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Warum Kinder sich ständig vergleichen

Wer hat die größten Muskeln? Wer die längsten Haare? Kinder sind ständig miteinander im Wettbewerb. Das kann ganz schön nerven. Aber: Für die Entwicklung der Kleinen ist das wichtig


Ich bin aber stärker! Kinder vergleichen sich gerne mit anderen

Ständig dieser Zank, immer diese Wettstreite, diese Diskussionen: „Ich bin schneller ...“, „Nein, ich bin schneller ...“, „Nein, ich ...“  – für Eltern ist dieses Verhalten ihres Nachwuchses einfach nur kindisch. Aber: „Vergleichen ist ganz menschlich“, sagt Professor Hartmut Kasten, Entwicklungspsychologe an der Universität München. Die These, dass Kinder ursprünglich frei von Konkurrenzdenken seien und erst durch unsere Leistungsgesellschaft dazu angehalten würden, hält der Frühpädagoge für wissenschaftlich widerlegt: „Eine Reihe von ­Studien zeigen, dass sich auch Kinder aus Kulturen, in denen Solidarität und Gemeinschaft eine viel größere Rolle spielen als bei uns, oft und gerne miteinander messen.“

Dieser scheinbar angeborene Wunsch nach Vergleich und Wettstreit ist durchaus produktiv. Denn er bietet den Kleinen fortwährend Anreize, sich weiterzuentwickeln. Viele Eltern von Geschwisterkindern kennen das Phänomen, dass die Jüngeren schneller krabbeln, laufen oder mit dem Löffel essen als ihre älteren Geschwister, nach dem Motto: „Was der kann, das will ich auch können!“ Aber auch gleichaltrige Kinder spornen sich gegenseitig an. Wenn etwa die Kindergartenfreundin ihre Schuhe schon alleine binden kann, motiviert das, es ihr schleunigst gleichzutun.



Professor Hartmut Kasten ist Entwicklungspsychologe und Frühpädagoge an der Universität München

Fähigkeiten ins richtige Licht rücken

Damit dieser Wettstreit produktiv und freundlich bleibt, plädiert Entwicklungspsychologe Kasten für eine gute Streitkultur, sowohl in der Familie als auch unter Freunden. „Wenn immer dasselbe Kind ins Hintertreffen gerät, läuft eindeutig etwas schief.“ Deshalb gilt es, den Kindern klarzumachen, dass Talente sehr verschieden verteilt sind. Die fünfjährige Anna kann vielleicht schon schwimmen, ihr gleichaltriger Freund Leo aber noch nicht. Dafür kann er aber prima mit Tieren umgehen. „Wer in einem Punkt zurücksteht, sollte sich sicher sein können, dass sich dieses Zurückstehen nur auf diese eine Sache bezieht und nie auf seine Person als Ganzes“, sagt Hartmut Kasten. So fühlt sich der kleine Leo nicht zurückgewiesen, weil er weiß, dass auch er etwas besser kann als Anna.



Christoph Schmidt ist Pädagoge und Erziehungsberater in Groß-Gerau

„Damit Vergleiche die Kleinen motivieren, müssen sie aber auch stimmig sein“, betont Christoph Schmidt, Pädagoge an der Erziehungsberatungsstelle in Groß-Gerau und Vorstandsmitglied der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung. Ein kleiner Junge, der auf dem Spielplatz mit den Größen des örtlichen Fußballvereins kickt, könnte frustriert sein und an seinen Fähigkeiten zweifeln. „Wenn die Eltern ihm aber erklären, dass die anderen sehr viel trainiert haben, um so gut zu werden, bekommt er vielleicht sogar Lust, selbst zum Training zu ­gehen“, meint der Experte.

Ansporn statt Frustration

Das Wissen darüber, welche Faktoren eine Rolle spielen, ob ein Kind etwas mehr oder weniger gut kann, hilft Kindern, ihre eigenen Fähigkeiten realistischer einzuschätzen. „Dabei geht es keinesfalls darum, den Erfolg anderer wegzuerklären“, sagt Schmidt. Wenn etwa ein Mädchen darunter leidet, dass ihre Freundin besser malen kann als sie, rät der Erziehungsberater zunächst dazu, die schönen Bilder der Freundin offen anzuerkennen und zu bewundern. „Die Erziehenden sollten dabei versuchen, aufkeimenden Neid in Ehrgeiz oder Ansporn zu verwandeln, indem sie auch das Kind in seinen Bemühungen bestärken oder eine Sache betonen, die es selbst besonders gut kann.“

Während Jungen sich häufig in ihrer Schnelligkeit, Kraft oder ihrem Mut messen, vergleichen sich viele Mädchen eher in schönen Dingen: Wer hat die hübscheste Brotdose? Wer die längsten Haare? Beide Geschlechter versuchen durch ihr Verhalten, ihren Platz in der Gesellschaft auszuloten. Sie erfahren, dass die Menschen in dem, was sie tun und haben, unterschiedlich sind und dass man manches, aber nicht alles, durch eigenes Verhalten ändern kann. „Das ist ein ganz wichtiger Lernprozess, den wir nicht unterschätzen dürfen“, erklärt Schmidt. Eltern sollten ihre Kinder deshalb nicht übermäßig davor schonen, sondern sie vielmehr behutsam coachen und sich über die kleinen ­­Wettkämpfe ­freuen.

Von Angebern und Verlierern – Erziehungstipps für jeden Typ

„Wetten, ich bin als Erster am Zaun?“ Eine gute Portion­ Selbstvertrauen hat noch keinem geschadet. Wenn ein Kind aber nur dann zufrieden ist, wenn es aus allen Vergleichen als Sieger hervorgeht, könnte es sein, dass ein schwaches Selbstbewusstsein dahintersteckt. „Ein Kind, das sich von ­Familie und Freunden angenommen fühlt und seine Fähigkeiten realistisch einschätzen kann, kann damit leben, auch mal von anderen überflügelt zu werden“, sagt Erziehungsberater Schmidt. Deshalb rät er vor allem Eltern kleiner Angeber, den Nachwuchs nicht ­pauschal für alles, sondern ­dosiert und gut ­begründet für ­einzelne Dinge zu ­loben und ihm ­­deutlich zu vermitteln, dass er auch dann geliebt ­wird, wenn er einmal ­etwas nicht gut macht.

Kinder, die sich an die ­Rolle des Letzten gewöhnt ­haben, ­brauchen besonders viele Streicheleinheiten für das Ego: viel Lob für das, was sie schon können, Ermunterung und Ansporn, ihre Neigungen und ­­Fähigkeiten ­auszubauen, und vor allem die Gewissheit, dass sie immer akzeptiert und geliebt werden.



Barbara Erbe / Baby und Familie; 04.01.2012
Bildnachweis: W&B/Privat, Fotolia/like

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