Mein Sohn, der Vegetarier

„Ab heute bin ich Vegetarier“, verkündete der 9-jährige Sohn unserer Autorin Katja Töpfer vor zwei Jahren. Ist der Verzicht auf Fleisch wirklich gut für Kinder?

von Katja Töpfer, aktualisiert am 12.01.2016

Obst und Gemüse statt Fleisch: Das klingt zunächst gesund. Aber ist das wirklich so?

Thinkstock/Howard Shooter

Als er drei war, pflegte mein Sohn Henry ein wenig emotionales Verhältnis zu Tieren. Ich erinnere mich an einen Ausflug in den Wildpark. Hühner in farbenprächtigen Federn, Ziegen und Rehe, die uns das Tierfutter aus den Händen schleckten. Vor jedem Tier stellte Henry die gleiche Frage: "Kannst Du das auch mal kochen?" Heute ist Henry neun Jahre alt und Vollblut-Vegetarier: Er lässt die Gummibärchen beim Tantenbesuch heimlich in der Hosentasche verschwinden, weil da Gelatine drin ist. Er achtet darauf, dass sein Veggie-Essen ja nicht mit dem gleichen Löffel umgerührt wird, der eben noch im Gulasch steckte.


Fleischfrei in der Fastenzeit: Sind wir Eltern schuld?

Es fing damit an, dass mein Mann und ich vor einigen Jahren in der Fastenzeit auf Fleisch verzichteten und stärker hinterfragten, was da als Schnitzel, Würstchen und Co. so auf unserem Teller landet. Ferkel, die ohne Betäubung kastriert werden, geschredderte Küken, Puten, die sich in den engen Ställen gegenseitig verletzen. Fressen, Leiden, Sterben im Akkord, das Kilo für 6,99 Euro.

Das Thema "Tiere essen" war gesetzt, auch durch unser Umfeld. An den Elternabenden im Kindergarten trafen die "Nur Bio"-Unternehmensberater-Eltern auf die palästinensische Großfamilie (halal, kein Schwein) und die vegane Sozialpädagogin. Irgendwann wurden den Erziehern die Essensdiskussionen zu bunt, der Kindergarten wurde zur fleischfreien Zone. Später, in der Schule, indoktrinierte Arthur meinen Sohn zum Fleischverzicht. Arthur war Zweitklässler in Henrys Mittagsbetreuung und behütetes Einzelkind von überzeugten Veggie-Verfechtern. Während er beim Mittagessen Nudeln ohne alles aß, machte er den anderen die Bolognese madig. Er war es auch, der Henry über Schweine in Gummibärchen aufklärte.

Vegetarier als Kind: Familie passt sich an

Irgendwann vor etwa zwei Jahren mutierte Henry vom Ab-und-zu-Würstchen-Esser zum Vollzeitvegetarier. Das hat auch das Essverhalten unserer Familie verändert. Weil ich keine Zeit für Extra-Würste habe, koche ich fast nur noch vegetarisch. Auf Salami und ab und zu ein Steak mag der Rest der Familie jedoch nicht verzichten. Wenn wir Lust auf Fleisch haben, gönnen wir uns das, ob es Henry nun passt oder nicht.

Laut den Angaben des Vegetarier Bundes (Vebu) Deutschland verzichten inzwischen zehn Prozent der Deutschen auf Fleisch, rund 900.000 leben vegan und verzichten auf alle Produkte tierischen Ursprungs. Es liegen bisher keine verlässlichen Zahlen vor, wie viele Kinder diese Ernährungsform praktizieren. Vebu-Geschäftsführer Sebastian Joy schätzt, dass sich bereits fünf Prozent der Jungen und 15 Prozent der Mädchen in Deutschland vegetarisch ernähren.

Ob im Ethikunterricht oder in Kindersendungen – die Frage, wie wir mit Tieren umgehen, beschäftigt Kinder. Viele wissen, dass das Schnitzel auf ihrem Teller mal ein Kälbchen war und kennen die furchtbaren Bilder der Massentierhaltung. Das ist gut so und mehr als ein medial inszenierter Trend, der irgendwann wieder abebbt.

Ist fleischfreie Kost für Kinder gesund?

Weniger Fleisch essen ist die eine Sache, aber ganz darauf verzichten – ist das für Kinder gesund? Bisher gibt es nur sehr wenige Studien, die untersuchen, welche Auswirkungen der Fleischverzicht auf die Gesundheit und die Entwicklung von Kindern hat, bemängelt Markus Keller. Das will der Ernährungswissenschaftler und Leiter des Instituts für alternative und nachhaltige Ernährung (IFANE) in Gießen ändern. 2015 haben er und sein Team eine Online-Studie mit vegetarisch und vegan ernährten Kindern durchgeführt. Das Ergebnis: Etwa 25 Prozent der vegetarisch oder vegan ernährten Kinder unter zwei Jahren waren im Vergleich zu Mischköstlern in ihrer Altersgruppe sehr leicht und klein.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) stuft eine vegetarische Ernährung jedoch auch für Kinder als geeignete Dauerkost ein. "Wenn Fleisch nicht einfach weggelassen, sondern durch eine ausgewogene pflanzliche Kost ersetzt wird, ist eine vegetarische Ernährung auch für Kinder in Ordnung", sagt Isabelle Keller von der DGE. Gesundheitliche Probleme wie etwa Übergewicht resultierten eher aus einem zu hohen als einem zu niedrigen Fleischverzehr, ist Keller überzeugt. Die Daten der bundesweiten Kiggs-Studie geben ihr Recht. Sie zeigen, dass fast 80 Prozent der Jungen und über 60 Prozent der Mädchen zwischen 3 und 13 Jahren deutlich mehr Fleisch und Wurst essen, als von den Fachgesellschaften empfohlen wird.

Eltern sollten Nährstoffmangel vorbeugen

Bei einer ausgewogenen Ernährung müssen vegetarisch lebende Kinder laut Isabelle Keller keinen Nährstoffmangel befürchten. Milchprodukte, Eier, Hülsenfrüchte, Getreide und Nüsse seien gute pflanzliche Eiweißquellen, so Keller weiter. Anders bei einer rein veganen Ernährung. Diese sei für Kinder nicht empfehlenswert, da hier große Versorgungslücken bei essenziellen Nährstoffen entstehen könnten.

Allerdings sollten auch vegetarische Eltern bei ihrem Nachwuchs ganzu besonders auf eine ausreichende Versorgung mit Jod, Omega-3-Fettsäuren, Vitamin B12 und Eisen achten. Letzteres steckt zum Beispiel in Vollkorngetreide und Hülsenfrüchten. Auch einzelne Gemüse, wie Fenchel, Rote Bete und Feldsalat enthalten Eisen. Zwar ist pflanzliches Eisen weniger gut verwertbar als tierisches. In Verbindung mit einem Vitamin-C-haltigen Saft kann es der Körper aber besser aufnehmen. Leinsamen, Walnüsse und Raps sowie daraus hergestelle Öle sind reich an Omega-3-Fettsäuren. Neben jodiertem Speisesalz können auch Milchprodukte zur Jodversorgung beitragen.

Auch auf die Zinkversorgung sollten Vegetarier achten. Der Grund: In pflanzlicher Nahrung steckt viel Phytinsäure. Diese geht mit Zink unlösbare Verbindungen ein, sodass die Aufnahmefähigkeit für das Spurenelement sinkt. Eventuell ist es sinnvoll, Zink zusätzlich einzunehmen. Lassen Sie sich dazu vom Arzt oder Kinderarzt beraten. Auch die Versorgung mit Vitamin B12 (Cobalamin) kann unzureichend sein, da es fast ausschließlich in Fleisch und Fisch sowie in geringen Mengen in Milchprodukten steckt. Eine vegane Ernährung, die ganz auf tierische Produkte verzichtet, ist laut der DGE für Kinder nicht geeignet.

Jährliche Blutanalyse beim Arzt empfohlen

Vorsichtshalber sollten Eltern von Kindern, die vegetarisch essen, das Blut einmal jährlich auf Mangelerscheinungen hin untersuchen lassen, empfiehlt der Vebu. Mein Sohn Henry ist ein Vorzeige-Vegetarier, der gerne Gemüse, Nüsse, Hülsenfrüchte, Milch und Eier verputzt. Trotzdem ist Henry oft blass und infektanfällig, auffällig sind auch seine ständig rissigen Lippen. Vor kurzem haben wir beim Kinderarzt sein Blut untersuchen lassen. Er hatte einen starken Eisenmangel. Besorgt bin ich deswegen nicht, einen Eisenmangel kann man ausgleichen, wenn er kein Fleisch essen will, muss er eben entsprechende Ergänzungspräparate einnehmen. Ich persönlich glaube jedoch, dass ihm ein saftiges Steak ab und zu ganz gut tun würde.



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Bildnachweis: Thinkstock/Howard Shooter
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