Warum ist das ­eigene Kind stets das tollste?

Eltern zeigen ständig Kinderbilder herum und kennen kein anderes Gesprächsthema mehr als ihren Nachwuchs. Warum ist das eigentlich so?

von Julia Jung, aktualisiert am 12.02.2016

Das Baby hebt den Arm? Das ist ein Foto wert!

Thinkstock / Fuse

Eine Cocktailparty, alle stehen herum, unterhalten sich nett. ­Eine Frau zückt ihr Handy: "Soll ich dir mal Fotos zeigen?" Und ihr Gegenüber kommt aus der Nummer nicht mehr raus: Ein Kleinkind in der Sandkiste ("Sie baut wahnsinnig tolle Burgen"), ein Kleinkind im Schlafanzug ("Morgens ist sie immer total süß verwuschelt"), ein Kleinkind mit tuscheverschmierten Händen ("Sie malt unheimlich gerne. Und auch schon sehr gut. Schau mal, der Strich hier ist fast gerade …!").

Keine Frage, hier spricht eine Mutter. Blind vor Mutterliebe, denken die an­deren Mütter, die ihrerseits das Handy hervorholen und unglaublich hohe Bauklotztürme und extrem blaue Baby­­augen präsentieren. Warum ist unser Nachwuchs immer der tollste? Und warum erzählen wir das, stolz wie Bolle, jedem Mitmenschen?


Handy-Fotoalben sind nur die Spitze des Eisbergs

Was da auf Zehn-Zoll-Bildschirmen herumwischt und angibt, ist das Produkt einer seit Millionen Jahren andauernden Evolu­tion und einer Gesellschaft, in der 1,4 Kinder pro Frau das ganz große Glück sein müssen. Handy-Fotoalben sind hier nur eine kleine Ausprägung. Durchschnittlich 4500 ­­gewechselte Windeln pro Kind, Fürsorge bis an den Rand der Erschöpfung und nervenaufreibende Tage zwischen Trotzanfällen und Teilzeitjob sind weitere, für manch kinderlosen Mitmenschen unverständliche Facetten der Mutterliebe.

Wer sich auf die Suche nach den Ursprüngen dieser scheinbar hochemotionalen Angelegenheit begibt­, versinkt schnell in einem Berg aus Studien: Immer geht es um die große Bedeutung einer sicheren Bindung zwischen Mutter und Kind. Fehlt sie oder wird sie auch von anderen nicht gesichert, drohen Verhaltensauffälligkeiten und Lebensuntüchtigkeit bis zum Tod. Ein Kind kann, zusammengefasst, nicht ohne die Mutter sein. Oder es braucht jemanden, der die Mutter in allen Bereichen ersetzt.

Enge Bindung führt zu unrealistischen Überschätzungen

Aber könnte denn die ­Mutter ­ohne ihr Kind sein? Warum schluckt sie noch bei seiner ­Abschlussfeier an der Universität die Tränen runter, obwohl der Nachwuchs lange abgestillt ist? Warum geht sie zähnefletschend auf andere Mütter los, wenn diese ­ihren Spross auf dem Spielplatz maß­regeln? Warum ist sie alles andere als objektiv, wenn es um die Leistungen ihres Kindes geht?

"Eine Mutter ist diejenige, die am meis­ten geneigt ist, das Kind in seinen eigenen Möglichkeiten zu unterstützen. Es ist die besonders ­enge Bindung der leiblichen Mutter an ihr Kind, die zu solchen unrealistischen Überschätzungen des Nachwuchses führen kann." Das sagt Professor Dr. Peter Walschburger, Biopsychologe an der ­Freien Universität Berlin.

Evolution: Mühevolles Aufziehen soll sich lohnen

Der Mensch ist nicht das ­bes­te Beispiel, um das Geheimnis der Mutterliebe zu ergründen. Besser,­ man geht dafür weit in die Vergangenheit zurück, etwa 400 Millionen Jahre. Damals ­begannen die ersten Säugetiere auf dem Land zu leben. Das machte die Fortpflanzung nicht einfacher. Die einzelnen Arten mussten viel mehr Energie in die Vermehrung stecken als ­etwa Quallen, die sich im Meer einfach zweiteilten. Und wenn Eltern mehr Kraft investieren, dann soll sich die Mühe auch lohnen. Und sie begannen, sich um den Nachwuchs zu kümmern – es sprossen die ersten Knospen einer zarten Verbindung zwischen Mama-Lurch und Baby-Lurch.

Es vergingen noch viele Millionen Jahre, bis es den Menschen gab, und noch mehr, bis er aufrecht ging. Gleichzeitig wurde sein Gehirn immer größer. Becken-Anatomie und Schädelvolumen führten dazu, dass Menschenbabys für Tierverhältnisse bis heute sehr unreif auf die Welt kommen. Sie sind sogenannte­ physiologische Frühgeburten. Würde man sich nicht intensiv und noch lange um sie kümmern, gäbe es heute keine Menschen, sondern nur noch Schildkröten, die aus einem von 100 Eiern schlüpfen, wenn ihre Eltern schon lange das Weite gesucht haben.

Hormonflut vernebelt bei Eltern die Sinne

Die großen Menschengehirne sind auch schuld am Mythos des schönsten Kindes: Sie lösen zu Beginn des Mutterseins eine Hormonflut aus, die zwar die Geburt erleichtert und das Stillen ermöglicht, aber auch die Sinne vernebelt. Zum Glück für das schrumpelige Kerlchen, das sich in den ersten Wochen nicht immer liebenswert gibt. Anschließend greift eine weitere Strategie der Natur.

Sie macht es Müttern unmöglich, den schreienden, Dreckmachenden und Privatleben vernichtenden Zwerg einfach an der Raststätte auszusetzen: Britische Forscher zeigten, dass beim Anblick des eigenen Kindes im Müttergehirn fast jegliche Aktivität in den Regionen, die für soziales Urteilsvermögen und kritische Ansichten zuständig sind, schwindet. Mehr noch: Der Belohnungsschaltkreis ist so aktiv wie sonst nur beim Sex oder Drogenkonsum. Das und das berühmte Kindchenschema erklären, warum Mütter auf ruhige Nächte verzichten und familienübergreifende Magen-Darm-Infekte in Kauf nehmen.

Mutterliebe als kulturelles Konstrukt

In anderen Teilen der Welt sehen Mütter die Sache mit dem Mütterstolz weniger bis gar nicht emotional. Professorin Dr. Heidi Keller von der Universität ­Osnabrück forschte zur Mutterschaft in verschiedenen Kulturen. Die Entwicklungspsychologin sagt: "Mutterliebe ist ein kulturelles Konstrukt. Eigentlich verhalten sich nur die Frauen in den westlichen Industrieländern so."

Ob das eigene Kind das ­schöns­­te ist, lässt sich bei einer Nachkommenschaft von fünf oder acht Kindern auch schwerlich beantworten. Weshalb Mütter in vielen, vor allem ursprünglicheren Kulturen den gegenteiligen Wunsch haben: Das Kind soll nicht einzigartig sein, sondern in die ­Gruppe passen. Nur so hat es später eine Chance, für sich selbst zu sorgen und einen Partner zu finden.

Der Kitt der Menschheit

Und hier finden dann alle Mütter, egal wie viele Tränen, Stolz und Angeberei sie in die Kinder­jahre stecken, plötzlich wieder zusammen: im Wunsch, dass der Nachwuchs fit für die Zukunft ist – und Enkel produziert. Tatsächlich ist die erste Beziehung im Leben prägend für alle weiteren: Wer als Kind eine sichere Bindung hatte, kann auch später zu anderen leichter eine Bindung aufbauen, ­einen Partner finden und der Natur ­ihren Lauf lassen. Oder wie ­­Biologen sagen würden: sich bitte schön fortpflanzen und die Art erhalten. Professor Walschburger findet noch schönere Worte: ­"Mutterliebe ist der Kitt der Menschheit."



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