Er ist weiß, scharfkantig, klein und liegt nicht einmal schön in der Hand. Ein ganz normaler Kieselstein. Nichts Besonderes, denken die Eltern. Genau den brauche ich, denkt sich die Dreijährige und steckt ihn ein, um ihn zu Hause zu ihrer Sammlung zu legen. Für Eltern ist es nicht immer nachvollziehbar, warum sich der Nachwuchs die Taschen mit Steinen vollstopft oder jedes beliebige Stöckchen zum begehrten Sammelobjekt erklärt. Fragt man die Kleinen, weshalb sie die Dinge so gerne sammeln, lautet die schlichte Antwort meist: „Weil’s Spaß macht.“
Mit einer so einfachen Begründung geben sich Wissenschaftler nicht zufrieden. Tatsächlich stellt sie die kindliche Sammelleidenschaft immer noch vor Rätsel. „Es gibt viele Antworten, aber nicht die eine Erklärung“, sagt Professor Ludwig Duncker, Erziehungswissenschaftler an der Justus-Liebig-Universität in Gießen.
Prof. Dr. Ludwig Duncker ist Erziehungswissenschaftler an der Justus-Liebig-Universität in Gießen. Er forscht zur kindlichen Sammelleidenschaft
Die Welt entdecken
Was die Forscher wissen: Die kleinen Sammler beschäftigen sich mit Dingen, die sie in ihrer Umwelt vorfinden. Sie bleiben mit ihren Sinnen an etwas hängen, erkunden es und nehmen es dann mit. „Über das Sammeln setzen sie sich mit ihrer Wirklichkeit auseinander“, sagt Duncker. Kinder lernen so die Welt um sich herum kennen, eignen sich diese an, indem sie sich ein Stück aus der Vielfalt herausbrechen. Egal, ob das Schneckenhäuser sind, die sie im Garten finden, Blätter, die ihnen beim Waldspaziergang vor die Füße kommen, oder Muscheln, die das Meer im Urlaub an den Strand spült.
Wie banal das Objekt der Begierde auch sein mag oder wie umfangreich die Sammlung – für die Kinder bedeutet jedes Stück etwas Besonderes. „Spannend für uns Forscher ist, dass Erwachsene das Interesse für bestimmte Dinge nicht vorschreiben oder gar erzwingen können. Es kommt ganz alleine aus dem Kind“, sagt der Experte. Und so sind die Dinge, die Kinder sammeln, manchmal ganz schön skurril: wie zum Beispiel die geknoteten Bänder, die ein sechsjähriges Mädchen voller Stolz hütet wie einen wertvollen Schatz. Oder die Sammlung toter Tiere, die Ludwig Duncker einmal vorgeführt bekam: Sie bestand aus einem Schmetterlingsflügel, einer toten Hummel und einem Schneckenhaus. „Sammelthemen sind sehr individuell. Sie zeigen, wie originell Kinder ihre Umwelt wahrnehmen.“
Sammeln und sortieren
So unterschiedlich die Themen und Interessen der kleinen Sammler sind, so gleichen sich doch alle Kinder in dem, was sie mit ihren Sammlungen machen: Sie ordnen die Dinge, sortieren sie immer wieder neu. Dabei gehen sie nach ganz anderen Kriterien vor als Erwachsene. Die einfachste Ordnung für viele Kleine: Sie haben ein Lieblingsstück – und dann gibt es noch den Rest. Oder sie sortieren nach klein und groß, zum Beispiel Tannenzapfen. Erwachsene würden die Zapfen den einzelnen Baumarten zuordnen.
Wenn Kinder mit ihren gesammelten Schätzen spielen, entdecken sie immer neue Facetten der Objekte – und damit neue Ordnungskriterien. Sortiert eine Fünfjährige beispielsweise ihre Knöpfe-Sammlung, entstehen vielleicht Häufchen aus Knöpfen, die glitzern, die sich zu einem Turm stapeln lassen oder aus denen man eine Kette fädeln kann. „Ein Erwachsener würde die Knöpfe eher nach ihrer Verwendung für Kleidungsstücke einteilen“, meint Duncker.
Je älter die Kinder sind, umso mehr wächst ihr Wissen über die Sammelobjekte. Denn irgendwann gibt sich der Vierjährige nicht mehr damit zufrieden, einfach nur Steine zu sammeln. Er möchte vielleicht wissen, weshalb manche Steine rund sind und andere scharfe Kanten haben oder woher ihre unterschiedlichen Farben kommen. „Genau so beginnt wissenschaftliches Arbeiten. Kinder erwerben sich auf diese Weise auf einem bestimmten Gebiet Fachwissen“, erklärt der Erziehungsexperte. Und erlöscht irgendwann das Interesse, wird es schon bald durch das nächste Thema ersetzt und neue Dinge werden gesammelt.
Ungefähr wenn Kinder in die Grundschule kommen, beginnen sie zu tauschen. Ihre Sammlungen sollen nun möglichst vollständig sein. Und sie lassen sich stärker von Gleichaltrigen inspirieren, was sie sammeln. Meist sind das jetzt kommerzielle Dinge, wie etwa Fußballbildchen, die die Kleinen mit Hingabe in ein Album kleben. „In den letzten 20 Jahren hat der Anteil der Sammlungen mit kommerziellem Hintergrund zugenommen“, hat Duncker beobachtet. Für Mütter und Väter bedeutet es oftmals ein schwieriges Unterfangen, inwiefern sie diese Art der Sammelwut unterstützen. Ständige Diskussionen um das Geld, das für die Sammelobjekte ausgegeben wird, können Eltern mit einer klaren Regel beenden: Der Nachwuchs muss sein Taschengeld dafür verwenden.
Tagebuch des Lebens
Zu schlechter Laune bei allen Beteiligten führt häufig die Frage: Wie viel Raum darf die Sammelleidenschaft der Kleinen einnehmen? Eltern haben da oft andere Vorstellungen als ihre Kinder. Ludwig Duncker plädiert dafür, einen konkreten Vorschlag zu machen und etwa den Aufbewahrungsort einzugrenzen. Zum Beispiel: Die Sammlung kann anwachsen, solange sie noch im Regal oder in einer Kiste Platz hat.
Ein anderer Streitpunkt: Der Nachwuchs will unterwegs Unmengen an Steinen oder Stöcken mit nach Hause schleppen. Hier rät der Experte ebenfalls, pragmatisch vorzugehen: „Sagen Sie Ihrem Kind, dass es so viel mitnehmen darf, wie es selbst tragen kann.“ Eltern sollten auf keinen Fall heimlich die Sammlungen ihrer Kleinen ausmisten und Dinge wegwerfen. „Kinder erinnern sich bei jedem Stück daran, wo sie es gefunden haben“, sagt Duncker. „Die Sammlung ist für sie eine Art Tagebuch, das ihr Größerwerden dokumentiert.“
Barbara Weichs / Baby und Familie;
26.09.2011
Bildnachweis: W&B/Privat, Getty Images/Photographer's Choice
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