Warum Kinder fremdeln

Das freundliche Strahlebaby wird zum misstrauischen Schreihals: Fremdeln ist ein normaler Entwicklungsschritt. Wozu ist er gut?

von Nadja Katzenberger, 15.02.2016

Manche Kinder wollen immer nur bei der Mama sein

Thinkstock/Hemera

Bei manchen Babys reicht schon ein Blick von der falschen Person und sofort geht der Alarm los: Sie klammern sich ängstlich an die Mama und fangen heftig an zu weinen – sie fremdeln. Für die Eltern ist das eine anstrengende Phase, der Nachwuchs scheint nicht gesellschaftsfähig, fürchtet sich sogar vor den Großeltern. Warum verhält sich das Kleine bloß so?

Die meisten Kinder sind etwa acht Monate alt, wenn sie erstmals fremdeln. Und das ist ein wichtiger Entwicklungsschritt: "Das Fremdeln zeigt, dass das Kind eine Bindung zu seiner Bezugsperson aufgebaut hat und diese deutlich von anderen Menschen unterscheiden kann", sagt Birgit Elsner, Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Potsdam. Diese Person – Mutter oder Vater – ist wichtig für Babys Wohlbefinden und gibt ihm Sicherheit. Langsam entwickelt das Kind außerdem ein Verständnis für Beziehungen, es kann immer besser kommunizieren und nimmt die Personen in seiner Umwelt anders wahr. "Seine sozialen Fähigkeiten machen große Fortschritte", fasst Birgit Elsner zusammen.

Nicht alle Kinder fremdeln gleich stark – bei manchen betrifft es sogar die Oma, bei anderen nur den Nachbarn.


Verschiedene Faktoren beeinflussen das Fremdeln

Das Temperament des Kindes: "Schon Säuglinge unterscheiden sich darin, wie gerne sie sich neuen Situationen aussetzen und wie sie mit ihnen umgehen", sagt die Entwicklungspsychologin. Die einen sind eher ängstlich und weinen schnell, bei anderen überwiegt die Neugier. Beispiel Vollbart: Den kann das eine Kind witzig oder sogar spannend finden, das andere fremd und gruselig. "Das sind stabile Eigenschaften, die so bleiben und oft auch in den Genen stecken", erklärt Elsner. Auch offene, leutselige Eltern können nicht verhindern, dass ihr Kind fremdelt. Darum geht es auch nicht. Fremdeln ist immer ein Ausdruck für eine gute Beziehung zwischen Eltern und Kind, unabhängig davon, ob die Eltern schüchterne oder offene Menschen sind.

Umgebung und Situation: Neue Umgebung, fremde Menschen – da wird Babys schnell alles zu viel. Zu Hause fremdeln sie meist weniger. Hier ist ihr Reich, sie kennen die Umgebung, die Bezugsperson ist immer in der Nähe: sie fühlen sich sicher.

Das Verhalten der anderen: "Personen, die sich aufdrängen und aktiv in den Sicherheitsbereich des Kindes eindringen, lösen Fremdeln aus", sagt Elsner. Das kann der Oma schneller mal passieren – für sie ist es ja normal, ihr Enkelkind auf den Arm zu nehmen. Wenn sich dieses aber gerade in der Fremdelphase befindet und die Oma seit zwei Monaten nicht gesehen hat, wird es protestieren.


So geht man am besten auf ein fremdelndes Kind zu:

  • vorsichtig und ruhig annähern, dem Kind Zeit und Raum geben
  • akzeptieren, dass auch ein sehr kleines Kind schon seine persönlichen Grenzen hat
  • das Kind nicht einfach anfassen oder hochnehmen
  • abwarten: mit den Eltern unterhalten, die Aufmerksamkeit erst einmal zurückfahren
  • beobachten: Wie reagiert das Kind auf ein Lächeln, eine lustige Grimasse? Ist es überfordert mit der Situation? Dann mehr Abstand einhalten und Geduld haben
  • Vor allem: das Fremdeln nicht persönlich nehmen – oft ist das Kind einfach überfordert, es kann die neue Person, ihre Mimik oder ihre Gesten nicht einordnen

Fremdeln in der Kita

Oft erreicht die Fremdel-Phase gerade dann ihren Höhepunkt, wenn das Kind in der Krippe oder bei der Tagesmutter eingewöhnt werden soll. Die ersten Trennungen dort verlaufen dann dramatisch, das Kind klammert sich erst recht an Mama oder Papa und schreit herzzerreißend. Birgit Elsner beruhigt: "Die Eingewöhnung dauert dann eben etwas länger, aber Kinder sind in der Lage, mehrere Bezugspersonen zu haben." Wichtig sei, dem Kind so viel Zeit zu geben wie es braucht.

Viele Kindertagesstätten sehen deshalb für Krippenkinder eine Eingewöhnungszeit von zwei bis vier Wochen vor (Berliner Modell). Personalwechsel sollte es in dieser Zeit nicht geben. Für Eltern ist die Eingewöhnung eine Herausforderung: Einerseits hätten sie die Prozedur gerne schnell hinter sich, andererseits sind sie auch geschmeichelt von der Anhänglichkeit ihres Kindes. "In diese Falle sollte man nicht tappen", sagt Elsner. Besser: Akzeptieren, dass das Kind Zeit braucht. Und ihm signalisieren, dass die neue Umgebung in Ordnung ist.

Und wenn das Kind gar nicht fremdelt?

Im Extremfall kann das ein Zeichen für eine Bindungsstörung sein. Kinder, die ohne feste Bezugsperson aufwachsen können sich sehr distanzlos verhalten, auch gegenüber Fremden. Aber: "In der frühen Kindheit sollte man dieses Verhalten nicht überbewerten oder überinterpretieren", sagt die Entwicklungspsychologin. Neugierige Kinder fremdeln oft sehr wenig, sie können mit neuen Eindrücken gut umgehen. Oder: Der Erwachsene verhält sich dem Kind gegenüber richtig und es fühlt sich sicher.

Wann ist die Fremdelphase zu Ende?

"Das Fremdeln lässt nach, sobald die sprachliche Kommunikation besser wird", sagt Birgit Elsner. Aus dem Baby wird ein Kleinkind, das sprechen und mit seinen eigenen Gefühlen und neuen Erfahrungen besser umgehen kann. Das ist zwischen zwölf und 18 Monaten der Fall. Wenn ihm etwas nicht passt, äußert es das jetzt auch, zum Beispiel mit einem sehr bestimmten: "Geh weg!"



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