Wie entwickeln Kinder Resilienz?

Unter Resilienz verstehen Psychologen die Fähigkeit, den Widrigkeiten des Lebens gut zu begegnen. Wie Kinder das lernen
von Anne-Bärbel Köhle, Barbara Weichs, aktualisiert am 28.07.2015

Unter anderem durch eine gute Beziehung zu den Eltern entwickeln Kinder Resilienz

dpa Picture-Alliance / Laura Dos

Herr Professor Fröhlich-Gildhoff, was versteht man unter Resilienz?

Das ist die seelische Widerstandskraft, mit der ein Kind nicht nur seine ­­Entwicklungsaufgaben, sondern auch Krisen meistert. Das können Armut oder Arbeits­losigkeit in der Familie sein, aber auch extreme Erfahrungen wie Gewalt oder der Verlust eines Elternteils.

Was zeichnet denn ein ­resilientes Kind aus?

Studien zeigen, dass es insgesamt sechs Fähigkeiten sind. Ein resilientes Kind ist sich erstens über seine Gefühle bewusst und kann auch die Gefühle seines Gegen­übers erkennen. Es kann zweitens seine Gefühle regulieren, kontrollieren oder sich Hilfe dafür holen. Drittens: Es kennt zudem ­seine Fähig­keiten und Stärken. Viertens: Es kann mit anderen Menschen Kontakt aufnehmen und sich in sie hineinversetzen. Es behauptet sich selbst, scheut sich aber auch nicht, Hilfe zu holen, wenn nötig. Ein resilientes Kind kann – fünftens – Probleme lösen und sich ­dafür Strategien überlegen, die es auch auf andere Situationen übertragen kann. Und es weiß – sechstens – mit Stress umzugehen. Es gibt jedoch ­keine generelle Resi­lienz, das heißt, ein Kind ist nie in allen Lebens­bereichen gleich stark. Es kann zum Beispiel sehr gut in der ­Schule sein, sich aber schwertun, auf Altersgenossen zuzugehen.


Prof. Dr. Klaus Fröhlich-Gildhoff leitet das Zentrum für Kinder- und Jugendforschung an der Evangelischen Hochschule Freiburg

W&B/Privat

Wie erlangt ein Kind ­diese innere Stärke?

Resilienz ist nicht angeboren. Sie entwickelt sich vielmehr im Zusammenspiel zwischen einem Kind und den Erwachsenen, die es umgeben. Sie ist also das Ergebnis von sehr engen Beziehungen. Je nachdem, welche Lebenserfahrungen ein Kind macht, bildet sich seine seelische Widerstandskraft schwächer oder stärker aus. ­Eine wichtige Rolle übernimmt dabei die Bindung, die es zu seinen engsten Bezugspersonen, in der Regel Mutter und Vater, hat.

Resilienz ist also lernbar?

Ja, genau. Dafür braucht das Kind aber feinfühlige Bezugspersonen, die seine Signale wahrnehmen, verstehen und prompt und angemessen darauf reagieren. Zudem muss ein Kind Wertschätzung erfahren und er­leben, dass ihm etwas zugetraut wird. Mit dieser Unterstützung gelingt es Kindern, sich weiterzuentwickeln und mit Selbstvertrauen durchs Leben zu gehen.

Das bedeutet viel Verantwortung für die Eltern. Setzt sie das nicht sehr unter Druck?

Das stimmt. Aber Eltern dürfen Fehler machen, denn es kommt nicht so sehr auf Einzelhandlungen an, sondern auf die gesamte Atmosphäre in der Familie und in den Beziehungen. Ein Beispiel: Eine Mutter brüllt ihr Kind einmal an, worauf dieses zu weinen anfängt. Nimmt die Mutter ihr Kind daraufhin in den Arm und trös­tet es, erkennt sie seine Traurigkeit beziehungsweise Angst an. Außer­dem signalisiert sie, dass dieses Gefühl eine angemessene Reaktion auf ihr Verhalten ist.

Würde nicht jede ­Mutter ­instinktiv so handeln?

Nicht zwingend. Ich stelle fest, dass Eltern heutzutage massiv verunsichert sind im Umgang mit ­ihren Kindern. Mein Rat: Handeln Sie ein Stück weit intuitiv, und bleiben Sie mit ­Ihrem Kind in Kontakt. Kinder brauchen eine Mischung aus Wärme und Zu­trauen sowie Interesse und Kontrolle.

Sind Eltern denn alleine für die Resilienz ihres Nachwuchses verantwortlich?

Nein. Natürlich haben Eltern ein hohes Maß an Verantwortung, denn sie sind über viele Jahre die wichtigsten Bezugspersonen. Ich plädiere aber sehr dafür, diese Verantwortung zu teilen, zum Beispiel mit den Erzieherinnen im Kindergarten. Früher, als Kinder meist in Großfamilien aufwuchsen, ist das automatisch passiert. Sinnvoll ist es auch, das ­eigene Erziehungsverhalten immer wieder zu reflektieren und sich mit dem Partner oder mit Freunden darüber auszutauschen.

Nun kann aus den verschiedensten Gründen der Start ins ­Leben holprig sein. Lässt sich ­Resilienz auch später noch lernen?

Ja, zum Glück! Unser Gehirn und damit unsere Seele ist lern- und entwicklungsfähig. Nehmen wir folgendes Beispiel: Hat eine Frau während der Schwangerschaft viel Stress, kann es sein, dass ihr ­Baby nach der Geburt sehr unruhig ist. Mutter und Kind haben dadurch Schwierigkeiten, sich aufeinander einzustellen: Das Baby kann eine Regulationsstörung entwickeln, es zeigt zum Beispiel kein alters­entsprechendes Schlafverhalten. Mit viel Zeit und Geduld kann es gelingen, diese Störung zu überwinden. Generell lässt sich sagen: Viel ist kompensierbar. Es können auch andere Erwach­sene als die Eltern, eine Tante ­etwa, ­eine Erzieherin oder ein Trainer, ausgleichend wirken. Je ­älter ein Kind ist, umso schwieriger und aufwendiger wird es jedoch.

Welche Eltern brauchen Kinder?

Eltern, die ihren Nachwuchs im Blick haben. Ich rate, immer wieder die sechs Resilienzfaktoren durchzugehen und zu schauen: Wo steht mein Kind? Wo kann ich es noch unterstützen? Ein Sechsjähriger etwa, der immer noch, wie im besten Trotzalter, von null auf 180 hochgeht, muss lernen, anders mit seiner Wut umzugehen. Ihm zu sagen, dass er sich nicht so aufregen soll, bringt nichts, denn genau das kann er nicht. ­Eltern sollten ihn stattdessen fragen: Was fühlst du, wenn du so ­wütend bist? Welche Gedanken hast du dabei? Dann kommt es darauf an, ein Ritual zu finden, mit dem er ­seine Wut besser kanalisieren kann – zum Beispiel indem er in Momenten starker Erregung ­eine Faust in der Hosentasche ballt.



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