Was tun, wenn das Kind stottert?

Ist das Kind älter als sechs Jahre alt und sein Redefluss auffällig oft unterbrochen, sprechen Experten von Stottern. Wie Kinder und Eltern lernen, mit der Sprachstörung umzugehen

von Barbara Weichs, aktualisiert am 25.06.2015

Ausreden lassen und zuhören: Das kann einem Kind mit Sprachstörung helfen

W&B/Sabine Dürichen

Marco war knapp vier ­Jahre alt, als er zu stottern begann. „Auf einmal wiederholte er immer wieder die erste Silbe von Wörtern“, erinnert sich ­­Vivienne L., die Mutter des heute 12-jährigen Jungen aus Taufkirchen bei München. Anfangs, so erzählt sie, hätten sie und ihr Mann Matteo S. das gar nicht als Stottern wahrgenommen, viele Kinder in dem Alter sprachen so. Auch Marco, seinen beiden älte­ren Schwestern und den Freunden im Kindergarten fielen die Sprachunflüssigkeiten nicht besonders auf.

Erst als immer mehr Erwachsene­ die Sprechweise thematisierten, wurde dem Jungen bewusst, dass bei ihm ­etwas nicht stimmt. Von dem Zeitpunkt an kam ­etwas Neues zum Stottern hinzu: „­Immer wenn ­Marco gesprochen hat, ist er dabei von einem Bein aufs andere getänzelt.“ Ganz so, als müsse er auf die Toi­lette. Dabei war das Tänzeln der Versuch des Jungen, gegen das unflüssige Sprechen anzukämpfen – eine typische Reaktion.

Oft geht das Stottern von selbst weg

Stottern bedeutet nämlich ­einen Kontrollverlust. „Das Kind weiß, was es sagen will, kann es aber nicht, weil sein Sprechwerkzeug den Befehl zu sprechen nicht erhält“, erklärt Georg Thum, akademischer Sprachtherapeut in München. Dann kann es zu unfreiwilligen Laut- und Silbenwiederholungen kommen („und und und“, „Ka-Ka-Katze“), Dehnungen von Lauten („Mmmmmaus“) oder Blockierungen (der Laut ist nicht zu hören, obwohl sich der Mund zum Beispiel für ein „a“ öffnet).

Etwa fünf Prozent aller Kinder zwischen zwei und sechs Jahren stottern, Jungen deutlich öfter als Mädchen. „Bei 80 bis 85 Prozent der Betroffenen geht das Stottern von selbst wieder weg“, sagt Thum. Alle anderen haben die Sprachstörung ein Leben lang, denn sie ist nicht heilbar. Vorhersehen, wie sich die Störung entwickelt, können Experten nicht. Allerdings helfen Therapien, das Sprechen flüssiger zu machen. „Ziel ist außer­dem immer, das Kind so zu stärken, dass es souverän mit dem Stottern umgeht.“


Wie Eltern helfen können

Denn Stottern wird häufig von Symptomen begleitet, die eine Reaktion auf den Kontrollverlust beim Sprechen sind. „Diese Begleitsymptomatik macht das Stottern für das Gegenüber erst auffällig“, sagt Diplom-Logopädin Dr. Patricia Sandrieser, Stotterexpertin vom Katholischen Klinikum ­Koblenz-Montabaur. Und diese Symptome führen zu einer Stigma­tisierung des Kindes, das dadurch zum Außenseiter werden kann. Auch Vivienne L. hatte sofort Bilder von stotternden Menschen aus ihrer Kindheit im Kopf, als sie bei Marco bemerkte, wie er gegen das unflüssige Sprechen ankämpfte. „Der Arme!“, schoss es ihr durch den Kopf, und: „Wie können wir ihm helfen?“ Um ­Marco dazu zu bringen, flüssig zu artikulieren, forderte sie ­ihren Sohn zum Beispiel immer ­wieder auf, doch langsam zu sprechen oder sich beim Reden besser zu konzentrieren. „Das war ganz falsch, das weiß ich heute“, sagt die Mutter.

Was Marco stattdessen brauchte, erfuhr Familie L.­ in der Stotterberatungsstelle der Ludwig-Maximilians-Universität in München, an die sie sich wandte. „Anders als bei vielen Störungen gibt es in unserer Gesellschaft nur wenige Grundinformationen über das Stottern“, sagt Patricia Sandrieser. Es kursieren immer noch viele Mythen. Viele Eltern fragen sich zum Beispiel, ob sie ­etwas falsch gemacht haben und ihr Kind deshalb stottert. „Diese ­Frage kann man eindeutig mit einem ,Nein’ beantworten“, sagt Georg Thum, der auch Marcos Eltern beraten hat. Vielmehr geben Studien an stotternden Erwachsenen begründete Hinweise, dass eine Fehlsteuerung im Gehirn die Ursache sein kann.


Eltern dürfen das Stottern nicht ignorieren

Außerdem wissen Experten, dass die Veranlagung zu der Sprachstörung erblich ist: Stottert jemand in der Familie, ist das Risiko für ein Kind deutlich erhöht. Psychische Gründe hingegen spielen keine Rolle. „Besorgte Eltern stellen zum Beispiel fest, dass ihr Kind kurz nach der Geburt des Geschwisterchens oder nach einem Umzug zu stottern beginnt, und sehen darin einen Zusammenhang“, sagt Thum. Dabei handelt es sich hierbei um Zu­fälle: „Ein einschneidendes Erlebnis wie etwa ein Umzug kann zwar der Auslöser sein, er bedingt das Stottern aber nicht. Das heißt, es wäre zu einem späteren Zeitpunkt auch ohne Umzug aufgetreten.“ 

Ein weiterer Mythos, auf den die beiden Experten in ihren Beratungen immer wieder stoßen: ­Eltern meinen, dass sich das Stottern vielleicht von selbst wieder erledigt, wenn man es dem Kind gegenüber nicht anspricht. Eine fatale Schlussfolgerung. „Ein Kind merkt sehr früh, was mit ihm los ist. Ignorieren Eltern dies, wird das Stottern zu einem Tabu mit ­einer unheimlichen Dimen­sion“, erklärt Georg Thum.

Besser: es offen, entspannt und wertneutral thematisieren, den Inhalt des Gesagten hervorheben und nicht die Form. „Sag ich: ,Mensch, da hast du mir eine tolle Geschichte­ erzählt, manchmal kamen die Wörter nicht raus’, nimmt das den Leidensdruck. Ich signalisiere Anteilnahme und gebe eine wichtige Botschaft: ,Ich habe dein Stottern bemerkt, du bist trotzdem in Ordnung!’“, sagt Patricia Sandrieser.

Beim Sprechen Zeit geben und zuhören

Der wichtigste Tipp der beiden Experten lautet daher: ein stotterndes Kind wie ein nicht stotterndes Kind behandeln! Es ist genauso belastbar und muss nicht vor Kommunikationssituationen bewahrt werden. „Es braucht zum Sprechen einfach nur mehr Zeit, und dass ihm sein Gegenüber auf Augenhöhe und aktiv zuhört“, erklärt Georg Thum. Das stärkt das Kind, denn es merkt, dass ihm ­etwas zugetraut wird. Mit diesem Selbstbewusstsein kann es auch mögliche Hänseleien besser an sich abprallen lassen. Was ihm dabei ebenfalls hilft: immer wieder betonen, dass jeder Mensch anders ist, manche Kinder tragen eine Brille, andere stottern.

Da psychischer Druck das unflüssige Sprechen verstärkt, sollten ­Eltern auch das Umfeld ihres Kindes sensibilisieren – die Groß­eltern etwa, Erzieherinnen im Kindergarten oder Lehrer in der Schule. „Wir erleben, dass das Problem nie andere Kinder sind“, erzählt Vivienne L. Es sind eher Erwachsene, die ungeduldig reagieren. Bislang waren die Erfahrungen der Familie jedoch in den Schulen fast durchweg positiv. Marcos Lehrer hatten das Stottern sogar häufig gar nicht bemerkt, bis sie darauf aufmerksam gemacht wurden.

Den Kinderarzt um Rat fragen

Wie viele Betroffene auch, leidet Marco meist nicht unter seinem Stottern. Es gibt Phasen, da ist die Sprachstörung für seine Mitmenschen kaum wahrnehmbar. Dann gibt es Zeiten, in denen er extremer stottert. In mehreren Therapien hat der heute Zwölfjährige Techniken erlernt, die sein Sprechen flüssiger machen. „Für uns Eltern war gerade­ die erste Therapie sehr wichtig, denn hier erfuhren wir, wie wir am besten mit Marco umgehen“, sagt Vivienne L.

Generell gilt: Je früher ein Kind mit einer Therapie beginnt, umso erfolgreicher erlernt es die Techniken. Wer unsicher ist, ob sein Nachwuchs tatsächlich ­eine Behandlung braucht, wendet sich am bes­ten zuerst an den Kinderarzt und sucht sich dann einen Therapeuten, der erfahren in der Stottertherapie ist. Er sollte über die verschiedenen Therapieansätze informieren und die Familie dann aussuchen lassen, nach welchem Ansatz gearbeitet wird. „Ein Therapeut, der Heilung verspricht, ist unseriös“, sagt Sandrieser.

Marco geht inzwischen aufs Gymnasium. Angst macht die Sprachstörung niemandem mehr in der Familie. „Wir scherzen inzwischen darüber. Ich sag Marco zum Beispiel, dass es ganz gut ist, dass er stottert. Denn er spricht so viel, sein Gegenüber braucht die Pausen einfach zum Verschnaufen“, erzählt Vivienne L.

Patricia Sandrieser beobachtet, dass immer mehr betroffene Familien unbeschwerter mit der Störung umgehen als früher: „Ein stotterndes Kind geht heutzutage relativ unbeschadet durchs Leben. Stottern bedeutet nicht das Ende eines glücklichen Lebens!“


Sprachentwicklungsstörungen im Kleinkindalter

Wenn die Kleinen über Buchstaben stolpern oder Wörter wiederholen, muss sich nicht ein Stottern entwickeln. Diese Phase ist entwicklungsbedingt. Kinder zwischen drei und sechs Jahren können manchmal beim Sprechen stocken.

Experten bezeichnen das stockende Sprechen als Entwicklungsunflüssigkeit. Die Kinder machen dann öfters Pausen beim Sprechen, wiederholen Wörter oder umschreiben sie. Experten sprechen von Stottern, wenn die Kinder älter als sechs Jahre alt sind und der Redefluss auffällig oft unterbrochen wird.




Bildnachweis: W&B/Sabine Dürichen

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