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Warum Kinder fremdeln

Das freundliche Strahlebaby wird zum misstrauischen Schreihals? Fremdeln ist ein normaler Entwicklungsschritt. Wozu ist er gut?


Manche Kinder wollen immer nur bei der Mama sein

Ein Baby in undiplomatischer Mission: Anstatt sich zu freuen, dass die Oma die Arme nach ihm ausstreckt, dreht es sich weg, weint und klammert sich an die Mama. Peinliches Schweigen und Räuspern. Ein entschuldigendes: „Die Kleine meint es nicht so. Sie ist eben schüchtern.“ Und schlimms­tenfalls eine gekränkte Großmutter. Warum reagiert der Nachwuchs plötzlich so feindselig?

Fremdeln: Natürliche Kindersicherung

Er fremdelt. Und das bedeutet: Fast jeder Mensch, von Bezugspersonen, meist der Mutter, abge­sehen, wirkt auf das Kind auf einmal wie eine Bedrohung. „Fremdeln kann sich jetzt auf jeden Menschen ausdehnen“, weiß der Bindungsexperte und Autor Dr. med. Rüdiger Posth. Manchmal trifft es sogar die Väter. Das mag hart sein. Für den Kinderarzt und Kinder- und Jugendpsychotherapeuten aus Bergisch-Gladbach ist Fremdeln dennoch ein gutes Zeichen. Und „eine Art Kindersicherung der Natur“, sagt er.



Dr. Rüdiger Posth ist Kinderarzt und -psychotherapeut in Bergisch-Gladbach

Denn mit dem Ablehnen anderer zeigt ein kleiner Mensch, dass er dazu in der Lage ist, Bindungen einzugehen. Binnen der ersten Lebensmonate hat sich zwischen Eltern und Kindern nämlich ein Band entwickelt. Die Kleinen sind nun dazu in der Lage, Bezugspersonen an ihrem Duft, ihrer Stimme und ihrem Aussehen zu erkennen. So lernen sie, zwischen vertrauten Personen und solchen, die fremd sind, zu unterscheiden. Außerdem werden die Kinder immer mobiler, lernen krabbeln, stehen, laufen. Fremdeln begrenzt ihren Aktionsradius auf ganz natürliche Art und Weise, sodass sie in der Nähe der Eltern bleiben.

Drei Phasen des Fremdelns

Bei dem Prozess, den Eltern landläufig „Fremdeln“ nennen, unterscheiden Forscher drei Phasen.

1. Fremdelphase. Sie beginnt frühestens im Alter von drei Monaten, die meisten Kinder fremdeln mit sechs Monaten. Jetzt fürchten sich die Kleinen tatsächlich vor anderen Menschen. Mit rund neun Monaten ist diese Phase bei den meis­ten abgeschlossen. Sie klammern aber dennoch weiter. Und das hat mit dem nächsten Entwicklungsschritt zu tun:

2. Anhänglichkeitsphase. Bloß nicht weg von Mama! „Ab ­etwa neun Monaten beginnen Kinder, immer mal wieder extrem anhänglich zu werden“, erklärt Posth. Im Gegensatz zur Fremdelphase hat das weniger mit der Furcht vor Fremden zu tun. Jetzt geht es vielmehr darum, dass die Kleinen lernen, sich als eigene, von der Bezugsperson getrennte Person wahrzunehmen. Zunächst einmal eine beunruhigende Erfahrung. Bis die Kleinen tatsächlich zwischen sich und ihrer Umwelt unterscheiden können, dauert es bis etwa eineinhalb Jahre. Dann können die Kleinen, das zeigen Stu­dien, sich selbst im Spiegel erkennen. Sie versuchen zum Beispiel, einen Rouge-­Fleck auf der Nase abzuwischen. Jetzt folgt der nächste Schritt:

3. Loslösungsphase. Das Kind hat mit etwa eineinhalb, zwei Jahren gelernt: Ich bin ein Individuum. „Jetzt werden andere Menschen richtig interessant“, sagt Posth. Plötzlich will das Kleine unbedingt zum Opa, flirtet mit der Tante. Forscher haben dabei beobachtet, dass es auch bei ganz kleinen Kindern schon zu „ausgeprägten Sympathie-Empfindungen, aber auch zu merkwürdigen Antipathien kommt“, sagt Posth. Welche Gründe dazu führen, lässt sich oft nicht klären: „Manchmal reicht eine komische Brille, um jemanden abzulehnen, oder ein weicher Bart, um jemanden zu lieben“, sagt Posth. Forscher wissen: Kleinkinder können eine klare Unterscheidung treffen, ob es sich bei den Menschen, die sie umgeben, um Verwandte handelt oder nicht. Warum die Schwester der Mama, die nur ein paar Mal im Jahr zu Besuch kommt, einen anderen Stellenwert hat als die gute Bekannte aus der Krabbelgruppe? „Die Kleinen beobachten sehr genau, spüren die Vertrautheit“, sagt Posth.

Bei stärkeren Ängsten zum Arzt

Wie aber hält man die Durststrecke bis dahin durch? „Akzeptieren und respektieren Sie die Ängste der Kleinen“, sagt Posth. „Dann überwinden die Kinder das Fremdeln am schnellsten.“ Der enttäuschten Oma kann man ja erklären, was mit den Kleinen jetzt passiert. Und dass sie irgendwann von selbst den Kontakt suchen. Dass Kinder bis etwa zwei Jahre immer mal wieder in Ängstlichkeiten hineinrutschen, ist kein Grund zur Sorge. Zum Arzt gehen sollten Eltern erst dann, wenn die Kleinen über ­ihre Angst gar nicht hinwegkommen. Das kommt zwar selten vor, aber es könnte ein Zeichen für eine Bindungs- oder Reifungsstörung sein.


Tipps: So fällt das Loslassen leichter

  • Trost spenden: Gerade noch friedlich auf dem Arm der Tante, jetzt plötzlich eine Brüllattacke: Da hilft nur, das Kind zu trösten und die enttäuschte Verwandtschaft zu beschwichtigen: „Mit euch hat das nichts zu tun! Bitte trotzdem Abstand halten!“
  • Vertrautes mitgeben: Lieblingsschmusetuch, Teddy, Trinkflasche, das immer gleich gepackte Kindergartentäschchen: Kleine Mädchen und Jungen lieben Rituale. Gewohnte Gegenstände helfen sogar älteren Kindern manchmal über den Abschied hinweg und erleichtern die Kontaktaufnahme mit neuen Personen.
  • Freunde besuchen: Studien zeigen: Babys von kontaktfreudigen Müttern fremdeln weniger heftig. Sie sehen nämlich, wie ihre Mutter unverkrampft mit anderen Menschen umgeht. Eine erste Prägung des Sozialverhaltens also.
  • Kontakt aufnehmen: Ein Stoffball, eine interessante Rassel: Mit solchen Gegenständen lassen sich die Kleinen von Verwandten dann doch noch häufig zu einem Lächeln überreden.
  • Guckguck spielen: Kopf hinter einem Stofftuch verstecken, schnell wieder hervorlugen: Darüber freuen sich die Kleinen. Es zeigt ihnen, dass Mama nicht aus der Welt ist. So lernt das Kind, besser mit Trennungen umzugehen.



Bildnachweis: Thinkstock/Hemera, W&B/Privat

Anne-Bärbel Köhle / Baby und Familie; aktualisiert am 10.12.2014,
Bildnachweis: Thinkstock/Hemera, W&B/Privat

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