen Medikamenten vorkommen, werden dennoch von praktisch allen Patienten vertragen", erklärt Keller. "Viele vertragen auch die Menge, die in einem Glas Milch steckt, über den Tag verteilt, gut." Nur ein kleinerer Teil der Patienten zeigt starke Reaktionen auf geringe Laktosemengen.

Die sekundäre Laktoseintoleranz­ resultiert aus Darmerkrankungen, zum Beispiel einem Morbus Crohn. Auch nach akuten Darmerkrankungen kann sich eine Milchzuckerunverträglichkeit ­einstellen, allerdings meist nur vorübergehend. Beispiel Rotavirus: Dabei entzündet sich die Dünndarmschleimhaut so stark, dass es zu schweren Durchfällen kommt. Für ­eine Weile wird dann auch zu wenig Laktase gebildet.

Atemtest bringt Klarheit

Wie lässt sich ermitteln, ob man betroffen ist? "Bei wiederkehrenden Bauchbeschwerden, deren Ursache sich nicht mit üblichen Verfahren finden lässt, würde ich mich gezielt testen lassen", rät Expertin Keller. Am einfachsten funktioniert das mit einem Laktose-H2-Atemtest, den der Gastro­enterologe durchführt. Dabei wird Milchzucker in einem Getränk aufgelöst und getrunken. Bei Laktasemangel führt die Zersetzung des Milchzuckers im Dickdarm zur Bildung von Wasserstoff, der sich in der Atemluft des Betroffenen nachweisen lässt. "Der Test ist sehr zuverlässig, funktioniert aber bei etwa fünf Prozent der Patienten nicht", sagt Keller. Bei ihnen kann ein Gentest klären, ob sie eine erbliche Form der Laktoseintoleranz haben.

Verzicht als Therapie

Heilen lässt sich eine Laktoseunverträglichkeit nicht. Man kann ihr nur aus dem Weg gehen. Sahnetörtchen, Cappuccino mit geschäumter Milch – Betroffene sollten, je nachdem wie stark die Unverträglichkeit ausgeprägt ist, weitgehend darauf verzichten. Das klingt einfacher, als es ist. Denn Laktose findet sich in ­allen möglichen Produkten, versteckt sich in Fertiggerichten und Soßen. Und selbst Joghurt und Käse, in denen aufgrund ihrer Fermentierung eigentlich kein Milchzucker vorhanden ist, können Probleme machen: Manchen industriell gefertigten Produkten wird Laktose beigefügt. Deshalb sollte man auf laktosefreie Produkte zurückgreifen, die es inzwischen in fast jedem Supermarkt gibt. Und gründlich die Zutatenliste lesen.

Und wenn man doch mal abends zu einem Festessen, inklusive Sahnesoße und Mousse au Chocolat eingeladen ist? Klar, man könnte Bauchweh riskieren. In Ausnahmefällen kann man aber auch vorsorglich Laktase einnehmen. Dies gibt es als Pulver, Kapseln, Kautabletten in der Apotheke. Aber Vorsicht! Es ist oft schwierig abzuschätzen, wie viel Laktase man zuführen muss, um zum Beispiel einen Café au Lait zu vertragen. Nimmt man zu wenig Enzyme, muss man wieder leiden. Zu viel schadet zwar nicht, kostet aber entsprechend. "Eine Dauer­therapie ist es sicherlich nicht", sagt Keller.


Info: Allergie oder Intoleranz?

Eine Laktoseintoleranz hat nichts mit einer ­Kuhmilchallergie zu tun, auch wenn die Symptome teilweise ähnlich sind. "Bei einer Allergie handelt es sich um eine immunologische Unverträglichkeits­reaktion", sagt Ärztin ­Jutta Keller. Der Körper richtet seine Abwehr gegen Milch­eiweiß. Bei der Laktoseintoleranz fehlt ein Stoffwechsel­produkt, das der Körper nicht ausreichend produziert.

Bis zu drei Prozent der ­Kinder hierzulande sind von ­einer Milchallergie betroffen, die sich oft im Schulalter wieder verliert. Die Symptome reichen von Neurodermitis über Asthma bis hin zu schweren Durchfällen.



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