Paleo, glutenfrei, vegan: Was ist gesund?

Extreme Ernährungsformen nehmen stark zu. Doch sind sie auch familientauglich? Und leben wir wirklich gesünder, wenn wir uns beim Essen an strenge Regeln halten?

von Katja Töpfer, aktualisiert am 12.07.2016

Macht auch Kindern Spaß, kommt aber oft zu kurz: Selbst kochen

plainpicture GmbH & Co KG/Loop Delay

Eine Pizza mit Käse, Nudeln mit Tomatensoße, Eis am Stiel: Pala Kone­fal isst all das nicht. Die Zweieinhalbjährige wird "paleokonform" ernährt. Mehl, Zucker, Kartoffeln und Fertiggerichte stehen bei diesem Essstil, der auch Steinzeitdiät genannt wird, nicht auf dem Speiseplan (siehe unten). Seit viereinhalb Jahren kommen bei Familie Konefal nur Lebens­mittel auf den Tisch, die theoretisch auch Neander­taler verspeist haben könnten. Mit dieser Art zu essen hat Vater Pawel sein Gewicht in zwei Jahren von 160 auf 86 Kilogramm nahezu halbiert.

"Paleo ist gut für uns", ist Birgit Konefal überzeugt. "Meine Tochter ist nur sehr selten krank. Ich habe keinen Heuschnupfen mehr." Die schlanke Frau mit den langen braunen Haaren kocht sehr gern, über ihre Erfahrungen als "Paleo-­Mama" bloggt sie auf www.paleomama.de. Ständig auf leckere Dinge verzichten zu müssen, die andere ganz selbstverständlich essen, stört sie nicht. "Der Zucker- und Nudelentzug war nur am Anfang hart."

Ernährungsformen werden immer extremer

Paleo, vegan, pegan, Clean Eating, glutenfrei und am besten alles bio! Ernährungsstile, die strenge Regeln vorgeben, sind angesagt. Ständig liefern uns die Medien neue Esstrends. Die einen verteufeln Brot, bei anderen darf man nichts vom Tier essen und beim Dritten nichts, was die Steinzeitmenschen nicht auch futterten. Warum finden wir extreme Ernährungstrends so interessant, wie gesund und familientauglich sind sie, und macht es unser Leben tatsächlich reicher, wenn wir uns an diese Regeln halten?


Diese und ähnliche Fragen diskutierten vor einiger Zeit Ernährungswissenschaftler auf dem jährlichen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) in Fulda. Erstmals in der Geschichte der Veranstaltung ging es nicht vorrangig um Nährstoffe und ihre Auswirkungen auf die Gesundheit. Das Motto lautete: Sag mir, was du isst, und ich sage dir, wer du bist. Dieser Satz steht für das Forschungsgebiet von ­Jana Rückert-John, die beim diesjährigen DGE-Kongress die wissenschaftliche Leitung hatte. Die Soziologin hat den deutschlandweit einzigen Lehrstuhl für Ernährungssoziologie an der Hochschule Fulda. Sie untersucht den Ernährungsalltag von Jugendlichen und Familien und was sie zu ihrer Art der Ernährung bewegt.


Ernährungstrends: Ist das gesund und familientauglich?

Wir definieren uns über das Essen

Was wir essen, sagt viel über unsere Bildung, über unser Einkommen, unsere Einstellungen und Werte aus, ist Jana Rückert-John überzeugt. Das war schon ­immer so, geändert haben sich nur die Trends. Vor etwa 100 Jahren war Weißbrot modern. Das ­feine, ausge­siebte Mehl war teurer als die damals weitverbreiteten Vollkornmehle – und daher eher die ­Speise einer gut betuchten Oberschicht. Aktuell ist es in Deutschland modern, gar kein Brot mehr zu ­essen oder sich dazu zu bekennen, Vege­tarier zu sein. Kein Fleisch zu ­essen stehe für Selbstdisziplin, Engagement, Rücksichtnahme, Tier­schutz, vielleicht auch Klimaschutz und Verantwortung, meint der Göttinger Ernährungspsychologe Thomas Ellrott. ­Also ­etwas frech ausgedrückt: ein Besser-­Menschentum.

Besonders Frauen, aber auch Männer, definieren sich oft ­darüber, was sie essen oder nicht ­essen und auch darüber, was sie ­ihrer Familie auftischen, hat Jana Rückert-John beob­achtet. "Wir drücken mit unse­rer Ernährung die Zugehörigkeit zu ­einer bestimmten Schicht aus oder grenzen uns von anderen ab." Was früher der Porsche war, ist ­heute der Einkauf im Biosupermarkt.

Werden wir jetzt gesünder?

Doch macht uns der Hype ums "richtige Essen" wirklich gesünder? Die nackten Zahlen sprechen dagegen. So rechnet das statistische Bundesamt in Wiesbaden vor, dass jeder zweite erwachsene Deutsche übergewichtig ist, 15 Prozent der Kinder gelten als zu dick. Ernährungsbedingte Erkrankungen wie Diabetes Typ 2 breiten sich extrem aus.

Andererseits liefern Studien Hinweise darauf, dass etwa Vegetarier seltener an Darmkrebs erkranken oder dass die Paleo-Diät beim Abnehmen hilft. Der Grund für die positiven Effekte extremer Ernährungsformen sind wahrscheinlich jedoch nicht die absoluten Regeln. "Wir essen weniger Fertigprodukte und naschen nicht mehr so viel zwischendurch, natürlich ist das gesund", bringt es Maike Ehrlichmann auf den Punkt. Zu viele und zu strenge Regeln beim Essen können uns sogar krank machen, ist die Hamburger Ernährungswissenschaftlerin überzeugt. "Ich ar­beite täglich mit Menschen, die Angst davor haben, beim Essen etwas falsch zu machen, die ein schlechtes Gewissen plagt, wenn sie ihre Essregeln nicht erfüllen oder dem Heiß­hunger auf Schokolade nicht auf Dauer widerstehen können."

In Zukunft auf dem Teller: Spiritual Food

Der Hype ums Essen kann leicht aus dem Ruder laufen. Jana Rückert-­John vergleicht die Beliebtheit extremer Esstrends mit einer Religion. Es kursieren so viele unterschiedliche Ernährungsempfehlungen, die sich teil­weise sogar widersprechen. "Extreme Esstrends sind hier auch ein Versprechen, diese Komplexität zu reduzieren", sagt Jana Rückert-John, gemäß der Devise, iss das und meide jenes, und du bist auf der ­sicheren Seite.

Die Wiener Ernährungswissenschaftlerin und Trendforscherin ­Hanni ­Rützler bezeichnet diesen Trend als Spiritual Food. Religion und Moral ­finde zunehmend auf unserem Teller statt, schreibt Rützler in ihrem aktuellen Food-Report 2016. Die nächsten Spielarten dieses Trends würden "koscher" und "halal" sein, prognostiziert die öster­reichische Ernährungsexpertin. Die religiösen Regeln der Nahrungszubereitung bei Juden und Muslimen seien inzwischen auch bei nichtreligiösen Großstädtern in den USA beliebt, beschreibt Rützler die ersten Anzeichen des neuen Trends.

Realität beim Familienessen: Wenig Zeit zum Kochen

Die deutsche Essrealität spiegeln die medial aufgeputschten Trends nicht wider. Vegetarische Ernährung mag angesagt sein, der Fleischkonsum ist in Deutschland in den vergangenen Jahren dadurch aber nicht gesunken. ­Eine aktuelle Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) zeigt, dass wir in das Thema Ernährung zwar viel Hysterie, aber relativ wenig Zeit investieren. So verbringen die Bundesbürger pro Woche im Schnitt nur fünfeinhalb Stunden mit Nahrungszubereitung. Gerade in Familien, in denen beide Eltern arbeiten, bleibt wenig Zeit, um frisch zu kochen, und schon gar nicht, um ständig neue Ess­trends auszuprobieren. Die Prioritäten vieler Eltern sind klar: Sie wollen sich einigermaßen gesund und günstig ernähren, ohne dafür lange in der Küche zu stehen.


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