Was ein Extra-Jahr in der Kita nützt

Wie können Eltern ihr Kann-Kind unterstützen, wenn sie es nicht in die Schule schicken, sondern in der Kita lassen?

von Simon Feldmer, aktualisiert am 08.01.2016

Noch ein Jahr im Kindergarten bleiben? Manchmal hat das Vorteile

Getty Images/Vetta/Igor Dernchenkov

Unsere Zwillinge sind ein klassischer Fall. Sie kamen etwas zu früh auf die Welt. Der Einschulungstermin im September 2014 wäre, so hatten die Schulleiterin und wir uns verständigt, deshalb ebenfalls etwas zu früh gekommen. Gerade noch fünf ­Jahre wären die beiden zu dem Zeitpunkt gewesen. Also sind sie erst ­dieses Jahr im September eingeschult worden und verbrachten ein schönes weiteres Jahr im Kindergarten. Lucie fing mit Ballett und Kinder-Yoga an, Jonathan mit Fußball. Englisch haben die zwei in der Zeit aber nicht gelernt. Geige auch nicht. Dafür ein bisschen Lesen und Schreiben, angetrieben von ihrer Neugierde. Der Schulranzen wirkt auf ­ihrem Rücken nun nicht mehr wie ein Hinkelstein. Heute wissen wir, es war die richtige Entscheidung.


Wann kommt die Schule zu früh?

Die Frage nach dem passenden Zeitpunkt für die Einschulung treibt viele Eltern um. Sie sorgen sich, dass ihr Kind in der ers­ten Klasse überfordert sein könnte. Und fürchten gleichzeitig, dass ihr Nachwuchs sich zu sehr langweilt im zusätzlichen Kindergartenjahr. Zur Sorge von Eltern, die Schule komme zu früh, sagt ­Helga Ulbricht, Leiterin der Staatlichen Schulberatungsstelle in ­­München: "Die Schule ist nicht per se der Feind der Kinder. In den ers­ten Schuljahren ist sie sehr kindgerecht geworden. Es passiert in der ­Schule viel Positives. Dem Kind eröffnet sich die Welt des Lesens. Man sollte immer bedenken, dass man den Kindern auch etwas vorenthält, wenn man sie nicht schickt." Aber natürlich gebe es eine Ziel­linie, die erreicht werden müsse, so Ulbricht. Im Einzel­fall könne es daher ­gute ­Gründe dafür geben, etwas zu warten oder auf alterna­tive Einschulungsmodelle zu setzen – von speziellen Förderklassen bis zur flexiblen Grundschule.

Das Extra-Jahr richtig nutzen

Entscheiden sich Eltern mit Grundschul- und Kindergarten­leitung zu einem weiteren Jahr im Kindergarten, bleibt die Frage: Wie es nutzen? "Manchmal braucht das Kind einfach ein bisschen Zeit, dann regelt sich vieles von selbst", sagt ­Helga Ulbricht. Ergänzt aber: Wenn das Kind bestimmte Defizite habe, gelte es, genau hier anzusetzen. Braucht das Kind mehr Förderung im psychomotorischen Bereich? Liegen die Defizite eher im Emotionalen? Kann sich das Kind schlecht konzentrieren, oder ist es sehr schüchtern? Christian ­­Bethke, Leiter des Berliner Instituts für Frühpädagogik, sagt: "Es ist wichtig, gemeinsam mit den ­Eltern und den Erzieherinnen im Kindergarten ein Konzept für das zusätzliche Jahr zu erarbeiten."

Ist etwa das Sozialverhalten nicht ausreichend ausgereift, steht an oberster Stelle, dass das Kind mehr gemeinsame Erfahrungen mit anderen Kindern sammelt. "­Kinder müssen lernen, sich in einer ­Gruppe zu integrieren und Probleme selbst zu lösen", sagt ­Bethke. Das muss nicht alles im Kindergarten passieren. Gerade die Eltern können ihr Kind hier unterstützen: indem sie zusammen kochen, zu einem Ausflug Freunde des Kindes mitnehmen oder es im Sportverein anmelden, wo es sich im Wettkampf messen kann. Zudem weist Erziehungswissenschaftler Bethke darauf hin, dass es nicht nur darum gehe, was Kinder nicht könnten, sondern vielmehr darum, was sie können. Bethke: "Die Zuschreibung Zappelphilipp bekommen Kinder zum Beispiel oft zu schnell. Eltern sagen, das Kind kann sich nicht konzentrieren. Vielleicht ist es aber so, dass sich das Kind nur nicht genau da konzentriert, wo wir es wollen."

Kind fördern, aber nicht übertreiben

Bethke spricht davon, dass es durchaus möglich sei, "Kompetenzen zu transferieren". ­Manche Kinder können stundenlang mit Bauklötzen bauen, aber beim ­Essen nicht still sitzen. "Da ist es wichtig zu fragen, was macht das Bauen so attraktiv?", sagt ­Bethke. "Oft stellt sich heraus, dass das aktive Gestalten das Kind fesselt, während es die mehr oder weniger passive Nahrungsaufnahme un­attraktiv findet." Eine Lösung könne sein, das Essen für das Kind attraktiver zu gestalten, indem man es beim Vorbereiten und am Tisch mehr beteiligt. Zum Beispiel: den Salat erst gemeinsam am Tisch zusammenstellen, das Kind das Essen auf die Teller verteilen lassen. Auch Bewegung helfe, die Konzentrationsfähigkeit zu verbessern, aber zur rechten Zeit und in angemessener Dosierung. "In vielen Familien ist das Aktivitätspensum zu hoch. Es passiert ständig etwas. Kinder kommen nicht runter. In diesem Fall sind die Eltern gefragt, etwas Tempo aus dem Familien­­alltag zu nehmen", sagt Bethke.

Neue Reize, ja – nur übertreiben sollten es Eltern eben nicht. Auch Helga Ulbricht hält es für sinnvoll, Kindern in einem zusätzlichen Kindergartenjahr die Möglichkeit zu geben, neue Erfahrungen zu sammeln – im Sportverein, mit Ins­trumenten, in einem Kinderchor. "Mit einem Instrument trainieren Kinder ihr Durchhalte­vermögen. Im Sport lernen Kinder mal zu verlieren, etwas hinzu­nehmen. Die Frustra­tionstoleranz steigt", sagt Ulbricht.

Tagesablauf langsam auf Schulzeit umstellen

Alle Experten aber raten von einem Mittel der Wahl ab: von den üblichen Vorschulheften aus dem Zeitschriftenkiosk. "Das ist in den meisten Fällen Antrainieren von Ausmalen", sagt Frühpäda­goge Wilfried Griebel. "Ein gemeinsamer Streifzug durch die Stadtbibliothek ist um ein Vielfaches sinnvoller und lehrreicher." Für ihn ist vor allem eines entscheidend: "Ein weiteres Jahr im Kindergarten heißt auch ein weiteres Jahr in der Familie. Das sollten auch die Eltern nutzen. Denn die Schule später hat starken Einfluss auf den Tages-, Wochen- oder Jahres­ablauf. Eltern müssen sich anders organisieren." Und deshalb jetzt anfangen, sich besser zu vernetzen, die Oma stärker einzubinden, sich vielleicht mit befreundeten Familien abzu­­sprechen, individuelle Arrangements zu treffen. Griebel: "Man muss in soziale Netze investieren, um auch wieder etwas herauszubekommen." Ein zusätzliches ­Kindergartenjahr kann also auch für Eltern sinn­voll sein.



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