Wie Kinder Trauer verarbeiten

Stirbt ein geliebter Mensch, brauchen gerade Kinder besonderen Beistand. Trauerbegleiter des Vereins „Lacrima“ helfen, den Schmerz zu überwinden
von Barbara Weichs, 01.08.2017

Lachen oder weinen? Kinder trauern anders als Erwachsene

W&B/photocase

Es war während eines Zeltlagers vor 16 Jahren. Tobias Rilling, Leiter des Trauerzentrums "Lacrima" in München, damals als Diakon bei der Evangelischen Jugend tätig, hatte einen Jungen in seiner Gruppe, der die Nächte durchweinte. Dass nicht Heimweh dahintersteckte, merkte Rilling erst nach einigen Tagen. Im Gespräch erzählte ihm der Junge vom Tod seines Vaters, der gerade einmal eine Woche her war.

Die Mutter hatte gehofft, dass die Zeit mit seinen Freunden ihren Sohn ablenken würde. "Und der Junge traute sich nicht zu sagen, dass ihm danach der Sinn gar nicht steht. Er wollte die Mama nicht belas­ten", erzählt Tobias Rilling. Um ihm zu helfen, initiierte der Diakon eine Fackelrunde: Jedes Kind sollte ­eine Fackel für etwas entzünden, das es verloren hatte. "Als die anderen hörten, dass der Vater dieses Jungen gestorben war, hat er eine Solidarität erfahren, die mich umgehauen hat. Es war unglaublich, wie er getrös­tet wurde und wie gut ihm das tat", sagt Tobias Rilling.

Verständnis anderer Kinder tröstet Betroffene

Für den Diakon, der bis dahin noch nie erlebt hatte, wie der Tod eines nahestehenden Menschen auf Kinder wirkt, war dies ein Schlüsselerlebnis. Er sah, dass die anderen Kinder das Unaussprechliche verstanden und dieses Verstandenwerden den Jungen unwahrscheinlich tröstete. Und er erkannte, dass der hinterbliebene Elternteil mit der Situation überfordert ist. "In ­ihrem eigenen Schmerz können ­Eltern ihr Kind nicht gut auffangen", sagt Rilling. Als er vom Zeltlager zurück in München nach einer Einrichtung suchte, die dem Jungen und seiner Mutter helfen könnte, fand er nichts Entsprechendes.

Tobias Rilling leitet das Trauerzentrum "Lacrima" in München

/Johanniter / Birte Zellentin

"Mehr Wink mit dem Zaunpfahl brauchte ich nicht", erinnert sich der 51-jährige Münchner, der mit seiner theologisch-seelsorgerischen Ausbildung als Diakon selbst vom Fach ist. Er erarbeitete ein Konzept zur Trauerbegleitung von Kindern und gründete im Jahr 2002 "Lacrima" (lateinisch für Träne). Das Angebot richtet sich an Sechs- bis Zwölfjährige, deren Mutter, ­Vater, Bruder oder Schwester gestorben ist. Alle zwei Wochen treffen sich die Kinder in Gruppen und verbringen einen Nachmittag zusammen. Ehrenamtliche Trauer­begleiter betreuen sie dabei. Seit 2007 ist "Lacrima" ein Dienst der Johanniter, mittlerweile mit Gruppen in ganz Deutschland. Das Angebot kostet die Teilnehmer nichts.

Trauer ist häufig ein Tabuthema

"Lacrima" beruht auf dem Grundgedanken, dass Trauer in eine Gemeinschaft gehört. "Trauer ist ja keine Krankheit, für die es ­eine Therapie braucht", sagt Rilling. Vielmehr zählt sie zu den Basis­emotionen: Wir trauern, um mit dem Verlust des geliebten Menschen klarzukommen. In unserer Gesellschaft gibt es dafür jedoch kaum Platz. Trauer ist ein Tabu­thema. "Wir haben verlernt, mit ihr umzugehen. Es gibt keine Rituale mehr dafür", so Rilling. Wenn die Trauer jedoch auf ­Dauer unterdrückt wird, macht sie einen krank. Wer sich ihr stellt – egal ob Erwachsener oder Kind –, lernt, mit ihr und dem Verlust des Familienangehörigen umzugehen. Die ­Trauer kann so nicht das weitere Leben behindern. "Die Kompetenz dazu trägt jedes Kind in sich", sagt Tobias Rilling. Bei "Lacrima" bekommen sie die Unterstützung, die diese Kompetenz freilegt.

Kinder trauern anders als Erwachsene

Die meisten Eltern können das nicht leisten, kämpfen sie doch selbst mit der Situation. In ihrer Gegenwart meinen Kinder, sich zusammenreißen zu müssen, nicht weinen zu dürfen, um Mama oder Papa nicht zusätzlich zu belasten. "Sie spielen eine Rolle und werden mit ihren Bedürfnissen nicht wahrgenommen", sagt Rilling. Verstörend wirkt auf Eltern zudem, dass ein trauerndes Kind nicht nur weint oder niedergeschlagen ist – auch wenn sich die Trauer wie ein Teppich über es legt. "Kinder springen immer wieder unter dem Teppich hervor. Sie sind dann auch fröhlich, wütend oder aggressiv. Sie zeigen Emotionen, die nicht unbedingt sofort auf ­Trauer hinweisen – und oft wechseln die Stimmungslagen ganz schnell." Kinder hüpfen in die Trauer rein und wieder raus.

Auch deshalb tut es trauernden Kindern so gut, in ihrem Schmerz auf Gleichaltrige zu treffen, die ebenfalls einen Familienangehörigen verloren haben. "Kinder haben eine eingeschränkte Sicht­weise. Sie glauben, dass sie mit dem Schicksal alleine auf der Welt sind", erklärt der Diakon. Mädchen und Jungen zu erleben, die genau dasselbe durch­machen, entlastet – und hilft, die eigene Trauer zu entdecken. Sie beobachten: Wie trauert der? Wie ich? Warum macht der es so? "Dieses Abgleichen in der Solidaritätsgemeinschaft zeigt Wege auf", sagt Rilling.

Verein hilft betroffenen Kindern bei der Trauerbewältigung

Ihre Treffen bei "Lacrima" beginnen die Kinder mit einem besonderen Ritual: Eines nach dem anderen zündet eine Kerze an und sagt in die Runde, für wen es das macht. Nicht jedes Kind schafft das, viele fürchten sich anfangs vor ihrer Gefühlsreaktion. Und das ist in Ordnung. Sie spüren aber mit der Zeit, dass es guttut, wenn sie diesen Gefühlen Raum und Zeit geben. "Sie tun dann nämlich nicht mehr so weh", sagt der Diakon. Ganz wichtig für ihn und die anderen Trauer­begleiter: die Kinder zu nichts zu zwingen. "Wir reichen ihnen die Hand und bieten ihnen eine halbe Brücke an, um sie über den Fluss zu retten. Wenn sie uns ihre Hand geben, bauen sie die Brücke fertig", sagt Rilling. Und verlieren damit die Angst vor der Trauer.

Doch wie kann das gelingen? Sich einfach zusammen hinsetzen und darüber reden? "So läuft es bei Erwachsenen. Kinder können mit Gesprächsangeboten aber nichts anfangen. Sie brauchen andere Angebote, um ihre Trauer auszu­­drücken. Sie tun das im Spielen, im Tun", erklärt der Diakon. Die verschiedenen Räume bei "Lacrima" bieten ihnen dazu Gelegenheit: Es gibt einen Kreativraum, in dem sich Kisten mit Bastelmaterial in den Regalen stapeln. Der Toberaum ist mit blauen Matten ausgekleidet, ein Boxsack hängt von der Decke, Bälle, Rollen und Würfel aus Schaumstoff liegen herum. Im Ruheraum warten ein Sofa, Sitz­säcke, Bücher und CDs mit ruhiger Musik. Nach dem Kerzenritual entscheiden die Teilnehmer selbst, wo sie den Nachmittag verbringen möchten. Betreuer begleiten sie dabei – immer einer zwei Kinder. So können sie schnell reagieren, wenn ein Kind Signale sendet und sich die Möglichkeit bietet, miteinander ins Gespräch zu kommen. 

Ob beim Basteln, Snoozeln oder Kicken im Toberaum: "Wir versuchen das, was wir hören oder sehen, mit Worten zu spiegeln, zu interpretieren und zu kommentieren", erklärt Rilling. Darauf reagiert das Kind, erklärt oder korrigiert. Dass es zum Beispiel gerade nicht ein Männlein malt, sondern den Papa. Und der steht auch nicht nur auf einer Wiese, sondern mäht den Rasen. "So nehmen wir das Kind an der Hand und führen es in die Trauer rein", sagt Rilling. Und nutzen dann die Chance, gemeinsam mit ihm über den Verstorbenen zu sprechen – über das vermeintlich Unaussprechliche. "Reflektieren im Spielen, so sieht die Trauerarbeit mit Kindern aus", erklärt der Diakon.

Eltern werden gleichzeitig begleitet

Parallel zu den Kindern finden sich auch die betroffenen Eltern in einer Gruppe zusammen. "Das ist wichtig, denn die Kinder haben extreme Verlustängste. Sie müssen wissen: Die Mama oder der Papa sind da, ich kann sie oder ihn jederzeit sehen, wenn mir danach ist", erklärt Tobias Rilling. Zudem helfen sie so ihrem Kind. Erlebt es, dass sich Mutter oder Vater der Trauer stellt und ebenfalls einen Prozess durchmacht, erscheint ihm das auch für sich als der richtige Weg.

Ziel der Trauerbegleitung ist, das System Familie, dem ein brutaler Einschnitt widerfahren ist, zu stärken. "Natürlich verschwindet die ­Trauer nie ganz, doch sie wandelt sich. Und die Verbindung zum Verstorbenen bleibt", sagt Rilling. Gemeinsam mit den Kindern und Erwachsenen entwickeln die "Lacrima"-Mitarbeiter Ideen und Strategien, die dabei helfen können. Dass man zum Beispiel durchaus an einem Ort Urlaub machen kann, der die Hinterbliebenen an den Verstorbenen erinnert. "Natürlich tut das erst mal weh. Aber dann heult man eben drei Tage, und dann kann man es auch aushalten." Und im nächsten Jahr ist die Hürde, den Urlaub wieder dort zu verbringen, nicht mehr so groß.

Zweieinhalb bis drei Jahre bleiben die Familien im Schnitt bei "La­crima". 95 Prozent der interes­sierten Betroffenen, die zu den Schnuppertagen kommen, entscheiden sich, an einer Gruppe teilzunehmen. "Den Weg durch das Tal der Trauer muss jeder selbst gehen. Wir begleiten dabei", sagt der Diakon. Das Grundvertrauen mag durch den Tod eines geliebten Menschen erschüttert sein – doch die Erfahrung von Tobias Rilling zeigt: "Die meisten Kinder kommen wieder ins Lot."

Prof. Dr. Martina Plieth von der Evangelischen Hochschule Nürnberg

/Antonia Schaffrien

Was denken Kinder über den Tod?

Um herauszufinden, wie sich Kinder Sterben und Tod vorstellen, lässt Martina Plieth, Professorin an der Evangelischen Hochschule in Nürnberg, diese zeichnen.

Wie stellen sich Kinder denn den Tod vor?

Martina Plieth: Anders als wir Erwachsene. Tote sind für sie verdünnte Persönlichkeitsreste. Das heißt: Die Toten sind zwar weg, aber nicht ganz, sie leben noch ein bisschen. Sie können noch sprechen, aber nur leise. Sie können noch laufen, aber nicht so schnell. Selbst Kinder im Grundschulalter glauben noch, dass der Zustand des Totseins ein vorübergehender ist. Die einzige Ausnahme: Der Verstorbene kam gewaltsam ums Leben. Dann ist er unwiederbringlich tot, was ja der Vorstellung von uns Erwachsenen entspricht.

Haben Mädchen und Jungen unter­schiedliche Vorstellungen?

Ja. Jungen interessieren sich generell vor allem für das, was unter der Erde passiert (siehe Bildergalerie), und Mädchen für das, was oberirdisch erfolgt (siehe Bildergalerie). Grundschulkinder zeigen den Tod als machtvolle und – die meis­ten von ihnen – als geschlechtsneutrale Person, die einfach eingreift. Wenn Jungen in dem Alter dem Tod ein Geschlecht geben, dann das männliche. Das ist ihre Art, sich mit dem Tod auf eine Ebene zu stellen. Sie stellen sich so vor, dass der Tod mit sich handeln lässt. Mädchen malen den Tod oft mütterlich. Die Frau Tod, sagen sie, kümmert sich um den Verstorbenen und kocht ihm etwas.

Warum lassen Sie Kinder malen?

Das Malen ist ein Brückenmedium. In den Bildern stecken viele Gefühle. Worte sind für Kinder sehr abstrakt, sie können damit nicht ausreichend ausdrücken, was sie sagen wollen. Über die Zeichnungen komme ich mit ­­ihnen ins Gespräch.

Eine Möglichkeit auch für Eltern?

Auf jeden Fall! Allerdings kann das nur der erste Schritt sein, es muss dann noch mehr passieren. Wichtig ist, sich über die Ergebnisse von Malprozessen auszutauschen – unzensiert und offen über die Gedanken und Gefühle zu sprechen und diese auch anzuerkennen.

Warum beschäftigen Sie sich so ­intensiv mit diesem Thema?

Ich bin bei meinen Großeltern aufgewachsen und habe beide früh verloren. Verlust war für mich schon immer ein bedeutsames Thema. Die meisten Menschen, die sich intensiv mit Sterben, Trauer und Tod beschäftigen, tun dies meiner Erfahrung nach aufgrund persönlicher Erlebnisse.


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