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Was darf mein Kind essen?

Kein Zucker, kein Weißmehl, keine Allergene! Klingt zwar korrekt, aber so macht Essen null Spaß. Ernährungswissenschaftlerin Sinja Löw hat es mit Gelassenheit versucht


Immer nur lasches Gemüse? Da wächst die Gier auf Süßes

Das Beste an Elternabenden im Kindergarten ist der Moment, an dem man wieder gehen kann: Die Tagesordnungspunkte Sandkastenreinigung und Frühförderung sind abgehakt, der Elternbeiratskelch ist an einem vorübergezogen. Man will gerade zur Jacke greifen, pfeifend den Ort des Geschehens verlassen. Da kommt es, das Thema, das den Abgang jäh beendet. „Ich möchte noch die Sache mit den Süssigkeiten ansprechen.“

Diesmal ist es die Mutter von Vinzent, die das Unwort Naschkram ausspricht. Vinzent, zweieinhalb, ist ein kleiner Professor, der Worte wie Düsentriebwerks-Mechanik sagt, zweimal die Woche zum Klavierunterricht geht und die Hauptstadt von Venezuela kennt. Vinzent ist das perfekte Kind. Und seine Mutter sehr besorgt, dass es im Kindergarten mit Süssigkeiten verseucht werden könnte.


Kalorienbomben werden konfisziert

Die pädagogische Leiterin ist höchst erfreut, dass das Thema angeschnitten wird. Gesunde Ernährung liegt ihr am Herzen. Sie hat sogar einen Vollwert-Lehrgang absolviert. In letzter Zeit nehme, sagt sie, die Fehlernährung gravierende Ausmaße an. So gebe es tatsächlich immer wieder Brote mit Nussnugatcreme in Brotzeitboxen, die konfisziert werden müssten. Ebenso wie Weißbrot oder Salami. Ungesunde Kalorienbomben.

Man müsse Kindern gesunde Ernährung nur schmackhaft machen, sagt sie, und erntet volle Zustimmung, nur hier und da das schuldbewusste Lächeln einer Weißbrot-Mutter. Schokolade sei zu Hause tabu, erörtert Vinzents Mutter. Das müsse auch im Kindergarten gelten, da Zucker schädlich sei.

Obstschnitzkurs und Geburtstagskuchen-Regelung

Es entbrennt eine Diskussion über mitgebrachten Geburtstagskuchen, Ostereier und Nussallergiker. Man verbannt Weizenmehl aus der Pausenbrotliste und beschließt, einen Obstschnitzkurs zu organisieren. „Denn geschnitzte Äpfelmäuschen kommen einfach bei allen Kindern gut an“, so die Pädagogin. Nach zahlreichen Wortbeiträgen verständigt man sich auf eine Geburtstagskuchen-Regelung, die ab jetzt für alle gilt: 725er Vollkornmehl, kein Zucker, kein Ei, keine Milch und bitte keine tierischen Fette.

Wie so ein Kuchen schmeckt, erfahre ich beim Geburtstag von Lilly (2), zu dem ich meinen Sohn begleite. Früher galt für kleine Gäste die Regel: Iss so viel Gummibärchen, Torte und Würstchen, wie du kannst, und spüle sie mit ordentlich Limo hinunter. Ist schließlich eine Ausnahme. Ein guter Geburtstag war einer, bei dem man abends mit flauem Gefühl im Magen im Bett lag.

Dinkelvollkorn für die Kleinen, Pfirsich-Sahne für die Großen

Bei Lillys Feier kommt das flaue Gefühl früher: beim Anblick des braunen Teigfladens in der Mitte des Geburtstags tisches. „Dinkelvollkorn mit Apfelspalten, kein Zucker, keine Allergene“, so präsentiert die Mutter ihr Werk. „Schmeckt super gut“, ermuntert sie die Knirpse, die mit hängenden Gesichtern am Tisch sitzen.

Die Erwachsenen ziehen sich derweil ins Nebenzimmer zurück. Hier wartet Pfirsich-Sahne-Torte mit Schokobiskuit, die ideale Stärkung für eine Diskussion um gesundes Essen. Fragt man sich nur: Wie sollen Kinder Spaß an guter Ernährung finden, wenn die Regeln so unumstößlich sind wie die Glaubenssätze des Vatikans?

Am Ende des Festes nehme ich viele Ernährungstipps mit nach Hause. Und einen hungrigen Sohn. Tobend fordert er auf dem Nachhauseweg Gummibärchen. Zu Hause knicke ich ein. Mein Sohn mampft glücklich Gummibärchen, bis das Rührei gebraten ist. Als ich ihn ins Bett bringe, untersuche ich seine Haut auf allergische Reaktionen. Nichts passiert. Erleichtert schlafe ich ein. Im Traum werde ich von wütenden Schokoriegeln verfolgt. Als ich den Frühstückstisch decke, kommt mein Sohn in die Küche. „Ich will Körnermüsli mit Apfel“, sagt er. Mein Mutterherz jubiliert. Das ist das Schönste, was er je zu mir gesagt hat.


Alles in Maßen

  • Wenn es um die Ernährung ihrer Jüngsten geht, sind viele Eltern verunsichert. Die Kinderärztin, die Hebamme, die Freunde – jeder hat einen anderen Ratschlag. Dabei ist Gelassenheit das beste Rezept

  • Das gilt schon bei der Beikosteinführung: Alle großen Studien ergaben, dass es keinen Sinn macht, nur eine kleine Auswahl an Lebensmitteln im ersten Jahr zu füttern, um das Allergierisiko zu senken. Wer ein gesundes Kind hat und sich an die Regel „jede Woche ein neues Lebensmittel“ hält, kann nicht viel falsch machen.

  • Bei Kleinkindern gibt es nur zwei Regeln. Erstens: keine Verbote, sondern alles in Maßen. Auch Schokolade und Gummibärchen haben ihren Platz auf dem Speiseplan. Zweitens: zwischendurch nicht ständig Essen anbieten, sondern drei feste Hauptmahlzeiten einhalten. Das fördert ein gesundes Hungergefühl.
  • Gelassenheit bei Tisch zahlt sich aus, zeigt eine Studie an Dreijährigen: Die Kinder durften mehrere Tage aus einem großen Angebot ihr Essen wählen. Anfangs griffen die meisten zu Schokolade und Co., doch nach kurzer Zeit ernährten sie sich ausgewogen.


Baby und Familie; 20.11.2009, aktualisiert am 23.01.2012
Bildnachweis: Strandperle/Fancy

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