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Das richtige Gewicht bei Babys und Kindern

Ihr Kind hat in letzter Zeit ziemlich zugenommen? Das muss noch kein Grund zur Besorgnis sein: In den ersten Lebensjahren pendelt sich das Gewicht erst ein. Wie Sie herausfinden, ob sich Ihr Kind normal entwickelt


Bei den Vorsorgeuntersuchungen misst und wiegt der Kinderarzt Ihr Kleines

Zierlich als Neugeborenes, stämmig als Säugling und drahtig im Kindergartenalter – unser Nachwuchs geht in den ersten Lebensjahren regelrecht durch dick und dünn. Dass der Körperfettanteil in dieser Zeit stark schwankt, gehört zur normalen Entwicklung eines Kindes. Doch wann wird klar, ob das Kleine später eher schmal oder kräftiger sein wird? „Die Gewichtstendenz zeigt sich mit etwa zwei Jahren“, sagt Professor Martin Wabitsch, Leiter der Hochschulambulanz für Wachstum und Adipositas der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin der Universität Ulm. „Bis dahin werden die mütterlichen Einflüsse aus der Schwangerschaft teilweise ersetzt durch die biologischen Anlagen des Kindes und dessen Ernährung.“

Welcher dieser beiden Faktoren – die Gene oder die Nährstoffzufuhr in der Schwangerschaft und den ersten Lebensjahren – das Gewicht eines Menschen hauptsächlich prägt, darüber diskutieren Wissenschaftler noch. „Sehr wahrscheinlich spielen die Gene die bedeutendere Rolle“, sagt Wabitsch, der auch Vorstandsmitglied der Deutschen Adipositasgesellschaft ist.


Übergewicht in der Schwangerschaft: Gefahr für das das Kind

Eine besorgniserregende Entwicklung ist, dass sowohl die Gewichtszunahme bei Frauen während der Schwangerschaft als auch das Geburtsgewicht der Neugeborenen seit Jahren kontinuierlich ansteigen. Wiegt die werdende Mutter zu viel, gibt sie die erhöhte Nährstoffzufuhr an das Kind weiter, sodass es stärker zunimmt. Ein hohes Geburtsgewicht wiederum gilt als Risikofaktor für Übergewicht im späteren Leben des Kindes. „Es besteht aber nur ein geringfügiger Zusammenhang“, sagt Wabitsch. „Das Risiko ist um weniger als fünf Prozent erhöht.“ Ist die Schwangere adipös (fettsüchtig), heißt das jedoch nicht unbedingt: Das Kind bekommt genügend oder zu viele Nährstoffe. „Es besteht auch ein größeres Risiko für eine Mangelgeburt“, erklärt Wabitsch. Das liege daran, dass bei übergewichtigen Schwangeren Stoffwechselstörungen wie Diabetes mellitus auftreten können, infolge derer die Versorgung des Kindes regelrecht zusammenbrechen kann. Ein Nährstoffmangel beim Ungeborenen ist die Folge.

Langfristige Entwicklung des Gewichts betrachten

Trotz der genetischen Anlagen und der Programmierung im Mutterleib ist ein zu hohes oder zu niedriges Gewicht nicht einfach Schicksal, sondern in der Regel beeinflussbar. Also was tun, wenn das Gewicht des Kindes entgleist? Zunächst sollten Eltern nicht überreagieren. Denn ob Über- oder Untergewicht vorliegt, muss ein Arzt feststellen. Bei den Vorsorgeuntersuchungen U1 bis J1, die in den ersten Lebenswochen engmaschig und später in größeren Abständen stattfinden, wird das Kind unter anderem gemessen und gewogen. Diese Werte trägt der Arzt im gelben Vorsorgeheft ein – genau wie den Body Mass Index, der das Verhältnis von Gewicht und Größe anzeigt. Über mehrere Untersuchungen hinweg bilden die Werte eine Kurve, die der Mediziner mit den schon im Heft eingezeichneten sogenannten Perzentilkurven vergleicht.

Klicken Sie bitte jeweils auf die Lupe, um die Perzentilkurven für Mädchen (pink, oben) und Jungen (blau, unten) genauer anzusehen.


Die mittlere Kurve, die mit P50 bezeichnet ist, gibt das durchschnittliche Gewicht gleichaltriger Kinder an. P75 besagt, dass 75 Prozent aller Kinder in diesem Alter leichter oder genauso schwer sind, wie der entsprechende Wert. P90 gilt als die Grenze für Übergewicht, da 90 Prozent aller Kinder leichter oder genauso schwer sind wie der entsprechende Wert auf der Kurve. P97 ist die Grenze für Adipositas (Fettsucht) und P99,5 für extreme Adipositas. Untergewicht liegt vor, wenn der BMI-Wert unter der P10-Linie liegt.



Perzentilkurven: Werte sollte der Arzt interpretieren

Auch die Interpretation der Kurven übernimmt der Kinderarzt, denn ein einzelner Wert sagt noch nicht viel aus. Der Mediziner berücksichtigt den gesamten Verlauf der Linie, um festzustellen, ob Über-, Unter- oder Normalgewicht vorliegt. „Die Kurven zeigen nicht an, ob das Kind gesund oder krank ist“, sagt Wabitsch. Denn dass das Gewicht von Kindern in den ersten Lebensjahren sowie in der Pubertät stark schwankt, ist vollkommen natürlich. Dies zeichnen die Kurven im Vorsorgeheft nach. Ist das Kind seinem Alter etwas voraus oder hinterher, können sich die Kurven kreuzen – das ist jedoch in vielen Fällen noch kein Grund zur Besorgnis. Ob das Kind auf lange Sicht eher schlank oder kräftig sein wird, zeigt sich mit ungefähr zwei Jahren. Danach sollte sich der BMI immer ungefähr auf derselben Perzentile weiterbewegen. „Der sogenannte Adipositas-Rebound, ein Anstieg des BMI ab dem 5. Lebensjahr, kann ein Indikator für ein erhöhtes Adipositas-Risiko sein“, sagt Wabitsch. Es sei aber keinesfalls immer so, dass das Kind dann später wirklich übergewichtig werde.

Keine Diäten bei Kindern!

Hat der Arzt Über- oder Untergewicht festgestellt, wird er zunächst nach möglichen Gründen dafür suchen. Ist das Kind zu leicht, kann beispielsweise eine chronische Krankheit wie Zöliakie oder Mukoviszidose dahinter stecken, die behandlungsbedürftig ist. Ist er sich seiner Diagnose sicher, legt der Arzt die weiteren Schritte zusammen mit den Eltern fest. Keinesfalls sollten Eltern übergewichtige Kinder eigenhändig auf Diät setzen. Von einer Wachstums- und Gewichtskontrolle zu Hause rät er ebenfalls ab: „Die Waagen sind nicht geeicht, es ist kein Arzt zur Beratung da. Die Leute machen sich so doch bloß verrückt“, so Wabitsch.




Bildnachweis: K. Kromeyer-Hauschild, M. Wabitsch, D. Kunze et al.: Monatsschr. Kinderheilk. (2001), iStock/vasina

Daniela Frank / www.baby-und-familie.de; erstellt am 24.10.2011
Bildnachweis: K. Kromeyer-Hauschild, M. Wabitsch, D. Kunze et al.: Monatsschr. Kinderheilk. (2001), iStock/vasina

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