Wie wichtig ist Musik für Kinder?

Singen, ein Instrument spielen, tanzen – Musik macht gute Laune und fördert die Entwicklung von Kindern ideal
von Sabine Hoffmann, 30.06.2017

Schrecklicher Lärm? Kinder lieben Klangexperimente – und profitieren davon

istock/People Images

Gäbe es keine Musik, wäre unser Leben ganz schön trist. Sind wir traurig, fröhlich, aktiv, nachdenklich oder überschwänglich – für jede Stimmung gibt es die passende Melodie. Die Wirkung von Musik spüren schon Kleine: Weint das Baby, kann ein Lied es beruhigen. Besonders wenn die Melodie den gleichen Takt wie Mamas Herzschlag hat. Den kennt das ­Baby nämlich ganz genau.

"Während der Schwangerschaft hat es Mamas Herz bis zu 28 Millionen Mal schlagen gehört und wurde dabei sanft im Fruchtwasser hin und her gewiegt – das war wie tanzen", sagt Lotte Dietzfelbinger-Roy, Dozentin für Elementare Musikpädagogik an der Hochschule für Musik in Nürnberg. Doch singen, tanzen, musizieren oder Liedern zuhören bringt nicht nur Spaß. Ganz nebenbei fördert es auch die Entwicklung der Kleinen.

Musik liefert ein Rundum-Förderprogramm

"Kinder profitieren von Musik in den unterschiedlichsten Bereichen", sagt Entwicklungspsychologe Andreas Engel von der Bundeskonfe­renz für Erziehungsberatung in Fürth. "Babys, die einer Melodie lauschen, werden dazu animiert, die eigene Stimme zu benutzen, was wiederum ihre Sprachentwicklung fördert", so der Experte. "Wer mit dem Baby auf dem Arm durch den Raum tanzt, schult Takt- und Rhythmusgefühl seines Kindes." Später verbessern sich Gedächtnisleistungen, wenn man Musikstücke auswendig lernt. Grundschüler, die in kleinen Gruppen Instrumente spielen, haben etwa ein besseres Wortgedächtnis.

Und nicht zu vergessen: Musik stärkt die sozialen Kompetenzen. "Egal ob Kinder in der Gruppe ein Musikinstrument lernen oder im Chor singen – sie lernen, miteinander zu kooperieren und Rücksicht aufeinander zu nehmen", sagt Engel. Das Musizieren trainiert auch die Koordination von Motorik und Aufmerksamkeit. Studien zeigen, dass die sprachlichen Fähigkeiten und das logische Denken, etwa in Mathematik, durch Musikunter­richt vor allem in jungen Jahren besonders gut entwickelt werden können. Außerdem baut Musik Stress ab. Umso trauriger ist es, dass immer häufiger der Musik­­unterricht an Schulen ausfällt.

Mit Mama und Papa zusammen experimentieren

Doch wie bringt man den Kleinen die Musik am besten nahe? Und in welchem Alter sollte man damit anfangen? "Kinder sig­nalisieren ihr Interesse für ­­Musik von ganz ­allein", sagt Dietzfelbinger-Roy. Und das fängt schon sehr früh an. Die erste Kommunikation zwischen Mutter und Neugeborenem sind Sprach-Klang-Duette.

Im ­Alter von etwa vier Monaten versucht das Baby nach allem zu greifen, was irgendwie Geräusche macht, etwa nach dem Glöckchen am Kinderwagen. Im Krabbel­alter werfen die Kleinen alles auf den Boden oder schlagen mit dem Löffel auf den Tisch, um den Rums zu hören. Eltern empfinden das manchmal als störend und unterbinden den "Lärm". Die Musikpäda­gogin findet das schade. Denn gerade in diesem Alter besteht die Welt aus unglaublich vielen verschiedenen Klängen, die die Kinder erforschen.

Ihr Tipp: gemeinsame Klangexperimente. Wie klingt der Löffel aus Metall, aus Holz oder aus Plas­tik, wenn man ihn auf einen Topf schlägt? "Dieses gemeinsame Experimentieren zeigt dem Kind, dass es wahrgenommen und verstanden wird, und schon ganz früh wird so das Interesse an Musik gefördert." Klatschspiele machen ebenfalls riesigen Spaß und fördern nebenbei Motorik, Gedächtnis und Rhythmusgefühl. 

Immer weniger Eltern singen mit ihren Kindern

Auch Singen fördert Kinder opti­mal. "Leider singen immer weniger Mütter und Väter mit ­ihren Kindern", sagt Dietzfelbinger-Roy. Dabei macht es den Kleinen viel mehr Spaß, mit Mama oder ­Papa zu trällern als nur passiv Musik zu hören. Eltern können auch mal ­eine Pause machen, ein Wort erklären oder die Lieblingsstrophe dreimal wiederholen.

Viele Mütter und Väter ­trauen sich aber nicht, zu singen – aus Angst, die Töne nicht zu treffen, wie die Musikpädagogin ­Monika Utasi aus Nürnberg in ihren Kursen oft beobachtet hat: "Dabei ist das gar nicht relevant. Haupt­­sache, es wird überhaupt gemeinsam gesungen." In so einem Fall kann es sinnvoll sein, mit dem Kind einen Kurs zu besuchen. So singt Musikpädagogin Utasi mit ihren Kursteilnehmern Kinderlieder, probiert verschiedene Instrumente aus, tanzt oder macht Bewegungsspiele. "Wir wollen bei den Kindern spielerisch die ­Freude an der Musik und am Musizieren wecken, und die Eltern bekommen Ideen und Anregungen, die sie leicht zu Hause umsetzen können", sagt Utasi.

Jeder Mensch hat ein Empfinden für Musik

Ein klassisches Instrument, etwa Flöte, sollten die Kleinen frühes­tens mit sechs Jahren lernen. "Das Instrumentalspiel erfordert ein komplexes Zusammenspiel von Fähigkeiten, über die das Kind im Vorschulalter noch nicht verfügt", so die Musikpädagogin. Und selbst ab dem Schulalter gilt, den Spaßfaktor nie aus dem Auge zu verlieren: "Will das Kind partout nicht üben, wirkt übermäßiger Druck kontraproduktiv." Besser ist es, gemeinsam über das Musikstück zu reden, damit das Kind einen Zugang dazu findet. Es muss auch nicht immer ein Instrument sein. Singen ist eine schöne Alternative.

Dass ein Kind gar kein Inte­resse an Musik hat, ist nach der Erfahrung der beiden Musikpädagoginnen eher die Ausnahme. "Die Gabe des Musikempfindens hat jeder Mensch", sagt Dietzfelbinger-Roy. "Sollte das Kind kein ­Interesse am Musizieren zeigen, bringt es nichts, dies zu forcieren. Vielleicht liebt das Kind dafür Bewegung und wird später, als Erwachsener, eher Musik hören, statt selbst zu musizieren. Das ist dann auch in Ordnung."


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