Letzte Woche passte dem Baby noch die Hose, heute blitzen die bunten Socken hervor: Wenn Kinder innerhalb kurzer Zeit einige Zentimeter größer werden, spricht man von einem Wachstumsschub. Stolze 25 Zentimeter gewinnen die Kleinen in den ersten zwölf Monaten an Größe. In den nächsten Jahren verlangsamt sich das Tempo. Grundschüler etwa legen pro Jahr im Schnitt nur vier Zentimeter zu. In der Pubertät machen die Kinder dann wieder einen Riesensprung. Jungen schießen jetzt durchschnittlich 13, Mädchen sieben Zentimeter in die Höhe. Pro Jahr! Und während die Kinder so wachsen, sehen sie manchmal ziemlich lustig aus. Denn die verschiedenen Bereiche des Körpers entwickeln sich nicht gleichzeitig und schon gar nicht proportional. Sonst würden Erwachsene ja aussehen wie Riesenbabys.
Platz zum Lernen: Kopf ist zunächst verhältnismäßig groß
Der Kopf besitzt im Vergleich zu Armen, Beinen und Rumpf bereits eine beachtliche Größe, wenn das Baby auf die Welt kommt. Kein Wunder, denn ein Neugeborenes hat ungefähr so viele Nervenzellen im Gehirn wie ein Erwachsener. Und die brauchen Platz. Monat für Monat benötigen sie noch mehr Raum, denn sie verschalten sich vielfach, die Verbindungen werden dicker. Die Gehirnmasse nimmt im ersten Lebensjahr enorm zu – von 250 auf 750 Gramm. Und der Schädel wächst natürlich mit. Seine Endgröße hat er erreicht, wenn das Kind vier oder fünf Jahre alt ist. „Die anderen Bereiche des Kopfes entwickeln sich in den nächsten Jahren noch weiter“, erklärt Hals-Nasen-Ohren-Arzt Professor Ralf Siegert vom Prosper-Hospital in Recklinghausen. Der Unterkiefer wachse zum Beispiel bis zum 20. Lebensjahr.
Ohren und Nase werden sogar ein Leben lang größer – betrachtet man die Riesenlauscher des Opas oder die große Höckernase manch alter Frau. „Genau genommen handelt es sich hier um Altersveränderungen“, sagt Siegert. Das Ohr sei nämlich im Alter von neun Jahren zu 90 Prozent fertig, dann wachse es nur noch minimal. Je älter der Mensch, desto mehr erschlafft die Haut. Auch das Fettgewebe folge der Schwerkraft, wodurch das Ohr tatsächlich größer wird, hauptsächlich im Bereich der Ohrläppchen. Mit der Nase verhält es sich ähnlich. Die Stupsnase verschwindet in der Pubertät, mit 15 Jahren ist das Wachstum der Nase abgeschlossen. Doch auch sie verändert sich im Laufe des Lebens. „Mit dem Älterwerden sinkt die Spitze vorne hinunter, oben tritt der Knochen hervor“, so Siegert.
Kleine Zähnchen, großer Kiefer?
Die Zähne sind eine Besonderheit im menschlichen Körper. Denn wir haben gleich zwei Sätze von ihnen. Die ersten Zähne kommen im Alter von vier Monaten bis eineinhalb Jahren zum Vorschein. Weil der Kiefer noch klein ist, hat die Natur nur 20 Milchzähne vorgesehen. Je mehr er nun wächst, desto größer werden die Lücken dazwischen. Oft sieht das aus, als ob nur winzige Mäusezähnchen in Kindermündern stehen. „Viele Eltern befürchten, dass die Größe der ersten auf die der zweiten Zähne schließen lässt“, erzählt Kinderzahnärztin Dr. Esther Wolf aus München. Das sei nicht der Fall. Die bleibenden Zähne sind in der Regel größer und breiter als die ersten. Und mehr von ihnen – 32 an der Zahl – gibt es außerdem. Wie groß die Zweiten tatsächlich werden, liegt in den Genen.
Die Haare fallen dem Baby oft schon kurz nach der Geburt aus. Keine Sorge, das hat mit ihrem Wachstumszyklus zu tun. „Wir haben junge, mittelalterige und alte Haare“, erklärt Kinderarzt Professor Michael J. Lentze von der Universitätsklinik Bonn. „Fallen die alten heraus, sind die neuen schon da. Babys aber kommen nur mit alten Haaren zur Welt und werden oft erst einmal komplett kahl.“ Ein Trost: Nach ungefähr einem Jahr ist der Zyklus stabil, die Haare wachsen wieder, und zwar mit Überraschungseffekt – oft in einer anderen Farbe, manchmal auch als Locken.
Pubiertierende haben Riesenhände und -füße
Hände und Füße werden meist vor Armen und Beinen größer, weil ihre Wachstumsfugen früher verknöchern. „Besonders auffällig ist das bei Kindern in der Pubertät“, sagt Experte Lentze. Bei Mädchen wachsen Hände und Füße im Schnitt mit zwölf und bei Jungen mit 14 Jahren im Eiltempo. Die Jugendlichen wirken in dieser Phase oft ein wenig tollpatschig.
Arme und Beine holen schnell auf. Der Rumpf aber ist noch nicht so weit und wächst erst ein wenig später. Langsam pendeln sich dann die Proportionen eines Erwachsenen und die endgültige Größe ein. Mädchen sind im Durchschnitt mit 16 und Jungen mit 18 Jahren ausgewachsen. Wie groß der Nachwuchs wird, lässt sich mit einer Formel überschlagen: Die Körpergröße der Eltern in Zentimetern addieren und durch zwei teilen. Dann zieht man bei Mädchen sechs ab und bei Jungen rechnet man neun dazu. Und schon weiß man ungefähr, wann das Längenwachstum ein Ende hat.
Tina Haase / Baby und Familie;
25.06.2010, aktualisiert am 25.01.2012
Bildnachweis: Fotolia/Michael Kempf
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