Kinder fördern kann so leicht sein: Man braucht nur den Mund aufzumachen – und mit ihnen zu singen. Wissenschaftler sind überzeugt, dass Singen das Gehirn anregt und Sprache, Stimme und Immunsystem davon profitieren. So verbessert es auch die Atmung und hilft schon Kindern, mit Unsicherheiten und Ängsten leichter umzugehen. Nur: Selbstverständlich ist es heute nicht mehr, dass die Kleinen vor sich hin trällern. Eine Studie der Abteilung Entwicklungspsychologie am Institut für Psychologie der Technischen Universität Braunschweig ergab, dass bereits Dreijährige große Hemmungen haben, allein vor anderen ein Lied vorzutragen. „Das ist bedauerlich, weil Singen eigentlich sehr lustvoll ist“, kommentiert der Leiter der Studie, Professor Werner Deutsch, die Ergebnisse.
Beim Singen werden Emotionen erheblich stärker geweckt als beim Sprechen, mehrere Bereiche des Gehirns sind gleichzeitig aktiviert. „Kinder, die gern singen, trauen sich auch später in anderen Zusammenhängen eher zu, selbstbewusst ihre Stimme zu erheben“, erklärt Professor Deutsch. Mund aufmachen lohnt sich also! Eltern sollten daher mit ihren Kindern sooft wie möglich gemeinsam singen, empfiehlt der Experte. Ob beim Autofahren, Wandern oder Kuscheln – Gelegenheiten gibt es zahlreiche. Tipp für die, die bisher nur allein unter der Dusche singen: Probieren Sie es bei der nächsten Bade-Session mal mit Ihrem Kleinen. Wie wäre es zum Beispiel mit „In der Badewanne bin ich Kapitän“? Auch sehr beliebt: „Ich will zurück in meinen wunderschönen Teich, blubb, blubb, blubb, blubb“. Es geht auch ein „Alle meine Entchen“. Ihr Schatz juchzt garantiert vergnügt mit. Und irgendwann, wenn er groß genug ist, wird er automatisch einstimmen.
Vielleicht trifft Ihr Kind dann nicht immer den richtigen Ton, vielleicht singt es einen ganz anderen Text – egal. Hauptsache Sie amüsieren sich gemeinsam. Und Vorsicht! Ob jung oder alt – Sänger sind sensibel. Sagen Sie Ihrem Kleinen nie, dass es den Ton nicht trifft oder still sein soll. „Beim Singen geht es nicht um schönen Klang, nicht um Perfektion, sondern um die Freude am spielerischen Selbstausdruck“, sagt der Soziologe Dr. Thomas Blank von der Universität Münster. Besser deshalb: „Unterstützen Sie Ihr Kind, wenn es spontan und alleine vor sich hin singt, indem Sie es loben und ermutigen.“
Der Soziologe hat zusammen mit seinem Münsteraner Kollegen Dr. Karl Adamek 500 Kindergartenkinder auf ihre Schultauglichkeit hin untersucht und festgestellt: Die Kinder, die häufig sangen, konnten sich besser ausdrücken und sich auch stärker in andere Kinder einfühlen. Zudem gaben und erhielten sie innerhalb ihrer Gruppe Unterstützung. Blank: „Man kann sagen, dass Singen bei Kindergartenkindern die psychische und physische Gesundheit fördert.“ Denn die Vielsinger litten zum Beispiel auch seltener unter grippalen Infekten. Damit bestätigt die Münsteraner Studie, was schon Untersuchungen mit Erwachsenen ergaben: Singen hält gesund.
Thomas Blank wünscht sich, dass Eltern, aber auch die Mitarbeiter in Kinder- und Jugendeinrichtungen regelmäßig mit dem Nachwuchs singen. Vorbildcharakter für ihn hat das Projekt „canto elementar“ seines Kollegen Dr. Karl Adamek. Träger ist das Netzwerk „Il canto del mondo e.V.“, das unter der Schirmherrschaft des berühmten Geigers Yehudi Menuhin gegründet wurde. Geschulte Senioren besuchen einmal wöchentlich als Singpaten Kindergärten und singen 45 Minuten lang mit dem Nachwuchs und den Erziehern.
Als erstes Bundesland hat sich die Hansestadt Hamburg im Jahr 2007 entschieden, das Programm in Kindergärten zu verankern. 450 Seniorinnen und Senioren sind dort mittlerweile als Singpaten im Einsatz. Und viele berichten, wie schön es sei, wenn Kinder ihre Freude an den Liedern entdecken und durch den Gesang ganz ruhig und konzentriert werden. Karl Adamek hat eine Erklärung dafür: „Singen gehört zur Natur des Menschen wie der Wind zu Wolken und Meer.“
Christiane Neubauer / Baby und Familie;
28.06.2010
Bildnachweis: Image Source Limited/Michael Cogliantry
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