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Warum Kinder fremdeln

Selbst das freundlichste Strahlebaby kann zum misstrauischen Schreihals werden. Meist ist das sogenannte Fremdeln schuld, ein normaler Entwicklungsschritt. Wozu ist er gut?


Manche Kinder wollen immer nur bei der Mama sein

Das Kleine hängt an Mamas Rockzipfel, weigert sich hartnäckig, auf den Arm der Oma zu gehen und bricht beim Anblick von Fremden in panisches Gebrüll aus. Für den Kinderarzt und Kinderpsychologen Dr. Rüdiger Posth aus Bergisch-Gladbach ist das ein „richtig gutes Zeichen“. Es zeigt nämlich: Das Kind ist sicher an seine Bezugspersonen gebunden. Und: Es hat Angst vor Fremden. Bravo, Baby!

Bei manchen Kindern geht die Fremdelphase schon mit drei, vier Monaten los, bei den meisten aber erst zwischen sechs und acht Monaten. Plötzlich wendet sich das Kind ab, es vergräbt sich an Papas Schulter. Manche brüllen, versteifen sich vor Angst und starren den Fremden mit großen Augen an. Dahinter steckt kein Anflug von Schüchternheit und erst recht kein Erziehungsfehler – sondern ein ganz normales Verhalten und ein wichtiger Entwicklungsschritt.


Das Baby erkennt jetzt Vertraute und Fremde

Der Hintergrund: Säuglinge machen schnell Fortschritte in ihrer Wahrnehmung. „Ab etwa drei Monaten können sie zwischen vertrauten und unvertrauten Personen unterscheiden“, sagt Kinderarzt Posth. Ganz logisch also, dass die Kleinen nicht mehr jeden Gast lächelnd empfangen.

Als Erklärung vermuten Experten: Im Laufe der ersten Monate hat sich zwischen Eltern und Kindern ein Band geformt. Das Kleine ist an die Gesten, die Sprache und den Duft der Eltern gewöhnt. Fremde passen da nicht gut ins Konzept. So erkennt es den Unterschied zwischen Personen, denen es vertrauen – und solchen, die es noch nicht einschätzen kann.



Dr. Rüdiger Posth ist Kinderarzt und -psychologe in Bergisch-Gladbach

Kindersicherung der Natur

Für Psychologen ist Fremdeln auch eine Art Kindersicherung der Natur. In dem Alter werden die Kleinen nämlich zunehmend mobiler, sie krabbeln, stehen, gehen. Fremdeln begrenzt den Aktionsradius, sodass sie in der Nähe der Eltern bleiben.

Den Eltern ist es oft ein bisschen peinlich, wenn die Kleinen sich abwenden und den Besuch nicht mal anschauen wollen. Die Kinder dazu zu überreden, Kontakt aufzunehmen, halten alle Experten aber für grundfalsch. „Zwingen Sie Ihr Kind auf keinen Fall, auf andere zuzugehen, wenn es das nicht möchte“, sagt Rüdiger Posth.

Nicht zum Kontakt zwingen

Manche Eltern glauben, sie gewöhnten ihre Kinder schneller an den Umgang mit anderen, wenn sie das Baby trotz Protest dazu bringen, auf dem Schoß der Tante zu sitzen oder dem Onkel die Hand zu geben. Kinderarzt Posth rät davon ab. „Wenn das Kind weint, weil es sich ängstigt, sollte man es trösten“, erklärt er.

Das hat mehrere Gründe. Der gesunde Respekt vor nicht vertrauten Personen – und dazu gehört in Babys Welt eben manchmal vorübergehend auch die weitere Verwandtschaft – wird jetzt erst allmählich eingeübt und für später beibehalten. Aber das braucht Zeit.

Schutz für später

Gleichzeitig entsteht so ein dauerhafter innerer Schutzmechanismus, der auch dann greift, wenn das Kind größer wird. Es ist dann besser vor Übergriffen Fremder geschützt. Ein weiterer wichtiger Grund, die Sicherheitszone der Kleinen zu respektieren. Wenn Eltern einfühlsam mit den Ängsten ihrer Sprösslinge umgehen, lernen diese: Meine Bedürfnisse sind wichtig, ich werde ernst genommen.

„Das hilft den Kindern, die akute Fremdelphase schneller zu überwinden“, sagt Mediziner Posth. Und es sorgt dafür, dass sie ein gutes Bindungsverhalten und großes Urvertrauen entwickeln – davon profitieren sie ein Leben lang.

Spätestens nach ein paar Monaten verschwindet die extreme Ängstlichkeit ohnehin von selbst – und die Neugier siegt. Dennoch wird es immer wieder Phasen geben, in denen sich das Kleine fürchtet: wenn es das erste Mal in die Kindertagesstätte geht oder bei Oma und Opa über Nacht bleiben soll. Kinder, die das Gefühl dafür haben, dass sie sich auf ihre Eltern verlassen können, kommen in solchen Situationen besser zurecht.

Erneutes Fremdeln als Kleinkind

Mit etwa eineinhalb Jahren machen manche Kinder einen erneuten Fremdel-Schub durch. Für den Kinderpsychotherapeuten Posth „ein ganz normaler Prozess“. Jetzt merkt das Kleine nämlich erstmals, dass es mit der Mutter keine Einheit bildet, sondern eine von ihr getrennte Person ist. Eine interessante Erfahrung – aber auch verunsichernd.

Deshalb rutschen manche noch einmal in die alte Ängstlichkeit hinein. Jetzt lohnt es sich, erneut Geduld und viel Liebe aufzubringen und die Kleinen über ihre Furcht hinwegzutrösten. „Dann ist diese Phase binnen weniger Tage oder Wochen abgeschlossen“, so Posth.

Bindung kann gestört sein

Nur wenn Kinder über die Angst überhaupt nicht hinwegkommen oder niemals fremdeln, sollten Eltern hellhörig werden. Beides kommt sehr selten vor. Aber es könnten Anzeichen für eine Bindungs- oder Entwicklungsstörung sein, etwa Autismus.




Bildnachweis: Thinkstock/Hemera, W&B/Privat
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Anne-Bärbel Köhle / Baby und Familie; aktualisiert am 07.12.2012,
Bildnachweis: Thinkstock/Hemera, W&B/Privat

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