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Talent lässt sich trainieren

Neue Studien zeigen: Begabung ist nicht einfach nur angeboren. Je besser man Kinder fördert und auf ihre Interessen eingeht, desto eher entwickeln sie Geschick auf unterschiedlichsten Gebieten


Bevor die Wahl auf ein Hobby fällt, heißt es: ausprobieren!

Sie bringen uns immer wieder zum Staunen: Wunderkinder, die von klein auf Verblüffendes leisten. Zum Beispiel der chinesische Starpianist Lang Lang (28), der bereits mit neun Jahren in Peking studierte und heute international gefeiert wird. Oder die siebenfache Wimbledon-Siegerin Steffi Graf (41), die mit drei Jahren schon den Tennisschläger schwang und als Dreizehnjährige in die Profi-Liga aufstieg. Was unterscheidet solche Ausnahmetalente von Durchschnittsmenschen? Bekommen sie ihre Begabung in die Wiege gelegt?

Übung macht den Meister

Aktuelle Studien widersprechen der These vom angeborenen Genie. Der schwedische Psychologe und Begabungsforscher Dr. Anders Ericsson etwa ist überzeugt: Talent lässt sich zum großen Teil erlernen. In Langzeituntersuchungen fand er heraus, dass nicht die genetische Anlage Menschen zu Experten auf einem bestimmten Gebiet macht, sondern hauptsächlich die Bereitschaft, regelmäßig zu trainieren. Zehntausend Stunden Praxis seien nötig, so Ericsson, um ein Fach wirklich gut zu beherrschen. Bei einem Einsatz von einer Stunde pro Tag erreiche man dieses Pensum erst nach mehr als zwei Jahrzehnten.


Bedenkt man, dass sowohl Lang Lang als auch Steffi Graf seit Kindertagen täglich unzählige Stunden an ihrem Können feilten, erscheinen ihre Leistungen nicht mehr so überraschend. Neben Fleiß spielt die Förderung durch Eltern und Trainer eine entscheidende Rolle. „US-Studien belegen, dass sozioökonomische Faktoren mehr Einfluss auf die Begabung haben als die Gene“, so Diplom-Psychologin Nina Krüger, die sich an der Universität Hamburg mit Begabungsforschung befasst. „Wenn Geld, emotionale Unterstützung und Bereitschaft zur Förderung fehlen, geht Talent unter.“

Eine Wunderkind-Karriere mit allen Entbehrungen wünschen sich die wenigsten Eltern für ihr Kind. Aber dass der Nachwuchs Talente entwickelt und sich beim Fußball oder Zeichnen, beim Schach oder Geigespielen entfalten kann – diese Hoffnung hegen wohl viele. Manche Kinder zeigen schon im Vorschulalter, was ihnen liegt. Bei anderen ist Spürsinn gefragt. „Durch genaues Beobachten erkennt man früh, was Kinder mögen“, sagt Diplom-Pädagogin Uta Reimann-Höhn aus Wiesbaden. „Eine kommunikative Begabung zeigt sich etwa dadurch, dass ein Kind gerne und viel Kontakt sucht. Wer mit Begeisterung bastelt, hat wahrscheinlich praktisches Geschick“, so die Expertin.

Genau hinsehen

Man sollte nicht zu schnell in „begabt“ oder „unbegabt“ einteilen. Bestimmte Stärken zeigen sich erst nach und nach. Beim Forschen nach Neigungen des Kindes kann es auch zu Missverständnissen kommen. Das hat Nina Krüger selbst erlebt. „Mit sechs Jahren ging ich mit meiner Mutter gerne zu Ballettaufführungen. Sie schickte mich daraufhin zur Ballettstunde. In Wirklichkeit schwärmte ich für klassische Musik. Nach einiger Zeit traute ich mich, mein wahres Interesse zu verraten und durfte zum Cello-Unterricht, was mir viel mehr Freude machte.“ Um Fehlinterpretationen zu vermeiden, rät Krüger, genau hinzuschauen.


Ausprobieren dürfen

Vielleicht möchte das Kind plötzlich zum Trommelkurs, weil der beste Freund da angemeldet ist. Oder die Tochter will reiten wie die Mädchen in ihren Pferdebüchern. Für Eltern eine schwierige Entscheidung: Handelt es sich nur um eine Laune? Oder lohnt es sich, Zeit und Geld zu investieren? „Kinder sollten sich ausprobieren dürfen, selbst wenn die Interessen häufiger wechseln“, sagt Krüger. „Man muss ja nicht gleich in einen Verein eintreten. Vielleicht kann man bei Freunden mal bei einem Musik- oder Sportkurs zuschauen oder eine Probestunde besuchen.“

Hält die Begeisterung an, kann man sich auf eine Vereinbarung einlassen: „Du gehst jetzt einmal pro Woche eine Stunde zum Unterricht, und wir schauen in drei Monaten, ob du dich noch damit wohlfühlst.“ Teures Equipment dürfen Eltern sich fürs Erste ausleihen. Ein gewisses Maß an Durchhaltevermögen kann man auch bei den Kleinen schon erwarten. „Wer eine Begabung ausbauen will, muss auch zwischenzeitliche Unlust überwinden“, erklärt Reimann-Höhn. Ein Kind, das von seinem Hobby nur Hochstimmung erwartet, wird enttäuscht. Da ist es hilfreich zu vermitteln: „Gerade weil uns manche Dinge erst mal nicht gelingen, müssen wir sie immer wieder üben und können sie dann umso besser.“

Hält die Begeisterung für das Hobby an, kann man ab dem Kindergartenalter über einen Vereinseintritt nachdenken. Achten Sie darauf, dass die Kursleiter pädagogisch geschult sind und keinen unnötigen Leistungsdruck aufbauen. Zu schnelles Aufgeben, falls das Kind sich doch nicht wohlfühlt, ist aber nicht ratsam. „Es sollte schon vier bis sechs Monate durchhalten. Danach ist ein Wechsel okay“, so Reimann-Höhn.

Ein Problem bei der Talentfindung der eigenen Kinder: Kaum ein Elternteil kann sich von persönlichen Erwartungen freimachen. Vielleicht hat Papa das Baby längst in dem Fußballverein angemeldet, in dem er selbst einst Flanken übte. Ob der Filius überhaupt Lust aufs Kicken hat? Das sollte man erst mal abwarten und nicht gekränkt reagieren, wenn das Kind andere Pläne hat.

Oft bauen auch gesellschaftliche Vorstellungen Erwartungsdruck auf. Mädchen sind sprachlich und musisch begabt, Jungen punkten in Mathe und Sport – dieses Klischee hält sich hartnäckig. Im Mittelpunkt sollten aber die Wünsche des Kindes stehen. Auch wenn der Fußball-Papa sich dann damit abfinden muss, dass sein Sohn lieber Stepptanz lernt.

Spaß statt Stress

Die meisten Kleinen stoßen früher oder später automatisch auf ein Lieblingshobby. Deshalb ist es gar nicht nötig, als Mutter oder Vater in die Rolle des Animateurs zu schlüpfen. Haben Sohn oder Tochter schon eine Beschäftigung auserkoren, wünschen sie sich die Aufmerksamkeit der Eltern für ihren Einsatz. „Erkennen Sie an, was Ihr Kind gut gemacht hat. Kritik überlassen Sie aber am besten Lehrer oder Trainer“, so Krüger. „Bei Misserfolgen sollten Sie dem Kind Wärme und Halt geben: Du hast dich so angestrengt, nächstes Mal klappt das besser! Ich finde es toll, wie du bei der Sache bist.“ So vermitteln Sie: Nicht Leistung macht liebenswert, die Freude am Tun steht im Vordergrund.



Tanja Pöpperl / Baby und Familie; 25.11.2010, aktualisiert am 29.11.2011
Bildnachweis: Image Source Limited/Photolibrary, W&B/Fotolia, Mauritius Images GmbH/Artur Cupak, W&B/Sabine Dürichen, Getty Images/Dorling Kindersley, Stills Online Bildagentur, W&B/Shotshop

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